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»Klar«, sagte wieder sein erfahrener Genosse. »Du bist ja auch hässlich.« Das jetzt nahezu donnernde Gelächter fasste er als Ermutigung auf, um hinzuzufügen: »Und um deinen Schwanz zu sehen, braucht man sowieso eine Lupe!«

Bonneterre benutzte keine Lupe, sah sich Brisena aber ausführlich und überall an, ohne sie zu berühren. Das Mädchen weinte trotzdem, und das machte ihn irgendwann wütend. Verwundert registrierte er einmal mehr, dass diese Wut seine Lust größer machte als die vorangegangenen Blicke.

Brutal drängte er sich zwischen ihre mageren Schenkel und genoss ihre Schmerzensschreie, als er wieder und wieder in sie eindrang. Anschließend warf er sie nackt und blutend aus seinem Schlafzimmer, verriegelte die Tür und ließ sich von seiner stummen Dienerin Blut, Rotz und Samen abwaschen. Dann kettete er Darioleta an die Säule neben ihrem Schlafplatz an der Tür und legte den Schlüssel wie immer auf seinen Nachttisch. Als er endlich erschöpft auf sein Bett fiel, seufzte er wohlig, lachte aber auch und sagte laut: »Die ersten Kinder werden die besten!« Er würde das noch Tausende Male tun, mit Hunderten schwarzer Frauen, und irgendwann, hoffte er, sogar mit seinen eigenen Töchtern. Das Leben im Süden war herrlich!

Er erwachte durch das leise Geräusch, mit dem das Fenster ausgehebelt wurde, aber ehe er sich hochrappeln und schreien konnte, schlossen sich zwei kräftige Hände um seinen Hals. Einen Moment lang glaubte er zu träumen: sah sich selbst wieder in einer staubigen Straße von New Orleans liegen, einen schwarzen Alptraum namens Gandalod auf der Brust. Bonneterre schlug jetzt heftig mit beiden Beinen aus, zappelte, aber erst als er sicher war, dass er sterben würde, ließ der Druck plötzlich nach und bekam er mit einem rasselnden Pfeifen wieder Luft in die Lunge. Sonst konnte er sich allerdings nicht rühren, denn der Eindringling hielt ihn weiterhin eisern umklammert. »Was soll das?«, krächzte er. »Wer sind Sie?«

»Moses«, sagte John Gowers, während er der stumm zuschauenden Darioleta den Schlüssel zu ihrer Kette in den Schoß warf.

162.

»Marching through Georgia« hinterließ bei einem der Verteidiger des Pas Tauranga Ika einen sonderbaren Eindruck. Die Erinnerung an vergangene Schrecken mischte sich mit der Erwartung derjenigen, die ihnen bevorstanden, und machte ihn zu dem vielleicht einzigen weißen Mann in Neuseeland, der die Vorgänge dieser Nacht je verstand. Denn John Gowers war in der Tat durch Georgia marschiert.

Der Zerstörer von Atlanta13 gab einen Befehl, und zweiundsechzigtausend Männer setzten sich in Bewegung – aber nicht, wie jeder erwartet hatte, entlang ihrer dünnen Nachschublinie nach Norden, sondern nach Südosten, dem tausend Meilen entfernten Meer zu. Der Rückzug der so tief im Feindesland stehenden Yankee-Armee werde enden wie Napoleons Übergang über die Beresina, prophezeite rachsüchtig und propagandistisch nicht ungeschickt der Präsident der Konföderierten Staaten von Amerika, Jefferson Davis.

»Schön«, knurrte der ledergesichtige, rothaarige William Tecumseh Sherman, »aber wo will er den Schnee hernehmen?« Seine Telegramme an Lincoln und Grant waren deutlicher: »Georgia soll winseln. Wir werden ihnen den Krieg so verleiden, dass sie auf Generationen hin nicht mehr daran denken, einen anzuzetteln.«

Tatsächlich war Georgia als ein Kernstaat des Südens bislang von den Schrecken des Krieges verschont geblieben. Sherman änderte das. Die Ernte war gut gewesen, Scheunen und Vorratskammern waren bis zum Bersten gefüllt. Sherman änderte das. Die Wege waren gut, die Häuser sauber, die Gärten gepflegt. Sherman änderte das. Seine Armee schlug eine so breite Schneise der Verwüstung durch das reiche Land, dass »eine Krähe, die darüber wegfliegen will, ihren Proviant mitnehmen muss«. Da keine feindlichen Soldaten zwischen ihnen und Savannah standen, fiel ihnen ihr Zerstörungswerk leicht, wenn sie es auch nicht gern taten und sich wie die Barbaren vorkamen, die sie zweifellos waren. Bis zu diesem Abend in Milledgeville.

Sie feierten gerade Thanksgiving an ihren Feuern, als sich plötzlich eine kleine Gruppe zerlumpter, fast verhungerter Männer aus dem Dunkel löste. Schwer vorstellbar, wie sie überhaupt durch die Postenlinien gekommen waren. Vielleicht lag es daran, dass keiner von ihnen mehr Stiefel anhatte. Die Vogelscheuche, die offensichtlich ihr Anführer war, trat ans Feuer, und man sah jetzt, dass die Fetzen, die er am Leib trug, die Reste einer Nordstaatenuniform waren.

»Riecht verdammt gut, euer Kaffee, Jungs!«

»Wer zum Teufel sind Sie?«, fragte ein Sergeant.

»Captain John Gowers, 4th Illinois Scouts. Mit sieben Burschen aus unterschiedlichen Einheiten. Vor zwei Wochen aus Andersonville … sagen wir maclass="underline" entsprungen.« Der Mann, in dessen Augen ein irrer Glanz trat, als er das rohe Fleisch sah, das noch nicht über dem Feuer hing, lachte tatsächlich leise.

»Das … das müssen Sie dem General erzählen«, stammelte der Sergeant.

»Sorgen Sie dafür, dass die sich den Magen nicht verderben«, erwiderte Captain Gowers mit einem Daumenwink in Richtung seiner Männer, von denen einige beim Anblick des Sternenbanners in Tränen ausbrachen.

»Sind wir uns nicht schon begegnet?«, fragte General Sherman den abgekämpften Captain der 4th Illinois Scouts, der während seines Berichts zwanglos an einem kleinen Stück Brot herumkaute.

»Ja, Sir«, antwortete Gowers. »Ich war mit Grant bei Vicksburg.«14

»Ich erinnere mich«, sagte der General. »Haben die Stadt infiltriert, richtig?!«

»Das war keine Stadt mehr, Sir.«

Ein Monat Artillerie-und Kanonenbootfeuer, rund um die Uhr, vierundzwanzig Stunden am Tag. Enge Höhlen, Stollen, in die Hänge getrieben, vollgestopft mit Möbeln, Teppichen, Bildern, Wertsachen. Dazwischen ganze Familien, Frauen in verdreckten Kleidern, hohläugige Kinder, ein Mann, der beim Licht eines einzelnen Kerzenstumpfs eine Zeitung las, die auf Tapetenpapier gedruckt war. Maultierfleisch auf dem Markt. Hunde und Katzen, die einfach verschwunden blieben. Der Junge, der mit Freude und Händlerstolz in der Stimme »Ratten! Frische Ratten!« anbot und seine abgehäutete Ware binnen zehn Minuten abgesetzt hatte.

»Wo haben sie Sie erwischt?«, fragte Sherman.

»In der Wilderness«,15 antwortete Gowers, »ziemlich am Anfang.«

Hundertzehntausend Männer in einem undurchdringlichen Wald, keine Frontlinien mehr, Kampf Mann gegen Mann, hinter zerschossene Bäume geduckt. Freund und Feind im Pulverdampf nicht mehr zu unterscheiden. Verwundete beider Seiten, die jämmerlich schreiend im vom Mündungsfeuer entzündeten Unterholz verbrannten.

»Dann waren Sie ja«, der rothaarige General rechnete kurz, »fast fünf Monate drin. Ich dachte nicht, dass irgendwer es so lange aushalten kann.«

Gowers zuckte jetzt nur mit den Schultern. Man musste sich schon danach drängen, am Leben zu bleiben. Nur für sich sorgen. Die schwächeren Kameraden vergessen. Den ohnehin Sterbenden die letzte Ration wegnehmen. Möglichst wenig aus dem verseuchten Fluss trinken. Regenwasser. Oder den eigenen Urin.

»Wie sind Sie rausgekommen?«

»Zwei Posten getötet und über den Zaun, Sir.«

Sie hatten sie praktisch zeitgleich erledigt, was nur möglich war, weil Gowers im Dunkeln sehen konnte, wie und wann Leutnant Frederick Milner dem einen Posten die Kehle mit einem angeschärften Löffelstiel durchschnitt. Der Mann, den er selbst hinterrücks tötete, war noch erschreckend jung gewesen. Er fühlte es daran, wie weich sein Bart war. Milner und er hatten zuletzt so vielen Männern wie möglich gesagt, dass es gleich eine Lücke in der Postenkette geben würde. Nicht, weil sie alle rausbringen wollten, sondern weil sie wussten, dass die Wächter auf alles schießen würden, was sich bewegte. Und je mehr sich bewegte, desto größer war die Chance für den Einzelnen.