Es war schwer, machte ihm aber auch ein höllisches Vergnügen, das Schiff immer wieder so in den Strom zu legen, dass etwaige Beobachter an den auftauchenden Anlegestellen nicht seine Breitseite, sondern nur den schmalen Bug des Dampfers zu sehen bekamen: als kleinen dunklen Punkt am jeweils gegenüberliegenden Ufer, auch für geübte Augen kaum von einem hoch beladenen Floß zu unterscheiden. Die Hauptgefahr dabei bestand darin, dass sie ihrerseits ein Floß rasierten, aber sein außergewöhnliches Sehvermögen bewahrte sie und andere vor diesem Schaden.
Kritisch wurde es nur ein einziges Mal, als sie die Mündung des Arkansas passierten und ernstlich Dampf vorlegen mussten, um nicht von der reißenden Strömung des zweiten Flusses in die Wälder von Beulah gedrückt zu werden. Erst in der Morgendämmerung, bei der großen Insel Winterville Mounds, steuerte er die Deep South selbst in die niedrigen, überhängenden Zweige der dort wachsenden Bäume, die sie den Tag über sicher verbergen würden.
Die zweite Nacht, das gleiche Spiel. John stieg merklich in der Achtung der Männer, die zwar nicht immer verstanden, was er mit Schiff und Strömung tat, aber jetzt wussten, dass ihr Lotse die Regeln seines Berufs so gut beherrschte, dass er sie nach Belieben brechen konnte. Die Anlegestellen nicht anlaufen, sondern umfahren, immer da sein, wo ein Dampfschiff eigentlich nichts zu suchen hatte, mit Volldampf über Flusskehren kreuzen, sich dann wieder treiben lassen wie ein Stück Holz, das ein Kind in den großen Strom geworfen hat.
Sie passierten Lake Providence, Vicksburg, Grand Gulf und Waterproof, Natchez und Deer Park, ohne einen dieser Orte wirklich zu sehen und folglich auch, ohne gesehen zu werden. Je weiter sie nach Süden kamen, desto schwieriger wurde allerdings dieses Geschäft. Der Fluss, bisher zwischen Wäldern und Hügeln zuverlässig und rasch dahinfließend, trat in die riesige Tiefebene von Louisiana ein und wurde träge und tückisch. Stellenweise bis zu anderthalb Meilen breit und bis zu unglaublichen zweihundert Fuß tief, floss er jetzt doch langsamer und ließ die klaren Begrenzungen durch Bäume oder zumindest solide Uferböschungen hinter sich.
Zu beiden Seiten verschwanden die Wälder und machten endlosen Zuckerrohrplantagen Platz, die sich ohne nennenswerte Erhebung von Horizont zu Horizont erstreckten. Die Bagasse, riesige Haufen von Pflanzenstängeln, pflegten die Farmer in langsam schwelenden Feuern zu verbrennen, und so kam zur Eintönigkeit der Landschaft auch noch der undurchdringliche Rauch, in dem sich jede Kontur verlor. Man schien auf einem trüben, nebligen Meer zu schwimmen und wusste bei hoch stehendem Wasser nicht einmal genau, ob man sich noch im Flussbett befand oder längst auf einer der Plantagen. Gelegentlich war es hier bei Hochwasser sogar vorgekommen, dass kleinere Dampfschiffe einsam stehende Farmhäuser oder ihre Speichertürme rammten.
Sie ankerten den Tag über unterhalb von Hermitage, in einer der letzten Flussbiegungen vor Baton Rouge, und entzündeten wieder ihre Tannenholzfeuer, um mit ein wenig Glück für einen Haufen schwelender Bagasse gehalten zu werden. Gleichzeitig befahl John, mithilfe des Lotsenboots so viel wie möglich von dem stinkenden, halb verfaulten Zeug an Bord zu schaffen, da sie spätestens New Orleans, dessen Stadtteile sich auf beiden Seiten des Mississippi befanden, nur, wie er spöttisch sagte, »als Nebelbank getarnt« unbemerkt passieren konnten.
Aber auch in der letzten Nacht verlief ihre Fahrt erstaunlich glatt, wenn man von einem unbeleuchteten kleinen Floß absah, das ihnen ins Gehege kam, aber naturgemäß den Kürzeren zog. Sie vergewisserten sich, dass die erbosten Flößer ihr unfreiwilliges Bad unbeschadet überstanden hatten, und sahen sie ihre Fäuste gegen den Idioten schütteln, der da nachts ohne Licht unterwegs war. Auch dieser Unfall war eine alltägliche Begebenheit im Leben des Flusses.
New Orleans erreichten sie um drei Uhr nachts, und hier machte John sogar seine Pfeife aus und ließ die Bagasse verfeuern, die sie zwar vor jedem Blick, aber nicht vor jeder Nase verbarg, da der so erzeugte Rauch stank wie die Hölle und all ihre Teufel. Man bemerkte sie, bemerkte sie sogar gründlich – vor allem in den in Windrichtung liegenden Wohnvierteln –, aber man sah sie nicht. Und abgesehen von den bitteren Flüchen, die hier und da einzelne der so unangenehm und schleichend aus dem Schlaf gerissenen Einwohner auf die ganze Menschheit schleuderten, blieb die Nacht ruhig.
In der Morgendämmerung warfen sie Anker in Myrtle Grove, schon weit im Delta des Mississippi, und hatten ihr Ziel erreicht.
66.
Franklin Sykes, M. D., war vor einigen Jahren Nells Liebhaber gewesen, obwohl er etwa drei Mal so alt war wie die damals Sechzehnjährige. Sein Titel war echt und aus Cambridge,wenn seine medizinische Tätigkeit auf dem fünften Kontinent auch vorwiegend darin bestand, Abtreibungen vorzunehmen. Er wohnte zu diesem Zweck periodisch wechselnd in den Hinterzimmern der zahlreichen Hafenbordelle, wo er naturgemäß viele seiner Kundinnen fand, behandelte aber auch andere Frauen, Zimmermädchen, Ladengehilfinnen, die sich unglücklich gemacht hatten. Gelegentlich gehörte zu seinen Obliegenheiten auch die Erstversorgung verletzter Zuhälter und Rausschmeißer, von Dieben oder Räubern, die in Ausübung ihres Berufs körperlichen Schaden genommen hatten. Man hätte ihn einen Wohltäter der unteren Klassen nennen können, wenn er nicht stets einen angemessenen Anteil an der Beute verlangt hätte.
Seine Kuren und Künste waren bei den Patienten nicht eben beliebt, aber das Beste, was man für wenig Geld und vor allem: unter der Hand bekommen konnte, und es wunderte deshalb niemanden, dass ein bis zum beginnenden Wahnsinn verwegen aussehender junger Mann mit einer blutigen Schmarre im Gesicht in mehreren Etablissements nach Doktor Sykes fragte, ehe er ihn schließlich fand.
James Fagan trat in ein enges, schmutziges Zimmerchen ein, ohne sich die Mühe des Anklopfens zu machen.
»Raus!«, knurrte Sykes, der gerade mit zwei stricknadelähnlichen Geräten in einer jungen Dame beschäftigt war, die mit angezogenen Beinen und einem Stück Holz zwischen den zusammengebissenen Zähnen auf einem viel zu kurzen Küchentisch lag.
»Ich bin’s«, sagte Fagan mit flatternder Stimme, der die Flucht durch das Morgengrauen noch anzuhören war. »Jamie!«
Der Arzt hob nur kurz den Kopf.
»Oh! Setz dich. Trink was!«
Er reichte dem Jungen eine unetikettierte braune Flasche, mit deren Inhalt er eben seine Hände, sein Werkzeug und seine Kehle desinfiziert hatte. Jamie setzte sich, trank, und sein Ächzen unter der verheerenden Wirkung der scharfen Flüssigkeit vermischte sich mit dem plötzlichen Aufstöhnen der Patientin, als Doktor Sykes die Behandlung fortsetzte. Ihr Kopf, den sie eben noch krampfhaft erhoben hatte, sank zurück, fand keinen Halt auf der Tischplatte und hing über die Kante herab, bis ihr langes wirres Haar beinahe den Fußboden berührte. Unwillkürlich setzte sie die Ellenbogen auf und bewegte dabei offensichtlich das Operationsgebiet.
»Halt deinen verdammten Arsch still«, sagte jedenfalls der durch nichts zu erschütternde Chirurg, »sonst durchlöchere ich dir am Ende die Blase!«
Das Mädchen, nur unwesentlich älter als James Fagan, war anscheinend nicht zum ersten Mal in dieser unangenehmen Situation, denn sie schnaufte verständnisvoll, zustimmend, ergeben. Dabei lief ihr Rotz aus der Nase und mischte sich mit ihren Tränen.
»Wie geht’s?«, fragte der Arzt und meinte nicht seine Patientin, in der er ungerührt weiter herumstocherte. »Wie geht’s Nell? Was ist mit deinem Gesicht passiert?« Er war berühmt dafür, dass er zu viel redete.