Jamie wusste nicht genau, was Nell über den Arzt wusste und warum er ihr so verpflichtet war, dass er ihr mitsamt ihrem Bruder an schlechten Tagen immer mal wieder Unterschlupf gewährt hatte. Es hing wohl mit einem Todesfall unter seinen Patienten zusammen, und Fagan fragte sich nach einem angewiderten Blick auf den Behandlungstisch nur, wie vielen Leuten Sykes wohl noch für ihr Stillschweigen verpflichtet sein mochte.
»Erledigt!«, sagte der Doktor, als nach seiner Erfahrung genügend kleine blutige Klumpen zwischen den Schenkeln seiner Patientin zum Vorschein gekommen waren. Als sie das Holz ausspuckte und sich schwankend vom Tisch erhob, befahl er ihr, noch einmal die Röcke zu heben, und drehte mit einer schnellen Bewegung ein Stück Tuch in ihre Scheide, das er zuvor in Alkohol getränkt hatte.
»O Scheiße«, wimmerte die Frau, als der scharfe Desinfektionsschmerz sie beinahe in die Knie zwang. »O du schwarze Scheiße!«
»Du solltest weniger fluchen, Helen.« Der Arzt grinste und fügte dann mit so viel medizinischem Ernst hinzu, wie sein verfehltes Leben ihm noch gelassen hatte: »Da darf eine Woche außer mir keiner ran! Hast du mich verstanden?«
»Ja. Danke, Doc!« Helen nickte – und verkaufte einem reichlich unbedarften Bankiersgehilfen aus der City das sickernde Blut noch am gleichen Abend als teures Zeichen ihrer durch ihn erledigten Jungfernschaft.
»Also?«, fragte Sykes, als sie allein waren.
»Ich muss von der Bildfläche verschwinden«, antwortete Fagan, »und werde darum erst mal ein paar Tage bei dir bleiben, bis ich eine Möglichkeit dazu finde.«
»So schlimm?« Der Arzt wischte die Spuren der Abtreibung mit der flachen Hand in einen stinkenden Abfalleimer, ehe er die blutige Tischplatte mit Wasser, etwas Sand und einer schwarzfleckigen Scheuerbürste bearbeitete. Fagan nickte nur, für jede weitere Information zu erschöpft.
»Gut. Lass mich aber wenigstens dein Gesicht verpflastern, damit du mir nicht das Bettzeug versaust«, sagte Sykes.
67.
Was Franklin Sykes, M. D., in den nächsten Wochen aus der Zeitung erfuhr, brachte sogar ihn zum Schweigen. Er fragte James Fagan nicht mehr, was ihn an jenem Morgen hergeführt hatte, und hoffte nur noch, ihn möglichst schnell wieder loszuwerden. Die Gelegenheit dazu ergab sich, als die Schiffe der Neuseeländer einliefen und in allen Hafenkneipen die Anwerber der 5th Armed Constabulary nach Freiwilligen Ausschau hielten.
»Und wie haben Sie ihn ausfindig gemacht?«
Es war der dritte Abend auf See und zum dritten Mal saßen Captain von Tempsky und Joseph B. Williams unter dem Fockmast des Schiffes zusammen, rauchten und redeten, ungeachtet der Tatsache, dass die Männer über die seltsamen Zusammenkünfte bereits die Köpfe schüttelten.
»Das war relativ einfach«, antwortete Gowers, der sich auch selbst schon fragte, warum er zu dem Deutschen so schnell ein so ungewöhnlich großes Vertrauen gefasst hatte: Es war wohl weniger die Deutlichkeit, mit der von Tempsky seinen Verfolgern entgegengetreten war, als die Schwere der Dinge, die auf seiner Seele lasteten.
Die Ermittlung war tatsächlich relativ einfach gewesen. Nell hatte Sykes’ Namen genannt, und obwohl sie seine Dienste glücklicherweise noch nie in Anspruch genommen hatte, kannte Sarah, wie alle Huren Melbournes, den Aufenthaltsort des berüchtigten Engelmachers. Bereits am Tag nach Nells Hinrichtung suchte Gowers die Hafenbordelle auf.
Umständlicher war die Suche nach Zeugen, die Sykes’ Verbindung mit James Fagan bestätigen konnten, denn natürlich stritt der Mann alles ab. Gowers wollte ihn bereits in die Mangel nehmen, als er durch einen puren Zufall auf Helen traf, die sich an jenen Schmerzensmorgen und den Jungen mit dem zerkratzten Gesicht begreiflicherweise gut erinnerte.
»Name?«
James Fagan zitterte, als er nackt wie ein Wurm vor dem Militärarzt stand. Aber wie hieß es unter den Soldaten aller Länder und Waffengattungen so passend? Zur Welt und in die Armee kommen wir ohne Kleider.
»Bradley, Sir«, sagte Fagan. »James Bradley.«
Der Armeeschreiber, der die lange Reihe rachitischer nackter Männer mit gelangweilten Blicken an sich vorüberziehen ließ, suchte diesen Namen in der Liste der Eingeschriebenen und nickte nur müde, als er ihn gefunden hatte.
»Arme hoch!«, befahl der Arzt.
Der Mann sah übel aus. Unterernährt und blass, die Haut ungesund, das Gesicht picklig und zu allem Überfluss von einer breiten, noch schorfigen, also frischen Narbe entstellt.
»Streit gehabt«, stellte der Arzt fest, als Fagan widerspruchslos die Arme hoch.
»Ja, Sir«, antwortete er, und das Zittern seiner Beine verstärkte sich so, dass sein dünnes Geschlechtsorgan über dem klein zusammengeballten Hodensack regelrecht bebte.
Warum war der Mann so nervös? Diese Art erzwungener Musterung gab es, seit es Armeen, Gefängnisse und Sklavenmärkte gab. Sie erfüllte einen dreifachen Zweck. Machte dem Mann, selbst einem Schwachsinnigen, klar, dass er nun mit Haut und Haaren einer höheren Macht gehörte, die mit ihm tun konnte, was immer sie wollte. Brachte körperliche Gebrechen ans Licht, die seinen möglichen Kampfeinsatz beeinträchtigen konnten, und schützte die Armee vor Läusen und anderem Ungeziefer.
»Ich nehme an, sie hat sich gewehrt, wie?«, fragte der Arzt in einem jähen Anflug von Jovialität, und erst am Feixen des bisher so teilnahmslosen Schreibers merkte Fagan, dass das ein Scherz sein sollte. Er schaffte es, sein lädiertes Gesicht zu einem Grinsen zu verziehen.
»Ja, Sir!«
Mit Helens Aussage konfrontiert, erschüttert durch die Zeitungsberichte über Nells Hinrichtung und in der verzweifelten Hoffnung, einer Anzeige wegen Beihilfe zu entgehen, gab Franklin Sykes, M. D., schließlich mehr zu, als Gowers ihm je hätte beweisen können.
»Ich wusste nicht, dass er sie ermordet hat«, winselte der Arzt. »Er hat nichts gesagt, und ich habe ihn nicht gefragt.«
Mühsam unterdrückte Gowers den Wunsch, dem Mann ins Gesicht zu schlagen.
»Wo ist er?«
»Hat sich freiwillig nach Neuseeland gemeldet, vor drei Tagen erst!«
Es hatte rund zwei Wochen gedauert, bis McDonnell genügend Männer beisammenhatte, um mit dem ersten Schiff in See zu gehen. Titokowaru hatte inzwischen vielleicht schon losgeschlagen, und so konnte er keine Rücksicht auf von Tempsky und die nächsten hundertfünfzig, zweihundert Mann nehmen. Kriege warten nicht gern.
Als Gowers zum Hafen kam, sah er deshalb tatsächlich nur noch »Fighting Macs« Segel am Horizont.
»Eine letzte Frage«, sagte von Tempsky, als er die ganze Geschichte kannte. »Warum ist die Polizei denn nun eigentlich hinter Ihnen her?«
Gowers lachte leise. »Der Pfarrer, Sir. Er hatte unglücklicherweise ein gutes Personengedächtnis, und seine Beschreibung passte im Grunde nur auf mich.«
Auch Manu-Rau musste über diese letzte Enthüllung lachen, so sehr, dass er dazu sogar die Pfeife aus dem Mund nahm.
68.
Obwohl er genauso erschöpft gewesen war wie alle anderen, hatte John Lafflin darauf bestanden, noch am gleichen Morgen und zu Fuß nach New Orleans aufzubrechen. Gowers begleitete ihn, wunderte sich über das Durchhaltevermögen des alten Mannes und war heilfroh, als sie noch vor Mittag auf einen kleinen Treck von Cajuns stießen, Fischer und Bauern, die ihre Erzeugnisse auf niedrigen Eselskarren zum Markt in New Orleans schafften. Mit der Abenddämmerung kamen sie auf einem solchen Karren und einer Ladung Fische sitzend in die Stadt, und während John Gowers zunächst seine Wohnung aufsuchte, machte sich Lafflin ohne Verzug zum Hafen auf – wo er seinen Kontaktmann allerdings um weniger als eine halbe Stunde verpasste. Der alte Mann, jetzt deutlich erschöpft und angeschlagen, ging nach gut anderthalb Stunden zurück ins französische Viertel, um die Nacht in dem Bett zu verbringen, das sein Lotse ihm angeboten hatte.