Duggan gab sich mit dieser Auskunft zufrieden, sah aber mit der professionellen Besorgnis eines Menschenfängers, dass ihm die scheinbar so leichte Beute mehr und mehr aus den Fingern glitt. Er war darum hocherfreut, als in diesem Moment ein Bote von der Polizeistation anlangte und ihm ein eigenartiges, altertümliches Dokument aushändigte.
Henry Hunter hatte den Informationen des Detektivs Gabriel Beale endlich Vertrauen geschenkt, als der reichlich derangierte Bonneterre ihm berichtete, dass nicht nur der gesuchte Lotse, sondern auch der Schießpulverfabrikant John Lafflin in New Orleans sei. Sofortige Erkundigungen im Polizeiarchiv hatten Erstaunliches zutage gefördert, nämlich einen über vierzig Jahre alten Haftbefehl, den nun der Police Officer Duggan umständlich entfaltete, wobei das in den Falzen bereits brüchige Papier endgültig einriss. Der Bote flüsterte ihm gleichzeitig etwas ins Ohr, und die Sonne des polizeilichen Fahndungserfolgs ging in Duggans Gesicht auf.
»John Lafflin«, sagte er mit amtlicher Schwere, »alias Jean Laffitte. Sie sind hiermit verhaftet wegen Piraterie, Schmuggel und illegalem Sklavenhandel! Wenn Sie mir bitte folgen würden!«
»Wollen wir nicht noch einen Augenblick warten, Officer?«, antwortete Lafflin, während er aufmerksam das vergilbte Dokument studierte, das der Polizist ihm nach so vielen Jahren unter die Nase hielt. »Dann könnten Sie vielleicht Mr. Gowers auch gleich mitnehmen.«
»Genehmigt«, schnarrte Duggan. »Aber glauben Sie ja nicht, dass Sie mir jetzt noch entwischen können!« Er legte mit ausgesuchter Arroganz beide Hände auf den Rücken und wandte sich wieder dem Bücherregal zu, um dem Delinquenten seine ganze aufreizende Selbstsicherheit zu demonstrieren.
»Sklavenhandel?«, fragte John Gowers verwundert.
Lafflin nickte. »Vor einem Menschenalter, Mr. Gowers. Was sagten Sie eben über den falschen Mann, der das Richtige tut?« Er bedeutete dem Lotsen mit einem Wink seiner Augen, dass Police Officer Duggan just in diesem Moment Das verlorene Paradies zur Hand genommen hatte.
»Kennen Sie John Milton, Officer?«, fragte Gowers den Polizisten, der daraufhin wie ertappt das Buch zuschlug.
Duggan überlegte. »Ist polizeilich bislang nicht aufgefallen«, lautete dann seine amtliche Stellungnahme.
»Ich denke jedenfalls«, fuhr John Gowers in einem retardierenden Stil fort, der Magister Chambers Laute des philologischen Entzückens entlockt hätte, »dass sein Bekenntnis zur menschlichen Willensfreiheit hier evident ist.«
»Ich bin nach wie vor anderer Ansicht, junger Mann«, entgegnete Lafflin, während der Polizist verständnislos vom einen zum anderen sah. »Schließlich war er Calvinist …«
»Puritaner!«, korrigierte Gowers.
»Wie auch immer. Jedenfalls Anhänger der reformierten Auffassung von Gottesgnade und Prädestination, der Vorherbestimmtheit des menschlichen Schicksals. Denken Sie nur an die Hafenszene!«
»Hafenszene?«, Gowers runzelte die Stirn.
»Ja. Am Pier sieben.«
»Sie meinen die Stelle, wo die Verschwörer sich treffen?«
»Exakt.«
»Aber sie laufen doch aneinander vorbei, ohne sich zu erkennen.«
»Bis Gott zu Moses spricht, Mr. Gowers. Exodus, Kapitel drei, Vers zehn.«
»Ich verstehe.«
»Noch nicht ganz, fürchte ich.« Lafflin seufzte. »Denn diese Stelle korrespondiert bekanntlich eng mit den Versen vierzehn folgende im Buch der Richter, Kapitel vier.«
Gowers hob, scheinbar von den besseren Argumenten überzeugt, ergeben die Hände. »Das sollte ich vielleicht noch mal nachlesen, Sir!«
»Bla, bla, bla«, murmelte Officer Duggan gelangweilt. Dann tauchte der dienstbeflissene Helman wieder auf. Die Befragung Maggies und der Huren hatte ergeben, dass John Gowers in Nothilfe gehandelt hatte und deswegen nicht unter Arrest gestellt werden konnte. Das weitere Verfahren in diesem Fall war damit nicht mehr Sache ehrlicher Polizisten, sondern gerissener Anwälte. Lediglich John Lafflin alias Jean Laffitte konnte man ohne weitere Umschweife ins polizeiliche Gewahrsam abführen.
»Kann ich etwas für Sie tun, Sir?«, fragte Gowers, aber Lafflin schüttelte heftig den Kopf.
»Ich komme schon klar, Mr. Gowers. Kümmern Sie sich um Wichtigeres, und frischen Sie vorher Ihre Bibelkenntnisse auf!«
Auch dagegen war polizeilicherseits wenig einzuwenden. Ein Problem war lediglich, dass Gowers keine Bibel hatte. Als John Lafflin abgeführt worden war, sprach der junge Mann deswegen bei Maggie vor, und deren sofortiges Nachfragen bei ihren Mädchen löste eine höchst eigenwillige Suchaktion nach dem Buch der Bücher aus. Denn obwohl keine der hartgesottenen Huren zugeben wollte, eine Bibel zu besitzen, klopften bis weit nach Mitternacht immer wieder einzelne Mädchen an Gowers’ Tür, um ihm verschämt und unter dem Siegel der Verschwiegenheit ihre ganz persönlichen Ausgaben der Heiligen Schrift zur Verfügung zu stellen. Sonntagsschulausgaben, in denen noch Fleißkärtchen und Heiligenbilder lagen, gepresste Blumen oder kleine, kindliche Liebesbriefe, Familien-, Volks-und sogar eine Mormonenbibel.
Gowers hätte ein Bibelseminar eröffnen können, las aber immer nur wieder den Vers: »So geh nun hin, ich will dich zum Pharao senden, damit du mein Volk aus Ägypten führst.« Auch Richter 4, 14 ff. prägte er rasch seinem Gedächtnis ein. Aber als er spät in der Nacht aus dem Fenster sah, dass einige elegant gekleidete junge Männer das Haus aufmerksam beobachteten, wurde ihm klar, dass das Problem mit den Hunden und dem Hasen noch nicht gelöst war.
71.
Die See, der Anblick des endlosen leeren Horizonts und das Rollen der Wogen unter seinen Füßen, übte einen eigenartigen, beruhigenden Einfluss auf ihn aus. Es war nur zum Teil das Gefühl, nach Hause zu kommen, bei sich zu sein, obwohl ihm die See, gleich an welcher Stelle der Welt, stärker Heimat war als jeder andere Ort, den er gesehen hatte.
Es war auch nicht nur die Tatsache, dass er auf See jeden Kurs steuern und halten konnte, ohne sich um Straßen, Wege, Pfade und die Spuren der Menschen auf ihnen kümmern zu müssen. Auf See gab es keine traditionsreichen Landschaften, Grenzen, Reiche, Ruinen, und niemand war je so verrückt gewesen, zu behaupten, dass ihm diese oder jene Woge gehöre. Die See war, wie sie schon vor Jahrmillionen gewesen war, und wenn sein Schiff in diesem Augenblick sinken würde, wäre im nächsten nur noch ein wenig Treibgut zu sehen, das das nächste Wetter zerblasen würde. Die See duldete keine Spuren, sie erschuf sich immer neu.
Was er aber von jeher am stärksten empfand, war das beruhigende Wissen, dass er auf See nicht mehr tun konnte, als er tun konnte. Abgesehen von ein paar ziemlich klar umrissenen Tätigkeiten, die allerdings rund um die Uhr ausgeübt werden mussten, gab es an Bord eines Schiffes nur die Arbeit, die man sich selbst machte. Natürlich erhöht regelmäßiges Säubern, Pflegen, Imprägnieren mit Teer und Fett die Funktionsfähigkeit eines seegehenden Fahrzeugs – aber das tägliche Aufklaren und Deckschrubben diente doch im Wesentlichen nur einem einzigen Zweck: der Beschäftigung ansonsten tätigkeitsloser Männer. Hatte man das einmal durchschaut und akzeptiert, war ein tiefer, beruhigender Fatalismus die natürliche Folge.
An Land brauchte man für nahezu jeden Schritt einen Plan und war dann ständig in all die Rücksichten, Bedenken und Ängste verstrickt, die Pläne und Planen mit sich bringen. Die See verlangte keine Pläne, nur Handeln, und kannte deshalb auch nicht die quälende Frage: Habe ich alles richtig gemacht? Fehler rächten sich auf See sofort oder gar nicht, und kein vor den Orkneys ertrinkender Matrose musste sich sagen: Ach, hätte ich doch auf der Doggerbank ein Segel mehr gesetzt, dann würde ich jetzt nicht ersaufen!