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Nach einer eher ruhigen Woche, in der sie gegen den Ostwind kreuzten, begann es aus Südwesten, von der Tasmanschwelle her, mächtig zu blasen. Selbst von Tempsky, der doch den Atlantik und Pazifik überquert hatte, wurde angesichts der Wellengebirge, die der Wind auftürmte und die die kleine Bark vorwärtsschoben, ein wenig weiß um die Nase.

»Klempner und Seeleute dürfen nicht allzu viel Fantasie haben«, sagte er zu dem ungerührten Joseph B. Williams, als eines der schwarzgrünen Monster unter ihnen durchgelaufen war, sie mit Mann und Maus vierzig Fuß hochgehoben hatte, um sie dann im tiefen Tal zwischen zwei ähnlichen Wogen zu verschütten. »Man sagt doch, dass die Bewegung der See durch die Ruhelosigkeit der ertrunkenen Träume ausgelöst wird, die darunter begraben sind«, fuhr der Deutsche fort.

John Gowers warf ihm einen zweifelnden Blick zu, um festzustellen, ob das ein Witz sein sollte. »Hier sind wohl vor allem Walfänger ertrunken, Sir«, antwortete er, als er den Ernst und eine Spur Angst in den Augen seines Kommandanten sah, und fügte nicht hinzu, dass die Träume von Walfängern wohl hauptsächlich um Speck, Tran und vielleicht auch noch um die Fischbeinkorsette kreisten, in die die feineren Damen ihre weißen Hüften zwängten.

»Scheinen eher Alpträume zu sein«, sagte er dann aber doch, als eine neue Woge hinter dem Schiff aufstieg und so hoch wuchs, dass sie ihm für ein paar Sekunden sogar den Wind aus den Segeln nahm. Gowers wunderte sich nicht darüber, dass der Kapitän die Segel überhaupt stehen ließ, denn dafür gab es einen jedem Seemann unmittelbar einleuchtenden Grund: Der Sturm schob sie in die richtige Richtung. Er fragte sich nur, ob Tuch und Schoten dem wilden Andrang des Windes auf dem Wellenkamm standhalten oder zerreißen würden. Gespannt wanderte sein Blick in die Takelage, während das Schiff sich langsam aus dem Lee der riesigen Welle hocharbeitete.

Jetzt! Die Segel, die eben noch gekillt hatten, spannten sich mit einem scharfen Knall, der klang wie eine Gewehrsalve, und die Bark flog voran, als hätte sie einen Tritt bekommen. Die Masten und die Mägen der Männer bogen sich unter der plötzlichen Fahrt, die sie aufnahmen, und erst als die Stagen durch die Überbeanspruchung bereits knackten, kam der Befehl »Reff!«, gefolgt von der vorsorglichen Anweisung: »Alle Nichtseeleute unter Deck!« Jetzt ein womöglich falscher Ruderbefehl, nur weil sich irgendein Idiot nicht auf den Beinen halten konnte und von Bord gespült wurde, und es würde wahrhaftig gefährlich werden.

Von Tempsky beeilte sich, der Anordnung nachzukommen, um sich, wie all die anderen Landratten, außer Sichtweite der entfesselten Elemente der Illusion hinzugeben, in einer von Menschen gemachten und von Menschen beherrschten Welt zu leben, die sich eben nur manchmal unwillkürlich hob oder senkte. Gowers jedoch näherte sich einem der verkniffen nach oben starrenden Seeoffiziere.

»Ich bin Seemann, Sir. Brauchen Sie noch Hände an Deck?«

Der Mann, ein kleiner, schmächtiger Kerl, der auf Deck stand wie festgewachsen und dessen Gesicht von Wind und Salz so rot war wie seine Haare, fragte mit vorsichtigem Grinsen: »Sind Sie sicher?«

»Unser Kreuzroyal wird nur noch ein Putzfeudel sein, wenn wir es nicht bald runterbekommen, Sir«, sagte Gowers ruhig.

»Rauf!«, entschied der Offizier knapp und deutete auf den Kreuzmast, dessen Royalgeitau zerrissen war und wie eine riesige Peitsche gegen das oberste Segel schlug.

Der Investigator enterte auf wie eine Katze; und von da an wurde er so selbstverständlich in die seemännischen Arbeiten einbezogen, als hätte er nicht als Soldat, sondern als Matrose angeheuert. Nur der Ton, den man ihm gegenüber anschlug, als die unmittelbare Gefahr vorbei war, war deutlich anders, und das »Würden Sie bitte …«, »Was halten Sie von …« und »Hätten Sie wohl die Freundlichkeit …«, mit dem man ihm Befehle erteilte, sorgte zuverlässig für Stürme der Heiterkeit bei den eigentlichen Seeleuten.

Derart gut gelaunt überquerten sie die Tasmansee, und der mächtige Sturm hatte sich in einen nur noch lästigen grauen Regen verwandelt, als John Gowers von der Spitze des Fockmastes die ersten Ausläufer eines fernen grünen Landes erblickte.

72.

Seit sie eine klar umrissene Aufgabe hatten, nämlich die Überwachung des verrufenen Hauses, waren die jungen Ritter des Südens gewissermaßen körperlich gewachsen, so gerade hielten sie sich. Eben noch nichtsnutzige Herumlungerer, waren sie mit einem Mal zu Wächtern geworden, deren scharfen Augen keine Bewegung des Feindes entgehen würde. Aber leider bewegte der Feind sich nicht; das Ausleeren eines Nachttopfes und ein nach einem kläffenden Hund geschleudertes Stück Feuerholz bildeten die Höhepunkte der Nacht, und das machte die schärfsten Augen müde.

Nur als am sehr frühen Morgen und noch in der Dunkelheit drei der bei Maggie angestellten Damen das Haus verließen, kam noch einmal ein wenig Leben in die Männer. Sie strichen ihre dünnen Schnurrbärte, zogen ihre Rockschöße glatt, richteten ihre Hüte – aber alles, ohne die Aufmerksamkeit der deutlich übernächtigten jungen Damen zu gewinnen. Eine von ihnen gähnte praktisch ununterbrochen, hielt dabei aber immerhin einen Fächer vor ihr Gesicht.

Pier Nummer sieben war menschenleer, bis auf einen schlanken Farbigen, der, den Strohhut auf sein Gesicht gelegt und die Hände über dem Bauch gefaltet, an einem Baumwollballen lehnte und im Sitzen schlief. John, immer noch in den furchtbaren, unpraktischen Frauenkleidern steckend und seelisch nicht wenig durch den ungewohnten Luftzug an seinen nackten Beinen angegriffen, sah sich suchend um und fragte sich, was er eigentlich tun würde, wenn er niemanden fand.

Ratlos ging er auf dem Pier auf und ab, zweimal, dreimal. Es war nur eine Frage der Zeit, bis ihn ein früher Heizer oder später Flößer mit eindeutigen Absichten ansprechen würde, sagte er sich grimmig, aber auch ein wenig erheitert. Er malte sich das überraschte Gesicht des glücklosen Freiers in immer grelleren Farben aus und lachte jetzt einige Male leise, wenn auch mehr vor Verzweiflung.

Deborah beobachtete die Hure durch die Löcher in ihrem Hut. Was wollte diese Idiotin nur hier, um diese Zeit? Selbst wenn Männer hier wären, würden sie jetzt wohl auf dem Weg zur Arbeit sein und nicht mit einem heruntergekommenen Mädchen gehen, das … das sich so eigenartig bewegte. Sie wiegte ihre Hüften nicht und hatte weder vorn noch hinten viel von dem zu bieten, was Deborah an den wenigen käuflichen Damen, die sie in ihrem Leben gesehen hatte, beinahe widerwillig als besonders auffällig registriert hatte.

Obwohl sie sich dabei vor sich selbst genierte, war ihr nächster Blick auf die hin und her gehende Hure hauptsächlich von weiblicher Neugier geprägt. Deborah wusste aus einigen anzüglichen Gesprächen in den Sklavenhütten ihrer Jugend, dass weiße Frauen von der Natur oft weniger reich bedacht worden waren als schwarze. Aber, meine Güte, diese Frau hatte ja anscheinend überhaupt keinen Hintern!

Sie grinste ein wenig unter ihrem Hut, besann sich aber schnell wieder auf ihre wichtige, verzweifelte Aufgabe: Sie musste den alten Mann treffen oder aber den Boten identifizieren, den er ihr schicken würde. Dann sah sie für einen Augenblick die Hände der Hure und begann zu zittern. War das möglich? Durfte sie das riskieren?

John glaubte zuerst, dass seine Ohren ihm einen Streich spielten, als er das Pfeifen hörte. Er sah sich um, aber da war niemand außer dem schlafenden Neger auf der anderen Seite des Piers. Erst beim zweiten Mal fiel ihm auf, dass eine kurze Melodie gepfiffen wurde, und erst beim dritten Mal erkannte er »Go down, Moses«. Aber es dauerte auch danach noch eine knappe Minute, bis ihm die Worte zu dieser Melodie einfielen beziehungsweise bis er in Gedanken die Verbindung zu den Versen herstellte, die er auswendig gelernt hatte.