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Noch einmal sah er sich um, noch immer war niemand da. Entweder würde er sich jetzt völlig lächerlich machen oder sein Ziel erreichen. Kurz entschlossen ging er auf den schlafenden Neger zu, blieb kurz vor ihm stehen und sagte fast wütend laut: »So geh nun hin, ich will dich zum Pharao senden, damit du mein Volk aus Ägypten führst!«

All seine Verwirrung in dieser Nacht, an diesem Morgen war nichts gegen die Überraschung, die jetzt die leise, aber deutliche Antwort – einer Frauenstimme in ihm auslöste.

»Deborah aber sprach zu Barak: Auf! Das ist der Tag, an dem der Herr den Sisera in deine Hand gegeben hat.« Die junge Frau stand auf und schob den Hut aus einem klugen, misstrauischen, erschöpften, aber nicht ängstlichen Gesicht.

»Wer sind Sie?«, fragte sie streng.

»Mein Name ist John Gowers. Ich bin der Lotse der Deep South«, sagte John, dem in seiner Frauenkleidung nun immer unbehaglicher wurde. »John Lafflin schickt mich. Ich soll Sie zum Schiff bringen.«

»Und meine Leute?«

Die Bestimmtheit ihrer Fragen verwirrte ihn. Er hatte erwartet, ein eingeschüchtertes Wesen zu treffen, das dankbar dafür wäre, wenn es gerettet würde, und fand einen weiblichen General vor, der ihn offenbar als eine Art subalternen Melder betrachtete.

»Zuerst müssen wir zum Schiff. Dann holen wir Ihre Leute.« John ärgerte sich ein wenig darüber, dass sie sich noch immer nicht in Bewegung setzte, denn es wurde nun immer heller.

»Ich habe ein Problem«, sagte Deborah. »Einer meiner Männer wurde geschnappt.«

»Ich habe auch ein Problem«, erwiderte Gowers beinahe sarkastisch. »John Lafflin wurde verhaftet!« Diese Antwort schien ihr Selbstbewusstsein zum ersten Mal ein wenig zu erschüttern, und schnell fügte er hinzu: »Aber das bedeutet nur, dass wir uns beeilen müssen.«

Sie gingen jetzt immerhin ein paar Schritte, und durch die Bewegung wurde Gowers wieder an die Lächerlichkeit seiner Verkleidung erinnert. Die junge Frau schien das zu bemerken.

»Warum tragen Sie Frauenkleider?«

»Ich musste ein paar Verfolger abschütteln«, sagte er ärgerlich. »Was dachten Sie denn?«

Ein Lächeln huschte über Deborahs Gesicht, als ihr wieder einfiel, was sie gedacht hatte. »Jedenfalls werden wir so nicht weit kommen«, überlegte sie laut. »Ein Sklave, der keiner ist, und eine Frau, die keine ist – und der man das ansieht.« Sie blieb wieder stehen und seufzte kurz, als hätte sie eine schwere Entscheidung getroffen. »Lassen Sie uns die Kleider tauschen!«

Am Ausgang des Piers, zwischen Baumwollballen und Frachtgutkisten, geschützt durch das Heck eines schlafenden Dampfschiffes, zogen die beiden jungen Leute sich aus; Rücken an Rücken, ohne Scheu, von der bloßen Notwendigkeit ihrer gefährlichen Aufgabe getrieben. Was beide dennoch zutiefst empfanden, war die Wärme des fremden Körpers, die noch in den getauschten Kleidern steckte und sich mit der ihrer eigenen Haut vermischte. Bald konnten sie das eine nicht mehr vom anderen unterscheiden.

73.

Am selben Morgen, zur selben Zeit, als eben die Sonne aufging, erwachte auf der anderen Seite des Flusses in einem vornehmen Herrenhaus, das einst die Landschaft beherrscht hatte, dann aber von der Stadt eingeholt, überholt und schließlich verschluckt worden war, eine alte Dame aus kurzem, unruhigem Schlaf. Siebenundsechzig Jahre hatten Eileen Clairbornes Rücken nicht beugen können, aber sie allein wusste, wie viel Schmerzen und Disziplin es gekostet hatte, aufrecht und strahlend durch ein Leben zu gehen, von dem aufgrund einer Wirbelsäulenverkrümmung noch die Ärzte des 18. Jahrhunderts vorausgesagt hatten, es würde schon früh wieder von der und in der Erde verschwinden.

Ihre Eltern hatten sich dieser Meinung angeschlossen und nach dem misslungenen ersten Versuch noch ein halbes Dutzend besser geratene Nachkommen in die Welt gesetzt, aber Eileen hatte sie alle Lügen gestraft: war zu einer Schönheit herangewachsen, hatte den Gouverneur von Louisiana geheiratet und war lange Zeit der Mittelpunkt und Magnet der feinen Gesellschaft von New Orleans gewesen. Das verdankte sie einer schwarzen Amme, die mehr vom menschlichen Körper verstand als alle Ärzte Louisianas zusammengenommen, täglichem mehrstündigem Rückentraining und einem eisernen Willen, den niemand in einem so zarten Körper vermutet hätte.

Auch an diesem Morgen erhob sich die zierliche Greisin unter Schmerzen, dehnte und streckte sich wie eine alte Katze, bis die nächtliche Verkrampfung ihrer Muskeln gelockert war, und verschloss dann die Tür, die sie aus Vernunftgründen seit einigen Jahren in der Nacht offen ließ, falls einmal »etwas« mit ihr passieren würde. Sie hängte jetzt ihr seidenes Nachthäubchen an die Klinke und vor das Schlüsselloch und war allein mit sich.

Aus einem Schränkchen, dessen Schlüssel sie stets bei sich trug, nahm sie einen zusammengerollten schmalen Teppich und ein Paar kleine gusseiserne Hanteln, die ein schwarzer Schmied, der Ehemann ihrer Amme, vor über sechzig Jahren für sie angefertigt hatte. Anschließend zog sie ihr Nachthemd aus, entrollte den Teppich und legte sich splitternackt darauf, um das nie geänderte einstündige Morgentraining zu absolvieren.

Fünfzig Jahre, bevor in Bess Mensendiecks Körperkultur des Weibes zumindest der Gedanke heilender und schulender Gymnastik formuliert wurde, praktizierte Eileen Clairborne bereits Übungen, die zum Teil denen des indischen Yoga entsprachen; vollführte also ausgesprochen undamenhafte Bewegungen, bei denen ihre Knie ihre Schultern berührten, Ellenbogen und Fußsohlen gleichzeitig am Boden ruhten und gelegentlich Körperteile in die Luft ragten, die Kirche und Bürgertum nacheinander und seit dem Mittelalter zu einem dunklen, lichtlosen Dasein verurteilt hatten.

Da diese Übungen in ihrer Wirksamkeit immer wieder von den Gewichten unterstützt wurden, geriet Madame Clairborne schon nach kurzer Zeit in einen heilsamen, wohltuenden Schweiß, sodass ihr Körper nicht nur warm und elastisch wurde, sondern in der Morgensonne vor Frische zu glänzen begann. Sie trat vor den Spiegel. Ihre Muskeln, ihr Fleisch waren noch fest, nur die gealterte Haut hier und da schlaff geworden, Kopf-und Schamhaar ergraut, die zierlichen Hände von leider immer größeren braunen Altersflecken bedeckt.

Sie steckte die Haarsträhnen, die sich vereinzelt gelöst hatten, wieder fest und goss dann das Wasser aus zwei großen Porzellankrügen in eine flache Metallwanne, den Tub, der wie eine überdimensionale Bratpfanne ohne Stiel aussah und den Edgar Degas gut zwanzig Jahre später durch eine fast schon obsessive Serie von Aktgemälden unsterblich machen würde. Um sich im Tub den Schweiß und die Nachtruhe abzuwaschen, bedurfte Eileen Clairborne aller akrobatischen Fähigkeiten, die sie soeben eingeübt hatte. Sie war jedoch noch nicht zum Einseifen gekommen, als ein zögerndes Klopfen ertönte.

Das ärgerte sie, denn ihr Personal hatte die strikte Anweisung, sie um diese Stunde nicht zu stören, es sei denn in einem Fall von außerordentlicher Wichtigkeit. Gleichzeitig freute sie sich, dass dieser mit zunehmendem Alter immer seltenere Fall offenbar noch einmal eingetreten war.