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»Ja?«

»Ein Brief ist abgegeben worden, Madame!«

»Schieb ihn unter der Tür durch, Molly.«

Ein feines Kratzen am Türspalt verriet, dass dieser Befehl prompt befolgt wurde, und da niemand da war, der ihre Ungeduld tadeln würde, ging Eileen Clairborne nackt und tropfnass zur Tür, hob den Brief auf und öffnete seinen Umschlag. Sie las die Botschaft auf dem kleinen Zettel darin, und ihre Augen schienen plötzlich den Raum zu erhellen.

Noch einmal trat sie vor den Spiegel, löste aber diesmal ihr volles graues Haar, das ihr bis über Schulterblätter und Brüste reichte. Zweifelnd, zögernd und noch immer feucht vom Wasser legte sie sich dann wieder auf ihr Bett. Mit geschlossenen Augen roch sie an dem Brief, roch Tabak und etwas wie Eisen, nahm ihn dann leicht zwischen ihre Lippen und tat etwas, das sie seit Jahren nicht mehr getan hatte: Sie streichelte sich, ihren Schoß, die Schenkel, den Bauch und ihre Brüste.

Ein Lächeln glättete die Falten auf ihrer Stirn, und sie sah sowohl in ihrer Erregung wie auch in ihrer Befriedigung wunderschön aus; wie ein alter Baum, der im Frühling noch einmal Blüten treibt. Erst danach las sie den Brief zum zweiten Mal.

Chère Madame!

Ergebenste Grüße aus einer lange vergangenen Zeit, die ihn nun eingeholt hat, sendet Ihnen der Unterzeichnete. Sie werden sich zweifellos an unser kleines Abkommen erinnern, und so die entsprechenden Papiere noch in Ihrem Besitz sind, würden Sie mir sehr helfen, wenn Sie baldmöglichst damit in der Central-Polizeistation hier am Ort vorsprechen könnten.

Es küsst Ihre Hände, der in seiner Jugend das Glück hatte, Ihr Freund zu sein, und es immer geblieben ist,

J’n Laffitte

74.

Am selben Morgen, zur selben Zeit, eine Stunde nach Sonnenaufgang, hundert Meilen weiter im Norden, hundertundfünfzig, wie der Fluss fließt, schlug auch Marie-Therese Helisena Milisande Bonneterre ihre Augen auf und wusste sofort, dass ein hektischer Tag vor ihr lag. Kurz nach Mittag musste man in Baton Rouge sein, eine gute Stunde später – vermutlich, denn auch die großen Dampfschiffe konnten ihre Fahrpläne nur ungefähr einhalten – auf der Big Missourie und dem Weg nach New Orleans.

Das Telegramm war gestern am späten Abend gekommen, heute Nacht schon würde man zur Stelle sein. Wer schneller war, musste fliegen können. Madame Bonneterre erhob sich, saß kerzengerade auf dem Bettrand und tastete mit den Füßen nach ihren Pantoffeln. Mit klarer Stimme, aber nachtsaurem Atem befahl sie auch ihrem Mädchen, nun endlich aufzustehen.

Darioleta schlief wie ein Baby, seit der junge Herr fort war, was wahrscheinlich daran lag, dass sie keine Angst vor dem Aufwachen hatte. Die alte Misses hatte sie in ihr Zimmer genommen, um sie, wie die alte Misses sagte, nicht in die Versuchung zu führen, den jungen Männern in den Sklavenunterkünften die Köpfe zu verdrehen. Die alte Urganda, Aufwartefrau seit mehr als dreißig Jahren, hatte statt ihrer den schweren Weg in die Sklavenhütten antreten müssen, und Darioleta machte sich die berechtigte Hoffnung, dauerhaft Urgandas Platz einzunehmen und nie wieder zu dem jungen Herrn befohlen zu werden.

Die Mitteilung, dass sie die alte Misses auf eine Reise in den Süden, ins große New Orleans begleiten würde, war erst gestern eingetroffen und bestätigte sie in ihren schönsten Träumen. Als sie wenige Stunden später in ihrem besten Kleid an Bord der Big Missourie ging, eines der prächtigsten Dampfschiffe des Mississippi, fühlte sie sich fast selbst wie eine Misses; so weit vom festgestampften Lehmboden der Hütte entfernt, in der sie geboren wurde, wie es einer Sklavin nur möglich war.

Eigentümlich war nur, dass die alte Misses nicht mehr mit ihr sprach, den ganzen Tag nicht, seit sie aufgebrochen waren; keine Gespräche über das Wetter, die allgemeine Moral, die gute alte Zeit, keinerlei Aufträge, nicht einmal die üblichen kleinen Befehle, tu dies, hol das. Darioleta wunderte sich darüber, freute sich aber auch, dass keinerlei »Seelen kränkende Arbeit«, wie Homer die Sklaventätigkeit genannt hatte, ohne dass das Mädchen es wusste, sie davon abhielt, diese größte Reise ihres Lebens in vollen Zügen zu genießen.

Zwar sah sie nichts, was sie noch nie gesehen hätte: Stech-und Fächerpalmen, Orangenbäume und die in langen Reihen den Horizont begrenzenden Zypressen gab es auch in Denham Parish. Aber das Erlebnis, auf dem fast eine Meile breiten Fluss dahinzugleiten, und die frische Brise aus Süden, die sich auf dieser ungeheuren Fläche entwickelte, waren neu und beinahe berauschend. Immer wieder überholten sie riesige Flöße, manche fast einen Morgen6 groß, und die blendende Stimmung der bis zu zwei Dutzend Männer darauf, die wussten, dass eine vielleicht zweitausend Meilen lange Reise in den nächsten acht oder zehn Stunden zu Ende gehen würde, übertrug sich scheinbar auf den Fluss, den Himmel und alle Reisenden auf und unter ihm.

75.

Auf dem gleichen Fluss und zur gleichen Stunde schmeckte Deborah hundertachtzig Meilen weiter südlich bereits Salz in der Luft. Dennoch schien das braune Wasser hier träger, und auch der Verkehr auf ihm hatte merklich abgenommen. Es gab keine großen, geraden Bäume mehr, also auch keine Flöße, keine reichen Städte, also keine mit Weizen und Mais beladenen Kielboote, und nur wenig Menschen, also keine Passagierdampfer. Die Hochseeschiffe, die von New Orleans abgingen, hielten an den kleinen Anlegestellen des Deltas nicht an, und auf keinem Fahrplan irgendeiner seriösen Schifffahrtslinie stand: New Orleans – London, via Dalcour, Bertrandville oder Wills Point. Die Bewohner des riesigen Deltas, mehrheitlich Cajuns, waren von der Welt abgeschnitten, sahen sie nur hin und wieder arrogant und majestätisch vorüberziehen und mussten den Anschluss an sie mit kleinen Kanus, Kähnen und Ruderbooten bei Bedarf selbst herstellen.

In dem Kanu, das Gowers am frühen Morgen gestohlen hatte, saß Deborah im Bug und hatte in erstaunlich kurzer Zeit das Paddeln gelernt. Zwar brachte sie vor allem die Strömung rascher voran als jeder Eselskarren, aber als John Gowers, der seit dem Sonnenaufgang wieder seine blaue Brille trug, sich einmal umständlich eine Pfeife angezündet hatte, spürte Deborah, dass es auch ihre eigenen Paddelschläge waren, die das Boot antrieben. Und obwohl ihre Schultern schmerzten, hatte sie, durch diese Erkenntnis seltsam gestärkt, ihre Anstrengungen verdoppelt und ihre Geschwindigkeit damit noch einmal merklich erhöht.

Erst nach einigen Stunden und dem pausenlosen Blick auf ihren Rücken, die arbeitenden Muskeln und Arme, auf den dunklen Fleck, der sich zwischen den Schulterblättern auf dem hellen Kleid bildete, wurde John klar, was ihn an der ganzen Situation so sehr irritierte, als hätte er in seinem Leben noch kein Boot gesteuert: Er hatte nie einen weiblichen Schiffskameraden gehabt und seit dem Tod seiner Mutter und seiner Zeit in der britischen Marine Frauen stets als die Passagiere des Lebens betrachtet.

»Kurze Pause«, kommandierte er, als er sah, wie erschöpft seine Begleiterin war – aber auch, dass sie lieber gestorben wäre, als das zuzugeben oder nur einen einzigen Paddelschlag auszusetzen.

»Wie weit noch?«, fragte sie und rollte die schmerzenden, steifen Schultern von vorn nach hinten und umgekehrt, ohne dabei eine nennenswerte Erleichterung zu empfinden.

»Etwa zehn Meilen«, sagte er. »Noch mindestens anderthalb Stunden!«

»Woher wissen Sie das?«

»Ich bin Lotse«, erwiderte er schlicht. »Unterhalb von New Orleans war ich zwar noch nicht oft, aber oft genug, um einzuschätzen, wo ich bin.«