»Sie streiten das nicht mal ab?!« Captain Thomas verzog angewidert das Gesicht. Dann sagte er resigniert: »Sie werden Chatham mit dem nächsten Schiff verlassen, Sergeant! Und ich sorge persönlich dafür, dass Sie unehrenhaft entlassen werden.«
»Das wird böses Blut geben, Sir«, antwortete der Sergeant im sicheren Glauben an seine eigene Unverzichtbarkeit.
Es war die eklatanteste Form militärischer Insubordination, von der Thomas je gehört hatte. Er erhob sich zur vollen Größe seiner schmächtigen eins fünfundsechzig. »Drohen Sie mir, Sergeant?!«
»Nein, Sir«, sagte Hartnett ruhig. »Mache mir Sorgen um Sie, das ist alles.«
»Abtreten!«, sagte Captain William Edward Thomas, so drohend und gebieterisch er nur konnte. Es klang nicht sehr überzeugend.
77.
Gedächtnisbilder in Gedächtnisräumen an Gedächtnisorten, aufgereiht wie die Masten eines Schiffes. Nein, wie Bäume an einem Fluss, nein, Äste an einem Baum. Oder doch lieber auf seltsame rotierende Scheiben montiert und gegeneinander verschiebbar?
Deborah hatte nicht geglaubt, dass jemand, der ganz offensichtlich kein Pfarrer war, so viel Blödsinn in so kurzer Zeit reden konnte. Aber obwohl sie keine Ahnung hatte, wovon er eigentlich sprach, machte es ihr ein seltsames, fast kitzelndes Vergnügen, John Gowers zuzuhören. Und immer, wenn er eine erwartungsvolle Pause machte und sie »Ja?«, »Wirklich?«, »Tatsächlich!«, »Aha!« oder einfach nur »Hmhm« sagen musste, fiel ihr an der Veränderung ihrer Gesichtsmuskulatur auf, dass sie die ganze Zeit lächelte, obwohl gar nichts lustig war.
Glücklicherweise saß er hinter ihr und konnte nur ihren Rücken, aber nicht dieses Lächeln sehen. Deborah war immer ein ernsthafter Mensch gewesen und fand es ungehörig, ohne Grund vor sich hin zu lächeln. Sie versuchte, es zu unterdrücken, aber wenn sie nicht scharf darauf achtgab, stellte sie beim nächsten fälligen »Hmhm« fest, dass sie schon wieder lächelte. Oder immer noch.
War es die Art, wie er sprach? Er kam nicht aus dem Süden, man hörte das. Kein »I reckon« statt »I guess«, nicht die gemütvollen Verschleifungen, die die Sprache der Südstaatler – zumindest für die Ohren der Südstaatler – so musikalisch machten. Kein überflüssiges, aber doch so melodisches »y« in Wörtern, die mit einem K-Laut begannen. Er sagte also tatsächlich »car« statt »cyah«, »going« statt »gwyne« oder »nothing« statt »nuff’n« und artikulierte gelegentlich sogar ein »r«, für das man im Süden überhaupt keine Verwendung hatte, außer vielleicht am Anfang einiger Wörter – deren Gebrauch man deshalb vermied.
Andererseits war in seiner Stimme nichts Großspuriges wie bei den Yankees und auch nichts Lächerliches oder Plumpes wie bei den Franzosen oder Deutschen, wenn sie glaubten, akzentfreies Englisch zu sprechen.
»Sind Sie Engländer?«, fragte Deborah spontan und bereute die Frage sofort, weil sie so offensichtlich nichts mit dem zu tun hatte, worüber er sprach, was immer es war.
Hatte er sie gelangweilt?
Er wusste, dass die Grundlagen der Ars Memorativa, der Gedächtniskunst, nicht gerade das Aufregendste waren, was die Menschheit ersonnen hatte. Man musste sich, wie bei so vielen Dingen, durch eine ziemlich harte Schale beißen, um an die Frucht zu gelangen, also die wirklich spannenden Möglichkeiten eines geschulten Gedächtnisses zu erkennen. Deshalb hatte er vorgehabt, nur das Nötigste zu erzählen, stellte aber irgendwann, wie jeder wirklich fähige Spezialist, besorgt fest, dass nicht er über sein Thema, sondern sein Thema durch ihn sprach. Seit mindestens einer Viertelstunde sagte er also Sachen, die er eigentlich gar nicht sagen wollte, überlegte »in den freien Winkeln« seines Gehirns angestrengt, wie er aus diesem Dilemma herauskommen könnte, und war froh über jede kleine Äußerung, mit der sie verriet, dass sie trotz allem bei ihm war.
Er kannte solche Verlegenheiten sonst nicht; die meisten Frauen in seinem Leben waren Huren gewesen, und bei Huren konnte er, ohne eine andere Konversation als kleine, aber deutliche Komplimente, seine Hände sprechen lassen. Dorothy Simpson hatte ihn anfangs einmal in ein Gespräch über Shelley und die englische Romantik verwickelt, von dem und der er so viel verstand wie Dorothy von der Takelung einer Dreimastbark. Damals war er frech genug gewesen, ein Gedicht von Shelley schlicht zu erfinden, und als sie arglos darauf einging und sagte, gerade dies sei eines ihrer Lieblingsgedichte und ob er es nicht rezitieren könne, hatte er gegrinst, sie ein böses Mädchen genannt und auf den Mund geküsst.
»Hört man das immer noch?«, fragte er, froh, dass er nun nicht mehr über Simonides von Keos, Cicero und die Gedächtnissysteme der Humanisten sprechen musste.
»Woher kommen Sie in England?«
Deborah wusste nichts über England, außer dass es dort Könige und Lords gab, die einst der Meinung gewesen waren, dass Amerika ihr Eigentum sei. Und dass es Krieg gegeben hatte, als die Amerikaner demgegenüber die viel einleuchtendere Ansicht vertraten, dass ein Land denen gehören sollte, die dort leben. Da sie noch immer nicht richtig lesen konnte, reichten gerade ihre historischen Kenntnisse ansonsten nur bis zur schmerzhaften Empfindung eines Mangels.
Sie verdankte ihr diesbezügliches Wissen im Wesentlichen den abolitionistischen Versammlungen, die sie im freien Norden regelmäßig besuchte, und an diesen störte sie das religiöse Gehabe stärker, als sie je sagen konnte. Im Namen des Herrn hatte man sie befreit respektive sie in ihrer Selbstbefreiung unterstützt; aber im Namen des Herrn war sie auch versklavt gewesen, und beides zusammen machte den Herrn, den Gott der Weißen, in ihren Augen zu einem Popanz, einer beliebig verfügbaren Puppe, bewegt von der Willkür seiner Prediger.
Mehrere Versuche, auf sich allein gestellt richtig lesen und schreiben zu lernen, waren nicht unbedingt fehlgeschlagen, aber im Sande verlaufen. Für einen regulären Unterricht fehlten ihr Zeit und Geld, aber vor allem, Deborah wusste es, hatte sie nach einem ganzen Leben in der Sklaverei einfach nicht mehr die Geduld, auf die zähen kleinen Fortschritte täglichen Lernens zu warten. Verwundert stellte sie jetzt fest, dass ihre Unwissenheit ihr zum ersten Mal, seit sie ihre Lebensaufgabe übernommen hatte, wieder peinlich war.
Ihre Strategie dagegen war denkbar einfach: Beinahe ehe er ihre erste Frage beantwortet hatte, stellte sie eine zweite. Immer der sein, der fragt. So bot sie keine Angriffsfläche, sie würde erfahren, was sie wissen wollte. Und sie würde wieder seine Stimme hören.
John erzählte.
Er erzählte so viel, dass er sich selbst darüber wunderte, was ihm plötzlich alles wieder einfiel. Ein Picknick am Tyne, ein Sonntagnachmittag. Er saß auf einer Wiese und sah sich die Kleeblätter an. Er hatte nie etwas so Grünes berührt, aber es schmeckte nicht. Ein freundlicher Riese, sein Vater, hob ihn auf und zeigte ihm den Fluss. Er glitzerte in der Sonne wie ein gewaltiges, vor Kraft zitterndes Tier.
Warm. Seine Mutter zog ihm das Kleid aus, die viel zu großen Socken von seinen Füßen, und der Riese stellte ihn nackt in das strömende Wasser. Es war kalt. Er sah seine kleinen weißen Zehen weit unter sich wie durch ein Zauberglas. Fühlte, wie der Sand unter seinen Füßen wegrutschte, gleich würde er fallen. Aber der Riese hielt ihn sicher unter den Achseln. So viel Wasser hatte er noch nie gesehen. Woher kam es? Wohin floss es? Warum bewegte es sich? Das fröhliche Lachen seiner Eltern, als er hineinpinkelte.
Er erzählte von dieser Erinnerung nichts, aber sie war da, ganz deutlich, während er sagte: »Benwell-upon-Tyne, in Nordengland, ein Bergbaugebiet. Kohle. Niedrige, eingeschossige Häuser, eher Hütten. Schwarzer Staub überall, knirschte zwischen den Zähnen. Ein Bergmann und eine Lehrerin.«