Anders als vorher unterbrachen ihn jetzt immer wieder ihre Fragen. Sie war mit ihm dort. In seiner Kindheit, in den Minen, den Straßen von London. Sie fuhr mit ihm auf all diesen Schiffen, den Ozeanen, durch Stürme und Eis und Nächte, die sechs Monate dauerten. Sie war bei ihm, als seine Mutter starb und der weiße Bär über ihn herfiel. Sie kam mit ihm nach Amerika, sie schwamm mit ihm auf dem großen Fluss.
»Woher kommen Sie?«, fragte John Gowers schließlich.
78.
Vielleicht waren sie ja nur so alt geworden, um einzusehen, dass das Leben keine mathematisch präzise Aufgabe ist; dass es Dinge gibt, die nur eine Zeit lang richtig sind, nur an einem bestimmten Ort, nur für einen einzigen Menschen. Das zu erkennen, das zu ertragen, das sein zu lassen hieß: glücklich sein.
Die Zeit, in der sie füreinander richtig waren, war kurz gewesen, kein Jahr, nur einige Monate des Jahres 1814. Eileens Ehrgeiz hatte sie auf die jämmerliche, aber einzig zuverlässige Weise, die den Frauen in ihrer Zeit offenstand, einen mächtigen, älteren Mann heiraten lassen, der weder ihre Seele noch ihren Körper ernsthaft berührte. Mit Schaudern dachte sie an die Hochzeitsnacht, eine hastige, lieblos erledigte Pflicht. William drang in sie ein, wie er einen Nagel in ein Brett geschlagen hätte, und als sie eben anfing, etwas zu empfinden, was über Schmerz hinausging, war es auch schon vorbei gewesen: »Gute Nacht, Madame!«
Das ging vier Jahre so, zwei Kinder wurden auf diese Weise gezeugt, und ein vorsichtiges, sehr kurzes Gespräch mit ihrer Mutter bestätigte sie in der Vermutung, dass dies normal sei. Dann, Eileen war vierundzwanzig Jahre alt, war der Seeräuber in ihrem Leben erschienen wie ein Komet. Er sah gut aus, war charmant, konnte glänzend erzählen, hatte die geheimnisvolle Gabe, immer so etwas wie Mondschein und Abenteuer um sich zu verbreiten – und er war der Todfeind ihres Mannes. Gouverneur William C. C. Clairborne ließ Jean Laffitte eine Zeit lang von sämtlichen Polizisten in allen Winkeln Louisianas suchen; nur eben nicht im Schlafzimmer seiner Frau, was die Romantik ihrer Begegnungen ins nahezu Unwirkliche, Literarische steigerte.
Zum ersten Mal empfand Eileen ihren Körper nicht mehr als eine unvollkommene, widerspenstige Maschine, die nur mit eiserner Disziplin und unter Schmerzen die Aufgaben erfüllte, die sie ihr Leben nannte. In Jeans Armen lernte sie fliegen, Schmerzen, Welt, sogar sich selbst zu vergessen. Sie glaubte sogar manchmal, für ein paar mörderisch romantische Augenblicke, dass mit seinem Pferd, das ein schwarzer Diener an der Hinterpforte gesattelt bereithielt, auch für sie selbst ein anderes Leben bereitstünde, auf das sie nur aufspringen müsste. Aber immer nur bis zum Morgengrauen.
Tagsüber pflegte Eileen Clairborne im Interesse ihrer Kinder, ihrer Familie, ihrer Klasse und auch ihren eigenen Vorstellungen von Sicherheit zuliebe nicht zu träumen. Und als ihr Mann nach der schweren, aber sinnlosen Schlacht von New Orleans, die Jean Laffitte – so sagte sie es sich jedenfalls gern – für sie geschlagen hatte, die Amnestie für die Piraten von Barataria zurückgenommen hatte, war ihr persönliches Märchen auserzählt.
Sie hatte es nie bereut, weder den Anfang noch das Ende bedauert, aber stets das Dokument verwahrt, das Jean Laffitte Straffreiheit für alle im Staat Louisiana verübten Verbrechen zusicherte. Nicht nur als schöne Erinnerung, auch weil er sie darum gebeten hatte, bevor er wieder ins Karibische Meer segelte.
»Darf ich Ihre Aufmerksamkeit auf die Unterschrift lenken, lieber Mr. Duggan?!«
»Ich sehe, ich sehe«, antwortete Police Officer Duggan und versuchte verzweifelt, aus der bis zur Krakelei verschnörkelten Buchstabenfolge schlau zu werden.
»Andrew Jackson«, half Madame Clairborne ihm auf die Sprünge. »Zweifellos wissen Sie, wer das ist.«
»Natürlich!«
Natürlich. Jedes Kind in Amerika kannte die Geschichten von Old Hickory, dem siebten und nach George Washington wohl populärsten Präsidenten der Vereinigten Staaten. Officer Duggan blieb nichts anderes mehr übrig, als die Daten der beiden museumsreifen Dokumente zu vergleichen, die ihm vorlagen, die Amnestie als das jüngere anzuerkennen – und John Lafflin alias Jean Laffitte freizulassen.
Ein wenig verlegen, ein wenig melancholisch suchten sie einander in den gealterten Gesichtern auf dem Weg in die Stadt, fanden aber nur in den Augen eine befriedigende Übereinstimmung mit ihren vierzig Jahre alten Erinnerungen.
»Sie haben sich kaum verändert«, log er.
»Sie sind ein charmanter Lügner geblieben«, lächelte sie. »Darf ich fragen, warum die Polizei noch immer Interesse an Ihnen hat?«
Er sagte es ihr, erklärte sich vollständig, sprach von der Wiedergutmachung, die er den Schwarzen, vielleicht auch der ganzen Menschheit schuldig sei, und bat noch einmal um ihre Hilfe.
»Was brauchen Sie?«
»Ein schnelles Pferd und jemanden, der meine Spuren verwischt!«
Noch einmal flackerte die Abenteuerlust in ihren alten Augen, und ohne die geringsten Bedenken verriet sie ihr bisheriges Leben, ihren verstorbenen Mann und die gesamte Aristokratie des Südens, deren ungekrönte Königin sie einmal gewesen war. Denn was sie tat, war in diesem Augenblick richtig.
Teil drei
79.
Puarauranga war sechzehn Jahre alt gewesen, als Hone Waitere, Häuptling der Ngati Maniapoto, um sie geworben hatte, und die Ehre, die er ihrer Familie damit erwies, war zu groß gewesen, um sie ablehnen zu können. Es war eine uralte Geschichte, zu allen Zeiten, auf allen Kontinenten, in allen Völkern schon da gewesen: Ein mächtiger alter Mann wird Witwer und glaubt, seine Jugend kehrt wieder zurück, wenn er eine schöne junge Frau in sein Bett holt. Bei Hone Waitere kam hinzu, dass seine beiden Söhne gleich zu Beginn der Waikato-Kriege gefallen waren. Er brauchte einen Erben, konnte mit seiner Frau, die ebenfalls schon über sechzig war, keinen mehr zeugen und betrachtete ihren kurz darauf erfolgten Tod als eine Art Gottesbeweis.
Hone Waitere war Christ. Und mit dem Segen der weißen Priester wurde Puarauranga ihm angetraut, um ihm zu dienen mit ihrem Leib. Aber was Gott dem alten Häuptling beweisen wollte, war offenbar das Gegenteil dessen, was der erhofft hatte; das Mädchen wurde nicht schwanger, seit drei Jahren nicht. Es lag nicht an ihm, denn obwohl er seine Jugend wilder und härter in Erinnerung hatte, reichte seine Kraft noch zur Penetration und zum Samenerguss, wenn auch nicht allzu häufig. Die Bemühungen ihrer Mutter, Tanten und anderer weiser Frauen, die Puarauranga erklärten, wie sie die Lust ihres fünfzig Jahre älteren Ehemannes anstacheln könnte, waren deshalb nicht nur unnötig, sie zielten auch in eine zwar naheliegende, aber falsche Richtung.
Es war ihre Lust, die sich nicht einstellen wollte, und obwohl weder sie noch ihre Umgebung noch ihr ganzes in dieser Hinsicht so finsteres Jahrhundert ahnten, welche Rolle der weibliche Höhepunkt beim Vorgang der Befruchtung spielt, wusste Puarauranga, dass es an ihr lag. Ihr Gatte war ein freundlicher alter Mann, der ihr Großvater hätte sein können, der sie höflich und zuvorkommend behandelte, sogar manchmal witzig war – aber nichts an ihm oder dem, was er mit ihr tat, erregte sie auch nur im Geringsten. Dabei war sie nicht kalt, und genau das war auch ihr Problem. Sie war neunzehn Jahre alt, auf dem Höhepunkt ihrer Schönheit, Kraft, Neugier, und ihr unbefriedigtes Verlangen tötete allmählich etwas in ihr, so wie manche Vögel sterben, wenn man sie in zu enge Käfige sperrt.