Выбрать главу

Im Grunde nur ein schmaler, aber vielarmiger, sechs bis sieben Meilen langer Meereseinlass, fiel Whaingaroa Harbour bei Ebbe fast völlig trocken und legte weite Schlammbänke frei. Obwohl die verfügbaren Boote unablässig pendelten, mussten doch immer wieder schwer beladene Trupps meilenweit durch diese wattähnliche Landschaft marschieren, und als drei Tage später alles an Land geschafft war, waren Männer und Material völlig verdreckt. Von Tempsky ordnete ein Großreinemachen an und durchdachte seinen Plan noch einmal.

Es war inzwischen Mitte März geworden, und der südliche Sommer würde bald völlig vorbei, die Ernten eingebracht sein. Der Herbst, traditionell die Zeit der Reisen und Kämpfe, stand bevor, und das Jahr der Töchter und des Lammes, dem die Eingeborenen so viel Beachtung schenkten, neigte sich dem Ende zu. Warum dem alten Titokowaru nicht noch ein paar Verbündete abspenstig machen, indem man sich »in voller Schönheit«, wie von Tempsky es in seinem Schreiben an McDonnell ausdrückte, im wilden Binnenland zeigte? Die Ausbildung seiner Männer im Buschkrieg würde er zudem nirgendwo besser betreiben können als im Busch, und auch der Gedanke an Desertion, mit dem zweifellos die meisten hergekommen waren, würde ihnen, mitten im Feindesland, von wilden Eingeborenenstämmen umgeben, gründlich vergehen.

Proviant war in genügender Menge vorhanden, nur sein Transport würde schwierig werden. Die Maoripfade, auf denen man sich durch die dichten Urwälder bewegen musste, waren so schmal, dass ein ungeübtes Auge sie bisweilen überhaupt nicht erkannte. Sie verliefen im Normalfall auch nicht in den Tälern, sondern auf den Kämmen der Berge und Hügel, was ein ständiges Auf und Ab bedeutete. In diesem schwierigen Terrain war es für einen einzelnen Mann unmöglich, mehr als dreißig oder vierzig Pfund auf dem Rücken zu tragen; ein Gewicht, das durch Waffen und Ausrüstung aber bereits annähernd erreicht war. Jagdbares Wild gab es in den neuseeländischen Wäldern nicht, auch essbare Pflanzen waren rar, wenn man nicht gerade hungrig genug war, um sich mit den Wurzeln des überall wachsenden Farnkrauts oder dem Innern des Mamaku-Baumfarns zufriedenzugeben.

Die herkömmliche Art, sich auf einem Marsch durch Neuseeland zu verpflegen, bestand darin, von Maorisiedlung zu Maorisiedlung zu ziehen und dort Schweine, Kartoffeln, Obst und nach Möglichkeit auch Gemüse einzutauschen. Von Tempsky beschloss deshalb, anstelle des Proviants lieber die üblichen Tauschwaren mitzuschleppen, die es im Land nicht gab, also Salz, Zucker, Tee und die universale Tauschwährung auf dem Naturalienmarkt des 19. Jahrhunderts: Tabak. Unter all diesen Umständen wäre ein Marschdurchschnitt von zehn oder zwölf Meilen pro Tag bereits ein großer Erfolg.

Von Tempsky befahl den Männern, die an sie ausgegebenen Decken zu Schlafsäcken zusammenzunähen, und zwar so, dass eine Seite doppellagig war; was sich für die in derartigen Handarbeiten herzlich ungeübten Rekruten zu einem ernsthaften Problem auswuchs. Ihr Kommandant erlaubte ihnen schließlich, die Eingeborenenfrauen des kleinen Dorfs Horea am Whaingaroa und die weißen Frauen der benachbarten, noch kleineren Siedlung Raglan mit dieser Arbeit zu beauftragen. Er selbst bestellte beim örtlichen Schmied dreißig Bowiemesser nach seinem persönlichen Entwurf, für viele Jahre der größte Auftrag für Industrie und Handel im nur acht Häuser umfassenden Raglan, und ließ – noch weit seltsamer – den ganzen Ort nach Pinseln, Wasserfarben und möglichst großformatigem Papier durchforsten. Eine tragbare Staffelei tischlerte er sich selbst.

81.

Der Investigator war durch die gesamte Nordinsel und den gewagten Plan seines Vorgesetzten von dem Ort getrennt, an dem James Fagan an Land gegangen sein musste. Wahrscheinlich wäre er desertiert, wenn er von Tempsky in den vergangenen Wochen nicht näher kennengelernt und sich ihm verpflichtet gefühlt hätte. An einem dieser Tage der Marschvorbereitungen wanderten die beiden Männer zum Kariori, einem auf einer Halbinsel weit in die See hinausragenden Berg. Von Tempsky hatte in der an seinem Fuß liegenden Missionsstation der wesleyanischen Kirche einige Malutensilien und vor allem etwas Kobaltblau aufgetrieben und war so guter Laune, dass er Joseph B. Williams vorschlug, einen knapp achthundert Meter hohen Ausläufer des viel gezackten Gipfels zu besteigen, was etwa drei Stunden in Anspruch nahm.

Weit im Südwesten sahen sie in fast hundert Meilen Entfernung die eindrucksvolle Silhouette des schneebedeckten Taranaki, den die Pakeha Mount Egmont nannten; ein einzeln aus dem grünen Hügelland aufragender Vulkan von zweitausendfünfhundert Metern Höhe, über dem fast ständig eine dünne weiße Rauchwolke stand. Im Osten und damit in ihrer Marschrichtung, näher, aber niedriger, erhoben sich die von vielen Schluchten zerrissene, vielgipflige Bergmasse des Pirongia und die kleineren Kegelberge, die um ihn herumstanden wie Küken um eine Henne. Das waren die Berge, die ihren Weg markierten, an denen sie sich entlangtasten würden zum Taupo Lake.

»Sie waren einmal verheiratet«, sagte von Tempsky unvermittelt.

»Sir?« Gowers sah den Deutschen verständnislos an.

»Kariori und Pirongia waren einmal ein Paar, sagen die Maori. Aber sie haben sich zerstritten und stehen deshalb heute getrennt. Die Kinder«, er wies auf die kleinen Kegelberge im Osten, »sind mit der Mutter gegangen.«

»Schönes Bild«, murmelte Gowers uninteressiert und blickte wieder nach Süden, wo sein Ziel lag: ein einzelner Mann jenseits der Wildnis.

»Die Sagen der Maori sind überhaupt sehr bildlich«, fuhr von Tempsky ungerührt fort. »Genau wie die der Griechen, da gibt es wirklich erstaunliche Ähnlichkeiten. Haben Sie Homer gelesen? Oder Ovid?«

»Hab mal reingeschaut«, antwortete Gowers, immer noch unwillig, sich ein mythologisches Gespräch aufzwingen zu lassen.

»Am Anfang waren Rangi, das ist der Himmel, und Papa, die Erde, so eng verbunden, dass kein Raum zwischen ihnen war. Lagen zu dicht aufeinander, wenn Sie verstehen.«

»Soll vorkommen«, knurrte Gowers einsilbig.

»So dicht, dass ihre Kinder, die Götter, kein Licht und keine Luft mehr bekamen.«

»Tragisch.«

»Also beratschlagten sie und beschlossen, ihre Eltern zu trennen. Nur Tawhiri-matea, der Gott des Windes und der Stürme, war dagegen. Die anderen muckten auf, stemmten sich mit den Füßen gegen die Erde, den Händen gegen den Himmel, aber sie schafften es nicht. Nur Tane-mahuta, der Gott der Wälder und des Landes, war stark genug, Himmel und Erde schließlich auseinanderzuschieben.«

»Schön für ihn.«

»Schön für uns, Mr. Williams, denn seither gibt es die Welt, wie wir sie kennen. Aber seitdem herrscht auch Krieg zwischen dem Wind und den Wäldern. Tawhiri-matea, der Sturmgott, ist nämlich im Gegensatz zu seinen Geschwistern bei seinem Vater im Himmel geblieben, und unablässig peitscht er seitdem das Meer gegen das Land, reißt die Bäume aus und trägt den fruchtbaren Boden davon, wo immer er ihn erwischen kann. Nur die Seufzer der Erde und die Tränen Rangis, also Nebel und Tau, besänftigen ihn manchmal ein wenig.«

Von Tempsky lächelte, als er bemerkte, dass Joseph B. Williams ihm jetzt überhaupt nicht mehr zuhörte.

»He aorere kakika, he hautau e kore e kitea«, sagte er nach einer Weile.

»Sir?«, fragte Gowers, als ihm klar wurde, dass diese Worte an ihn gerichtet waren.

»Man kann die Wolken sehen, die am Himmel ziehen, aber nicht die Gedanken am Horizont des Geistes«, übersetzte von Tempsky.

Auch der Investigator lächelte jetzt über die versponnene Figur, die er zweifellos im Moment abgab. Dann zeigte er nach Süden.

»Entschuldigen Sie, Sir, aber ich muss einen Mann finden, der dort unten ist, irgendwo in Wanganui.«