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Hinter ihm ging, mit schweren, ruhigen Schritten, Mr. Phineas, der ganz allein das von Gowers gestohlene Kanu auf den Schultern trug, mit dem sie über die kleineren Wasserläufe und Teiche des Sumpfs hinwegsetzen konnten. Obwohl sie dabei jede Überfahrt mehrmals machen mussten, kamen sie doch insgesamt schneller voran und bewegten sich geradliniger auf ihr Ziel zu, als wenn sie diese Hindernisse umgangen hätten. Als die Nacht mit der in diesen Breiten üblichen Plötzlichkeit hereinbrach, hatten sie deshalb schon zwei Drittel ihres Wegs zurückgelegt und erreichten Barataria in den f rühen Morgenstunden des nächsten Tages.

Für zwei der Flüchtlinge kam jede Hilfe zu spät: Eine junge Frau und ihr Säugling waren zu Deborahs Verzweiflung erst in der vergangenen Nacht an Hunger und Entkräftung gestorben. Die Übrigen konnten mithilfe der herbeigeschleppten Lebensmittel gerettet werden, waren dadurch aber noch nicht in der Lage, den sofortigen Rückmarsch anzutreten. Sie würden noch mindestens einen Tag bleiben müssen, und das hieß: Falls die Miliz käme, wie Deborah erwartete, würde es zu einem Kampf kommen.

Ohne eine Beratung über ihr weiteres Vorgehen abzuwarten, machte Gringoire sich auf die Suche nach dem verborgenen Arsenal Monbars’. Der Ort, der einmal die Schmugglerrepublik Barataria gewesen war, hatte sich in den vergangenen vier Jahrzehnten völlig verändert. Die fast krankhaft üppige Vegetation und ein gutes Dutzend Überflutungen hatten die verkohlten Reste ehemaliger Lagerund gemauerter Wohnstätten fast vollständig verschlungen. Nur ein großer Felsen behauptete noch immer seinen Platz, und von diesem Orientierungspunkt ausgehend, hatte der alte Mann sehr bald gefunden, was er suchte.

Er rief nach Händen, die beim Ausgraben helfen sollten, aber außer Gowers hörte niemand auf ihn. Kopfschüttelnd ging der Lotse zu dem alten Mann, während alle anderen damit beschäftigt waren, das Essen zu verteilen oder zu verschlingen.

»Hören Sie, Gringoire«, sagte Gowers, »so wird es nicht gehen. Wenn dieser Ort verteidigt werden soll, muss jemand das Kommando haben.«

Wortlos zeigte Gringoire auf Deborah und zog mit dem Absatz seines Stiefels eine Linie in den weichen Boden, entlang der er mit Händen und einem Messer zu graben begann.

Zuerst wollte Gowers sich wieder über so viel wortlose Gleichgültigkeit aufregen, aber dann durchzuckte ihn die Erkenntnis, dass der Gleichmut des alten Mannes vielleicht nur eine andere Art war, seiner Gereiztheit Herr zu werden. Das machte auch ihn selbst seltsam kalt und ruhig. Er ging zu Deborah, die seit ihrer Ankunft noch keinen Moment gesessen hatte, und sagte freundlich, aber bestimmt: »Entschuldigung, aber wir brauchen einen Plan.« Als sie lediglich nickte und fortfahren wollte, sich um ihre Leute zu kümmern, hielt er sie am Arm fest und flüsterte: »Jetzt. Sofort!«

»Was schlagen Sie vor?«, fragte Deborah, die diesem Moment mit Unruhe entgegengesehen hatte, seit sie wusste, dass John Lafflin nicht an ihrer Seite sein würde.

»Erstens«, antwortete Gowers, »wenn Ihre Leute nicht aufhören, sich den Bauch vollzustopfen, werden sie weder fliehen noch kämpfen können. Zweitens: Jeder, der halbwegs dazu in der Lage ist, begibt sich zu Mr. Gringoire und hilft ihm, seine verdammte Kanone auszugraben. Drittens: Wir brauchen eine Voraussicherung, also jemanden, der den Weg nach New Orleans überwacht und feststellt, ob und vor allem wann Gefahr droht.«

»Wir haben eine Kanone?«, fragte sie ungläubig.

»Nicht, wenn wir hier nur herumstehen! Mit Ihrer Erlaubnis sehe ich mir die Straße an. Passen Sie auf, dass sich niemand den Magen verdirbt, und schicken Sie jeden graben, der graben kann.« Er nahm sich eine der leichten Flinten und schlug den schmalen Weg ein, der am Rande der jämmerlichen kleinen Pfahlsiedlung nach Nordosten führte.

84.

Henry Hunters Telegramme hatten sämtliche Milizionäre des Regiments Denham Parish von den Anlegestellen nördlich von Baton Rouge abgezogen und nach New Orleans beordert, und die meisten von ihnen reisten ebenfalls auf der Big Missourie. Allerdings hatten viele dieser Männer inzwischen ihre dreiwöchige Dienstverpflichtung für das laufende Jahr erfüllt und zogen es vor, auf ihre Farmen zurückzukehren. In jedem der kleinen Orte, die sie anliefen, verloren Schiff und Regiment also Männer; von den neu Zusteigenden, vor allem dem alten General Willoughby, der in Baton Rouge an Bord kam, als Feiglinge und Verräter beschimpft, von den übrigen bereits »Ausgedienten« allerdings beneidet und immer wieder nachgeahmt.

Feigheit und Verrat waren schlimme Vorwürfe, aber eine schlechte Ernte war weit schlimmer. Was gingen sie überhaupt die Nigger der Großgrundbesitzer an? In dieser Weise litt die Moral der Truppe in einem fort, und so kam es, dass eine halbe Stunde vor Mitternacht weniger als ein Dutzend von ihnen New Orleans erreichten. Hunter, der mit dreimal so vielen gerechnet hatte, klagte ausgerechnet die an, die gekommen waren, bis ihm die Sinnlosigkeit dieses Verhaltens zu Bewusstsein kam. Prompt spendierte er den Männern ein spätes Bier und sorgte persönlich dafür, dass in dem Stall, in dem sie untergebracht waren, frisches Stroh für sie aufgeschüttet wurde. Dennoch verbrachten sie keine ruhige Nacht.

Gandalod hatte trotz seines tödlichen Hungers den ganzen Tag über jede Nahrung, selbst Delikatessen wie gebratene Hühnchen, verweigert. Er hoffte, dass er sterben würde, ehe die Folter begann. Andererseits, dachte er grimmig, was gab es schon noch, das sie ihm antun konnten? Seine Freiheit und seine Männlichkeit hatte er schon verloren, an Schmerzen glaubte er gewöhnt zu sein, und Schläge würden ihn früher oder später umbringen.

Es war gegen zwei Uhr morgens, als er sah, wie gründlich er sich getäuscht hatte. Die alte Misses kam in den Stall, und hinter ihr, sehr verwirrt, ängstlich und übernächtigt, erkannte er Darioleta. Sie trug zwei große Körbe mit verschiedenen Lebensmitteln, Wein, Käse, Brot, kaltem Braten, als würde ein Picknick veranstaltet. Tatsächlich ging sie von einem zum anderen, dem General Willoughby, Henry Hunter, den jungen Männern, den einfachen Mitgliedern der Miliz, und jeder bediente sich.

Allerlei Sitzgelegenheiten wurden aufgestellt und Gandalod auf einem Stuhl in der Mitte festgebunden, als sei das ein Ehrenplatz. Desmond Bonneterre zog einen weiteren Stuhl heran und setzte sich sehr ruhig, sehr gelassen, aber auch sehr ernst direkt vor ihn.

»Darry«, befahl er. »Komm her und gib ihm zu essen!«

Gandalod schwitzte vor Angst, als das Mädchen unschlüssig näher kam.

»Haben wir ein feuchtes Tuch hier?«, fragte Bonneterre. Dann tauchte er sein eigenes Taschentuch in einen Eimer mit Wasser und reichte es Darioleta. »Wisch ihm mal das Gesicht ab. Der arme Kerl schwitzt sich ja zu Tode.«

»Tu es nicht«, sagte Gandalod leise und erkannte seine eigene Stimme nicht mehr. Als sie zögerte, sauste plötzlich Bonneterres Spazierstock durch die Luft und landete pfeifend auf Darioletas Rücken.