Nach einer ruhigen Nacht, in der allerdings erstmals ein wenig Regen fiel, sodass sie die Kautschukdecken, die von Tempsky hatte ausgeben lassen, schätzen lernten, wandten sie sich geradewegs nach Osten und erreichten am Abend des folgenden Tages Rangiawhia. Diese vermutlich größte Maoriansiedlung inmitten des Waikato-Beckens war beinahe schon eine Stadt und entsprechend zivilisiert. Sie besaß in ihrem Umland ausgedehnte Weizen-, Mais-und Kartoffelfelder, zwischen denen breite Fahrwege verliefen. In Rangiawhia gab es einen Gerichtshof, einen Kaufladen, eine Mühle und gleich zwei Kirchen: eine katholische und eine protestantische, deren letztere sogar mit bunten Glasfenstern geschmückt war.
Da der nächste Tag ein Sonntag war, legten sie zum ersten Mal eine vierundzwanzigstündige Rast ein, denn der Sonntag war ra tapu, was bedeutete, dass niemand arbeiten durfte und insbesondere auch das Reisen verboten war. Von Tempsky befahl seinen Männern, mit Ausnahme einer kleinen Lagerwache, zu der sich prompt John Gowers einteilen ließ, den Gottesdienst zu besuchen, um seine Friedfertigkeit unter Beweis zu stellen. So kam es, dass die beiden kleinen Kirchen bis zum Bersten gefüllt waren und die Missionare beider Konfessionen noch lange von diesem glorreichen Tag sprachen.
Am Montag dehnte sich dieses Wohlwollen auch auf die einfache Bevölkerung aus, denn er begann mit einem regen Tauschhandel, bei dem die Pakeha auch die exorbitantesten Preise für Schweine, Kartoffeln, Obst und Weizenmehl anstandslos bezahlten. Die Schweine wurden sofort geschlachtet und eingesalzen, was erneut einige Zeit kostete und von Tempsky ein weiteres malerisches Motiv lieferte. Erst am Dienstag in aller Frühe zog die Truppe weiter, diesmal nach Süden, wo man nach der Überquerung des Mangahoe gegen Mittag auf den gut gangbaren Overland Mail Track stieß. Dieser Pfad würde sie auf direktem Weg nach Südosten und binnen einer knappen Woche an den Taupo Lake führen. Das gefährliche Kings Country lag hinter ihnen, den Weg in die Gebiete der nicht weniger Furcht einflößenden Bergstämme nahmen sie unter die Füße.
86.
Nach weniger als einem Meter stießen sie am äußersten Rand der von Gringoire bezeichneten Stelle auf mächtige, aber fast vollständig vermoderte Holzbohlen. Darunter lag eine Schicht aus Sand und Steinen, gefolgt von verrottetem Segeltuch, unter dem sich eine zweite Lage diesmal geteerter und darum etwas besser erhaltener Holzplanken befand. Ihr Scharren und Kratzen nahm auf diesem Grund einen anderen Ton an, der verriet, dass sich ein größerer Hohlraum darunter befinden musste, der sich in all den Jahren zumindest nicht vollständig mit Wasser und Schlamm gefüllt hatte.
Als die Erde so weit abgetragen war, dass er hinabsteigen konnte, schlug Gringoire mit der Axt die uralte Holzverschalung auf. Von allen Seiten und mit allen Händen wurden daraufhin die morschen Bohlen weggerissen, und neugierige Blicke richteten sich in einen zwei Meter tiefen, etwa zehn Quadratmeter großen gemauerten Kellerraum. Die Wände hatten den Jahren standgehalten, aber das Grundwasser musste das Arsenal mehrfach überschwemmt haben und hatte jedes Mal eine Schicht von Sedimenten darin zurückgelassen. Ein durchdringender Modergeruch schlug ihnen entgegen, und das Einzige, was – halb versunken in Sand und Schlamm – zu ihnen hinaufstarrte, war die grünlich schimmernde Mündung einer Kanone, die aus einer von Fäulnis zerf ressenen Umhüllung von Segeltuch und Guttapercha hervorragte.
Gringoire riss das Tuch weg, das in seinen Händen vollständig zerfiel, und befahl Mr. Phineas, einige Bäume zu fällen und eine Hebekonstruktion zu errichten.
»Wozu?«, fragte Mr. Phineas enttäuscht. »Der Rost hat dieses Ding längst erledigt.«
Vor allem der seltsame grünliche Belag irgendeines namenlosen Schimmels, mit dem das gesamte alte Geschütz überzogen war, ekelte alle, aber Gringoire schlug mit der stumpfen Seite seiner Axt darauf ein – und die mehrere Zentimeter dicke Wachsschicht, die das Rohr vierzig Jahre lang zuverlässig vor Feuchtigkeit und Korrosion geschützt hatte, platzte ab wie eine Eierschale.
Obwohl er sich freute, seine alte Geliebte so völlig unversehrt und funktionstüchtig wiederzusehen, machte Gringoire sich nicht die Mühe, seinen Triumph zu zeigen, sondern ging daran, die auf die gleiche Weise hermetisch versiegelte Lafette und die Munitionskisten aus dem Sand zu graben. Selbst das Pulver war so trocken geblieben, dass es knisterte, als er eine kleine Probe zwischen den Fingern zerrieb. Nur ganz zuletzt zeigte Gringoire doch so etwas wie wilde Freude und lachte über das Erschrecken der kleinen Flüchtlingsgemeinde: als er Monbars’ alte Flagge entfaltete und der grinsende Totenschädel auf schwarzem Grund noch einmal im Wind der Karibik wehte.
Mehr als zweihundert Jahre früher hatte ein Mann diese klassischste aller Piratenflaggen entworfen, von dem die Geschichte nicht einmal einen Vornamen überliefert: Monbars, den man den Würgeengel nannte. Herkunft und Ende dieses unheimlichen Piraten liegen im Dunkeln, nur sein pathologischer Hass auf die Spanier ist historisch. Er erschlug sie mit Vorliebe im Nahkampf, mit einer Enteraxt, und diese Art zu sterben war für seine Gegner besser, als von Monbars gefangen genommen zu werden. Denn seinen Gefangenen pflegte er den Bauch aufzuschlitzen, nur ein klein wenig, zog ein Stück Darm heraus und nagelte es an den Mastbaum. Anschließend hetzte er seine Opfer mit brennenden Fackeln so lange um den Mast herum, bis sie die sieben Meter ihrer Gedärme völlig herausgehaspelt hatten und zusammenbrachen. Unter der Flagge einer so pittoresken Gestalt ihren Geschäften nachzugehen verschaffte den weit harmloseren Schmugglern von Barataria den Vorteil eines Respekts, den niemand verdient sehen wollte.
Im Aufspüren und Auskundschaften einer gegnerischen Truppe hatte John Gowers noch nicht die Erfahrung, die er darin einmal entwickeln würde. Seine entsprechenden Fähigkeiten verdankte er im Wesentlichen einer guten Beobachtungsgabe und seinen Jagdzügen im hohen Norden; bei denen allerdings nie die Gefahr bestanden hatte, dass das aufgespürte Wild ihn unter Beschuss nehmen würde. Auch bei der Jagd auf Rentiere und Moschusochsen war es jedoch stets darauf angekommen, zu sehen, ohne gesehen, zu riechen, ohne gerochen zu werden, und so hielt er sich etwas abseits des breiten Cajunpfads, der nach New Orleans führte, und ging nach Möglichkeit mit dem Wind im Gesicht.
Schneller, als er gehofft, nein: befürchtet hatte, nämlich am Nachmittag und nur etwa acht Meilen von Barataria entfernt, wurde seine Wachsamkeit belohnt. Eine zwanglose Truppe von Berittenen und einigen Männern, die eine kleine Hundemeute führten, bewegte sich allerdings so lärmend und sorglos, dass er sie zunächst nicht für die Louisiana-Miliz, ja nicht einmal für eine Jagdpartie, sondern für eine Art Picknickgesellschaft hielt. Erst durch sein Fernglas erkannte er einige der jungen Gentlemen, deren Gesichter ihm zuerst bei ihrer Reaktion auf die »Retardierenden Erzählelemente in ihrem Bezug zum Spannungsbogen« als weitgehend geistlos aufgefallen waren.
Zunächst glaubte er, die Männer würden Barataria noch am gleichen Abend zu erreichen versuchen, was möglich und aus ihrer Sicht auch das Sinnvollste gewesen wäre. In diesem Fall hätte er versuchen müssen, sie zu überholen, um seine Warnung noch rechtzeitig überbringen zu können. Glücklicherweise stellte er aber kurz darauf fest, dass die Louisiana-Miliz nicht immer das Sinnvollste tat, sondern ihr Nachtlager bereits aufschlug, als die Nacht noch mindestens vier Stunden entfernt war. Er vergewisserte sich, dass keine Späher vorausgeschickt wurden, rekognostizierte das Gelände rings um das feindliche Lager, fand es für einen Überfall höchst geeignet und erreichte Barataria im Laufschritt bei Einbruch der Dunkelheit.