87.
Tiwha, tiwha te Po – schwarz, schwarz ist die Nacht; aber der Prophet war bei ihnen, betete, sang mit ihnen, obwohl das eigentlich nicht möglich war. Captain Thomas hatte Befehl gegeben, Te Kooti in strenger Einzelhaft zu halten, und das Gefängnis befand sich innerhalb des Konstablerstützpunkts, anderthalb Meilen entfernt von den Hütten des Gefangenenlagers. Dennoch war er in jeder Nacht bei ihnen, ohne dass die Wachen es merkten.
Die Whakarau glaubten, dass Te Kooti sich in eine Eidechse verwandeln konnte, wie es in alten Zeiten jenen Menschen möglich war, die sich nicht nur in der wirklichen Welt, sondern auch in der Taha wairua, auf der spirituellen Ebene des Lebens, bewegten. Nur so konnte er dem Gefängnis entkommen und dennoch am nächsten Morgen in seiner Zelle sitzen, als wäre er nie fort gewesen. Nur Einzelne, Ungläubige sprachen davon, dass auch die Bestechung der Wärter bei Te Kootis Verschwinden und Wiederauftauchen eine Rolle spiele.
Es waren Männer wie der alte Keke oder Te Warihi Potini, Te Kootis Onkel, die nicht an die Botschaften des Propheten glaubten, denn beide waren schon in der Heimat, auf Aotearoa, mit ihm zerstritten gewesen. Dass er, ein Emporkömmling, nach der Repatriierung ihrer Häuptlinge die Autorität unter den Whakarau an sich gerissen hatte, ärgerte sie. Die Ehre der Führerschaft hätte eher ihnen, den Alten, zugestanden. Ein grundsätzliches Problem war zudem, dass sie beide Te Kooti schon in seiner Jugend gekannt hatten; es ist schwer, an einen Propheten zu glauben, den man in kurzen Hosen und mit laufender Nase gesehen hat.
Te Warihi war sogar einmal Te Kootis Vormund gewesen und immer wieder mit seinem Neffen aneinandergeraten, der sich schon damals nicht unterordnen wollte. Ihm konnte er nichts vormachen! Mochte er Weiber und Kinder blenden mit seiner brennenden Hand, dem Phosphor und den dunklen Gesängen. Es gab unter den Whakarau sogar das Gerücht, dass Te Warihi ein Spion der Pakeha war, der Captain Thomas über die Vorgänge im Lager und die Aktivitäten seines Neffen auf dem Laufenden hielt.
Die Prophezeiungen Te Kootis waren nicht eingetroffen: Kein Schiff war gekommen, sie hatten auch keine Boote gebaut, und der Navigator, den der Prophet ihnen vorgeführt hatte – Sterne und Strömungen, die Wolken und den Wind kenne ich –, war zurück nach Owenga gegangen und spurlos von dieser Welt verschwunden. Die Whakarau wurden unruhig, ihre Sehnsucht, die kalte, grausame Insel zu verlassen und in ihre Heimat zurückzukehren, wurde langsam, aber stetig größer. Noch steigerte diese Sehnsucht ihren Glauben an die Visionen Te Kootis, aber wehe dem Propheten, wenn die Sehnsucht den Glauben überstieg!
»Anfang Juli«, sagte Te Kooti in einer nächtlichen Versammlung Ende April, »wird die Regierung ein Schiff schicken, das uns alle nach Aotearoa bringt. Wenn nicht«, er richtete sich hoch auf, »wird Gott mir den Stab des Moses senden. Ich werde auf das Wasser schlagen, das Wasser wird sich teilen, und wir werden auf trockenem Land in die Heimat gehen!«
Diese Verknüpfung eines biblischen Wunders mit einem konkreten Datum machte auf alle einen tiefen Eindruck – bis auf Te Warihi.
»Ich hoffe, es wird das Schiff sein, Neffe«, sagte er und lachte, »denn es sind, über Meer oder trockenen Boden, fünfhundert Meilen bis nach Aotearoa, und ich bin nicht mehr so gut zu Fuß.«
Der alte Mann hatte einige Lacher auf seiner Seite, und Te Kooti merkte sich ihre Namen, als er die Augen schloss und langsam den linken Arm hob. Zwei Finger zeigten auf Te Warihi.
»Ich sehe zwei Schiffe«, sagte der Prophet, und der Schweiß, der über sein Gesicht strömte, verriet die verzweifelte Kraft, mit der er sich in der Taha wairua festkrallte. »Ein kleineres und ein größeres Schiff in der Bucht von Waitangi. Die Wolken sinken tief auf das Meer herab. Nebel dringt in feinen Tropfen durch unsere Kleider. Wir zerschneiden die Taue. Das kleinere Schiff wird auf die Klippen geworfen und zerbricht. Der Nebel verdichtet sich zu einem schweren Regen. Unablässig strömender Regen, in dem das größere Schiff aufs Meer hinausfährt und uns alle mit fortnimmt.«
Er sprach in diesem Augenblick so überzeugend, dass in einer kleinen Pause sogar Te Warihi dieses Bild vor sich sah. Dann schüttelte sich der Alte wie ein nasser Hund.
»Dein Nebel macht meinen Kopf schwer, Neffe, und alle Gedanken darin. Wir werden«, er sah sich kurz entschlossen um, erblickte einen faustgroßen weißen Stein auf dem Boden und hob ihn auf, »wir werden diese Insel so wenig verlassen, wie wir diesen Stein essen können!«
Die Whakarau schauten jetzt verwirrt zwischen dem erhobenen Stein und Te Kootis ausgestrecktem Arm hin und her. Etwas stand bevor, und alle fühlten es. Die Kinder drückten sich verängstigt an ihre Mütter. Der Prophet öffnete wieder die Augen.
»Bring mir diesen Stein«, sagte er, und es klang wie eine Drohung.
Te Warihi zögerte kurz, zuckte dann verächtlich die Achseln und warf ihm den Stein zu. Te Kooti aber fing ihn auf, ohne dass man die Bewegung seiner Hand gesehen hätte.
»Wir werden also die Insel verlassen, wenn wir diesen Stein essen können«,wiederholte er, mit umgekehrten Vorzeichen, die Worte seines missgünstigen Onkels. »Nun«, er hielt den Stein dicht vor seinen Mund und sah ihn sich genau an. Dann blitzte etwas in seinen Augen: »Das ist nur eine Frage der Zubereitung!«
Er warf den Stein auf den Boden, und ehe einer der in schwer erträglicher Spannung dastehenden Gefangenen begriff, was er vorhatte, hatte er sich aus einem Winkel eine der eisernen Hacken geholt, die sie zur Feldarbeit brauchten, und fing an, mit wilden Schreien auf den großen Stein einzuschlagen. Binnen Sekunden hatten alle verstanden und feuerten ihn mit erhobenen Fäusten, lachend, schreiend und auch vor Freude weinend an.
Es war schwer. Er schaffte es nicht allein und sank bald erschöpft zu Boden. Aber die Männer lösten einander ab, die Frauen holten Hämmer und schwere Keulen, und in weniger als einer halben Stunde war der weiße Stein pulverisiert. Atemlos, aufgewühlt, aßen sie alle von dem entstandenen Pulver; bis auf Te Warihi, der beschämt abseitsstand. Eine der Frauen hielt ihm ihre kleine Tochter entgegen, drückte ihren Kopf gegen das Ohr des Alten, und er hörte, wie zwischen den winzigen weichen Zähnen die Reste des großen Steins knirschend zermahlen wurden.
Dann begann der Gesang von Neuem: Tiwha, tiwha te Po!
88.
Das zweitausend Fuß hohe vulkanische Tafelland, das die Forest Ranger vier Tage lang durchqueren mussten, bestand aus trachytischem Felsgestein ohne nennenswerte Erhebungen, war dicht bewaldet und praktisch noch unerforscht. Im Gegensatz zu der gleichartigen Landschaft auf der Nordseite des Waikato, die die Eingeborenen Patetere nannten, hatte dieses Gebiet nicht einmal einen Namen. Es regnete jetzt heftig, die lockere Tonerde auf den Hügelkämmen verwandelte sich in Schlamm, den die zweihundert Männer immer mehr talabwärts traten, sodass die Hinteren nur noch schwer vorankamen und die Vorderen immer öfter auf ihre Kameraden warten mussten. Dass sie ihrem Ziel überhaupt näher kamen, sahen sie an den wenigen Stellen, die einen freien Ausblick boten, nur daran, dass sich die Silhouetten der Berge im Süden hinter den dichten Regenschleiern langsam veränderten.
An offenes Feuer und entsprechend warme Mahlzeiten war im pausenlos strömenden Regen nicht zu denken, und zur Trostlosigkeit ihres Marsches kam die Untröstlichkeit ihrer Mägen, wenn die Männer an rohen Kartoffeln nagten wie Ratten. Nach dem Gefühl, das sich in ihren durchnässten Kleidern und Seelen einstellte, bewegten sie sich schon seit einer Ewigkeit ziellos durch eine Welt aus Regen, Schlamm und finsteren Wäldern. Je höher sie kamen, desto kälter wurde es auch, und die nassen Zeltbahnen und klammen Schlafsäcke boten nur noch einen geringen Schutz gegen die Frustration, die die niedrigen Temperaturen auslösten. Vereinzelt stellten sich Erkältungskrankheiten ein, und einige Männer hatten außerdem das Pech, in die tiefen Löcher zwischen den Baumwurzeln zu treten, die im schier wegfließenden Boden nicht zu erkennen waren. Verstauchte Fußgelenke waren die Folge und verlangsamten ihre Marschgeschwindigkeit weiter.