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Von Tempsky starrte den Mann mit großen Augen an. War so etwas möglich? Konnte er etwas malen, an das er selbst gar nicht bewusst gedacht hatte?

»Te ika a Maui«, sagte er langsam. »Mauis Fisch. So nennen die Maori die gesamte Nordinsel. Maui ist einer ihrer antiken Götter, der große Fischer. Stand angeblich vor Urzeiten auf der Südinsel, hielt seine Angel ins Wasser und zog dann einen riesigen Fisch aus dem Meer; eben die Nordinsel. North Land bis rauf nach Cape Reinga ist der Schwanz des Fisches, und der Taupo Lake ist sein Auge!«

Gowers runzelte die Stirn.

»Ich verstehe, Sir«, sagte er, nur um irgendetwas zu sagen. Denn im Augenblick verstand er ganz und gar nichts mehr.

89.

Liebe den Damen! Tod dem Gegner! Ehre dem Edlen! Ruhm dem Tapferen!

Obwohl keine bunten Wimpel wehten oder Schilde glänzten und die Rosse nur mäßig schäumten, fühlte Dick Willoughby sich an diesem Morgen wie etwas aus einem Roman von Sir Walter Scott. Und wenn es auch nicht der edle und freie Waffengang zu Ashby de la Zouche war, zu dem die Louisiana-Miliz, Regiment Denham Parish, aufbrach – ein Dutzend Männer zu Pferd, weitere vier mit je zwei Bluthunden an der Leine –, so hatte ihr Aufbruch doch viel von der Fröhlichkeit einer englischen Fuchsjagd. Flaschen kreisten, muntere kleine Scherze flogen von Mann zu Mann, Pferd zu Pferd; sie fühlten sich prächtig, mutig, unbesiegbar stark, und das Klirren der Ketten und Halseisen, die sie mitnahmen, um sich ihre entlaufenen Nigger zurückzuholen, erinnerte immerhin von ferne an munteres Waffengetümmel und tapferen Strauß auf erzitternder Bahn.

Zwar ritten sie im Schritt, damit Hunde und Fußvolk folgen konnten, aber sie hatten nach Wochen der Ratlosigkeit endlich ein klares und einfaches Ziel – und klare, einfache Ziele sind von entscheidendem Wert für die Moral jeder auch nur paramilitärisch organisierten Gruppe von Männern. Der Cajun, der sie führte, hatte gesagt, dass man Barataria in einem scharfen Ritt schon am späten Nachmittag erreichen könnte, aber Henry Hunter hatte sich aus mehreren Gründen für ein gemächlicheres Vorgehen entschieden. Tier und Mann seien nach einer Übernachtung im Feld frischer, und man könne die Flüchtlinge am frühen Morgen überraschen, vielleicht sogar im Schlaf. Entscheidender für das Selbstbewusstsein seiner Milizionäre war noch, dass die Operation, wenn man sie in eine zwei-oder dreitägige Länge zog, eher den Charakter eines Feldzugs erhielt, was die zuletzt stark auseinanderfallende Truppe wieder stärker zusammenschweißen würde.

So zogen sie erst am fortgeschrittenen Vormittag aus, gerieten in die größte Mittagshitze und schier unglaubliche Mückenschwärme, gegen die auch die unausgesetzt tätigen Fliegenwedel der Gentlemen kaum etwas ausrichteten. Aber selbst das unablässige Klatschen, mit dem die Männer nach den Insekten schlugen, der Schweiß, der ihnen in die Stiefel lief, die stechende Sonne auf ihrem Rücken konnten ihre Stimmung nicht drücken, denn derlei gehörte nun mal zu den Entbehrungen einer Kriegsfahrt und würde sich auch in den späteren Erzählungen darüber gut machen.

Das Lächerliche daran war, dass sie einfach keine Soldaten waren. Sie missachteten die einfachsten Gebote militärischer Logik, kümmerten sich weder um Aufklärung noch um geeignete Sicherungsmaßnahmen und schlugen am späten Nachmittag ihr Lager auf der ersten halbwegs trockenen Lichtung auf, die ihnen begegnete. Ein einzelner Mann, der das Feuer in Gang hielt, schien ihnen als Wachtposten völlig ausreichend, und einige spülten die Last des Tages mit so viel Alkohol hinweg, dass sie nicht einmal erwachten, als eine Stunde nach Mitternacht eine Serie von Schüssen bis auf einen all ihre Hunde tötete oder so schwer verletzte, dass sie nicht mehr zu gebrauchen waren.

Die so jäh aufgeschreckten Milizionäre griffen reichlich kopflos zu ihren Waffen und feuerten auf alles, was sich in der sie umgebenden Dunkelheit bewegte oder zu bewegen schien – was eines ihrer eigenen Pferde das Leben kostete und die übrigen, die irgendjemand losgebunden haben musste, in eine panische Flucht schlug. Den Rest der Nacht verbrachten sie eng an den Boden gepresst, die Gewehre im Anschlag. Hier und da feuerte auch jemand, weil irgendwo ein Zweig knackte, und der Schreck darüber löste stets eine wilde Knallerei aus, sodass sie sich bis zum Morgengrauen in einem unausgesetzten Gefecht wähnten.

Übernächtigt, blass, zerschunden und zerstochen erwarteten sie den Tag, und nicht nur die Ängstlichen, sondern auch die Intelligenteren unter ihnen, denen klar war, dass der unsichtbare Feind nicht nur ihre Hunde, sondern bequem auch sie selbst hätte töten können, hatten jede Lust auf ein weiteres Vorrücken verloren. Dem war nur durch strenge Befehle und die lobende Feststellung beizukommen, dass sie ihre Feuerprobe mit Bravour bestanden hätten.

Henry Hunter teilte seine Truppe in solche, die die durchgegangenen Pferde suchen sollten, und solche, die wachsam und gereizt, aber als Infanteristen, weitermarschierten. Sie nahmen jetzt an, dass eine kleine Räuberbande umherstreunender Cajuns es auf ihre Pferde abgesehen hatte. Dass es der Feind gewesen sein könnte, der sich gewehrt hatte, wurde mehrheitlich noch immer bezweifelt, vereinzelt aber auch als besonders heimtückische Art von Verrat betrachtet. Zur Entschuldigung der Milizionäre muss allerdings gesagt werden, dass die bewaffnete und organisierte Gegenwehr von Sklaven gegen ihre rechtmäßigen Eigentümer noch immer außerhalb des Vorstellungsvermögens des weißen Amerika im Norden wie im Süden lag.

Es war eine ebenso dezimierte wie unterzuckerte Truppe von neun Mann, die gegen Mittag in der Nähe des ehemaligen Barataria eintraf, denn einer hatte sich unterwegs den Fuß verstaucht und war als nicht mehr voll einsatzfähig zurückgeschickt worden. Ihren Augen bot sich ein höchst merkwürdiges Schauspieclass="underline" Über einer kleinen Zahl von auf Pfählen errichteten Hütten wehte eine schwarze Flagge, die ihnen, als der Wind sie richtig entfaltete, einen grinsenden Totenschädel zeigte. Die Miliz, nicht wenig erschrocken über diese unerwartete Entdeckung, wollte gerade einmarschieren, als eine Kanone auf sie abgefeuert wurde. Deutlich hörten sie das Sausen der Kugel über ihren Köpfen, das Brechen der Bäume und das Knacken im Unterholz, als sie etwa dreißig Schritte hinter ihnen in die Erde einschlug.

Schneller, als sie es sich selbst zugetraut hatten, suchten die Männer Deckung;jeder dort, wo sie sich ihm bot, was ihre Truppe noch weiter zersplitterte. Hunter befahl ihnen brüllend, das Feuer zu erwidern, aber die einzelnen ungezielten Schüsse, die sie abgaben, wollten sich zu keiner Salve formieren. Wildes Geschrei stieg vonseiten der Hütten auf, und wer den Mut fand, über den Rand seiner Deckung zu spähen, sah mindestens zwanzig schwarze Gestalten, die blutrünstig alle möglichen Waffen gegen die Angreifer schwenkten. Eine weitere Kanonenkugel fiel zwischen sie, ohne Schaden anzurichten, steigerte aber das Erschrecken zur Panik, und als plötzlich Gewehrfeuer in ihrer linken Flanke ertönte, gab es kein Halten mehr.

Every man for himself! wurde weder gerufen noch befohlen, aber mit enormer Geschwindigkeit praktiziert. Einzelne warfen sogar Waffen und Ausrüstung von sich, um schneller laufen zu können, und Dick Willoughby schwor später Stein und Bein, er habe, flüchtig zurückblickend, einen weißhaarigen alten Mann über eine Kanonenmündung springen sehen, der ihnen, einen altertümlichen Säbel über dem Kopf schwenkend, mit entsetzlichen Schreien nachsetzte wie der Leibhaftige. Schlagartig wurden ihm da die wesentlichen Unterschiede zwischen der fröhlichen Jagd auf verängstigte, halb verhungerte Sklaven und dem Kampf gegen bewaffnete Piraten klar – und er rannte in einem Tempo davon, an das er in seinem ganzen Leben nicht mehr herankommen sollte.

Stunden später sammelten sich die zerschlagenen Reste der Louisiana-Miliz an ihrer ersten Lagerstelle, und ihr Kommandeur, Hunter, bewies nun zum ersten Mal so etwas wie militärische Umsicht, indem er wenigstens ihren Rückzug ordnete. Man hatte ein paar Pferde wieder einfangen können, auf die die Verletzten gesetzt wurden: der Fußkranke, ein noch immer Betrunkener und ein Mann, den eine verirrte Kugel, von welcher Seite auch immer, an der Schulter erwischt hatte. Die Tapfersten sicherten diesen Rückzug, und sie waren es auch, die noch zwei Versprengte aufgriffen, die kurzfristig in Gefangenschaft geraten waren. Man hatte ihnen die Hosen ausgezogen, sie gründlich verprügelt, und insbesondere die schwarzen Frauen hatten ihnen für den Fall ihrer Rückkehr allerhand unangenehme Manipulationen angedroht.