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Dam it war klar, dass die aufständischen Schwarzen offen bar bleiben wollten, wo sie waren, und die ganze Sache von nun an ein Fall für die reguläre Armee sein würde.

90.

John hatte seine Zeit gut genutzt. Er stutzte zuerst ein wenig, als er über den Pfahlbauten Baratarias eine Piratenflagge aufgezogen sah, aber der Anblick einer offenbar einsatzfähigen Kanone entschädigte ihn für manchen trüben Gedanken, der ihm während seines mehrstündigen Laufes in den Sinn gekommen war. Die übrigen von Gringoire an die Flüchtlinge ausgegebenen Waffen: Entermesser, -beile, einige altertümliche Musketen und sogar ein paar Steinschlosspistolen – deren Griffe immerhin als Keulen verwendet werden konnten –, überzeugten ihn weniger.

Ohnehin kam jetzt alles darauf an, die Pferde des Gegners zu zerstreuen, damit die Gegenwehr der Flüchtlinge nicht einfach niedergeritten werden konnte, und nach Möglichkeit auch die Hunde zu töten, die sich weder von schwarzen Flaggen noch von Kanonen einschüchtern lassen würden. Jeder Verwundete, den sie durch Bisse oder Hufe haben würden, konnte ihren Rückzug infrage stellen, also mussten derartige Verletzungen ganz einfach vermieden werden.

John hatte sich außerdem überlegt, dass man um jeden Preis den Eindruck vermeiden musste, Barataria sei nur ein vorübergehendes Versteck; je stärker die Milizionäre davon überzeugt werden konnten, den dauerhaften Aufenthaltsort der Flüchtlinge gefunden zu haben, desto weniger würden sie den Fluss absuchen. Er schaffte es, Deborah und den anderen mit wenigen Worten seinen Plan zu vermitteln, und war mit Gringoire, Jason und Mr. Phineas schon auf dem Rückweg zum Lager der Miliz, während Deborah ihren verängstigten Leuten noch erklärte, was sie zu tun hätten.

Seine Nachtsichtigkeit ermöglichte ihnen ein rasches Vorwärtskommen, und eine halbe Stunde nach Mitternacht hatte er die Stricke durchschnitten, mit denen die Pferde der Miliz ohne weitere Bewachung an die Bäume geschirrt waren. Der Rest war beinahe ein Kinderspiel, auch wenn sie als ungeübte Schützen eine ganze Serie von Schüssen brauchten, um die Hunde zu erledigen.

Nachdem die Schlacht vorüber war, kam Gringoire, der der fliehenden Miliz nachgesetzt hatte, mit zwei Gefangenen zurück, die er durch Schläge mit der flachen Klinge vor sich hertrieb. Einen Moment lang bestand die ernsthafte Gefahr, dass diese Männer getötet würden, und Gowers brachte sie persönlich in eine der Hütten, wo er sie, mit den Händen im Nacken und auf dem Bauch liegend, von Mr. Phineas bewachen ließ.

Es galt, ihnen eine kleine Komödie vorzuspielen, und während sie wenig später unter Gringoires Aufsicht von den schwarzen Frauen jämmerlich durchgeprügelt wurden, gab Gowers den lauten Befehl, eine Palisade zu errichten, um vor weiteren Angriffen geschützt zu sein. Deborah ließ das Essen vorbereiten, die Wäsche waschen und einige Hütten ausbessern. Eine besonders gelungene Vorstellung bot Jason, der eine kleine Gruppe mit Angelruten an die Lagune führte und dort durch das Anfertigen von Fischreusen den Eindruck einer friedlichen, dauerhaften Ansiedlung erweckte. Mr. Phineas sammelte derweil die nach der Schlacht liegen gebliebenen Waffen der Miliz ein und sprach lauter als nötig davon, sie ins Arsenal zu schaffen.

Als feststand, dass die Gefangenen alles gesehen und gehört hatten, was sie sehen und hören sollten, wurden sie mit Fußtritten und höhnischen Bemerkungen aus dem Lager gejagt. Gowers folgte ihnen heimlich in einigem Abstand und vergewisserte sich, dass sie gefahrlos zur Nachhut der auf dem Rückzug befindlichen Miliz stießen, um von ihren unschönen Erlebnissen zu berichten. Als sicher war, dass niemand sie mehr beobachtete, eilte er zurück, denn nun ging es darum, das Lager möglichst schnell abzubrechen und die drei Dutzend Menschen ungesehen an Bord der Deep South zu bringen.

Obwohl kaum jemand von ihnen in der letzten Nacht geschlafen hatte, kamen sie erstaunlich gut voran, was zweifellos an der Hochstimmung lag, in die ihr überraschender Sieg die ehemaligen Sklaven versetzt hatte. Nur wenige hatten an diesem Nachmittag, diesem ersten Abend eine klare Vorstellung davon, wohin sie eigentlich gingen. Sie tauschten sich fröhlich über die ungläubigen, dummen Gesichter aus, die ihre Herren gemacht hatten, und gerade die jungen Männer schienen überzeugt, sich mit den erbeuteten Waffen den Weg nach Norden zur Not freischießen zu können, wie Gandalod es vorgeschlagen hatte.

Wo war Gandalod? Deborahs Antwort darauf ernüchterte sie, und wieder wurde ihnen bewusst, dass noch mehr als tausend Meilen Fluss zwischen ihnen und ihrer Freiheit lagen. Die Nacht verlief ruhig, der Morgen geordnet. Sie hatten ein gewisses Geschick und auch die nötige Geduld entwickelt, um Wasserläufe mithilfe des kleinen, an Seilen hin-und hergezogenen Kanus zu überschreiten und auf dem Marsch zusammenzubleiben. Ohne weitere Rast, im Gehen essend, trinkend, erreichten sie die Gegend um Myrtle Grove schon am zweiten Abend. Nun musste festgestellt werden, ob das Schiff sicher war, und wer war besser für diese Aufgabe geeignet als ihr Lotse?

Gowers wartete die völlige Dunkelheit der Mitternacht ab und ging erst los, als außer ihm selbst niemand mehr einen Pfad erkennen konnte. Geräusche und Gerüche wurden ihm allmählich vertrauter, als er sich dem großen Fluss näherte, und er sah bereits die beiden Schornsteine der Deep South schwarz gegen den sternklaren Himmel, als er hörte, wie sich ein schwerer, lastender Körper auf die Uferböschung zog und sich in kurzen, knackenden Schüben durchs Unterholz wälzte. Zu der Sorge, was ihn an Bord erwarten würde, kam die Frage, was sein Entermesser gegen die Alligatoren ausrichten könnte, wenn sie auf ihrer nächtlichen Jagd waren.

Dennoch konnte er weder warten noch auf einen der Bäume klettern und musste sogar an der dunklen Uferböschung nach der drei Meter langen Planke suchen, die man einige Hundert Yards neben dem Schiff versteckt hatte. Zum ersten Mal auf der gesamten Reise standen ihm die Haare zu Berge, als er sie, mit beiden Händen im feuchten Gestrüpp tastend, endlich gefunden hatte. Jeden Moment glaubte er, das Zuschnappen gewaltiger Kiefer zu hören, und atmete auf, als er, die Planke über der Schulter, wieder auf dem halbwegs freigeschlagenen Pfad stand, der zum Schiff führte.

So geräuschlos wie möglich legte er die Planke an und befand sich einen Moment später an Deck. Er inspizierte kurz das Schiff vom Bug bis zum Heck und fand alles unverändert. Erst als er das Innere betrat, verriet ihm ein schwacher, rötlicher Schimmer aus dem Kesselraum, dass er nicht allein an Bord sein konnte. Vorsichtig, das altertümliche Entermesser vorgestreckt, schlich er zu der entsprechenden Tür. Eine Sekunde lang überlegte er, ob er einfach mit einem Schrei hineinstürzen sollte, aber dann entschied er sich dafür, sie lieber mit dem Fuß aufzustoßen.

Die Wucht, mit der die eiserne Kohlenschaufel in Höhe seines Kopfs gegen die Türfüllung knallte, ließ das ganze Schiff erzittern, und Gowers beglückwünschte sich zur Richtigkeit seiner Entscheidung, während er sich auf den Mann stürzte, der den Griff der Schaufel in der Hand hielt und noch nicht zu einem zweiten Schlag ausholen konnte.