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Natürlich hatten die Deserteure da bereits die Stadt umgangen, den Wanganui schwimmend, an Seilen gesichert, überquert und sich nach Osten davongemacht. Krczynski war sogar so klug gewesen, seine Gruppe zu teilen, hatte dem dümmeren Teil den Auftrag gegeben, auf den umliegenden Farmen Zivilkleider zu stehlen, und diesen Männern gegenüber stets die Hawke Bay als sein Ziel angegeben. Die meisten von ihnen wurden erwartungsgemäß geschnappt, und die Übrigen fanden keinen Anschluss mehr an den Haupttrupp, der jetzt auf der Straße nach Süden unterwegs war, ganz offen, getarnt als Abteilung auf der Jagd nach Deserteuren. Noch ehe man das Ganze durchschaut und berittene Melder losgeschickt hatte, hatten die Deserteure das hundertfünfzig Meilen entfernte Wellington erreicht,wo sie sich zum zweiten Mal aufteilten.

Krczynski hatte sie Tag und Nacht so vorangetrieben, dass die meisten, unter ihnen James Fagan, nur noch an Schlafen, Trinken und Frauen dachten. Obwohl Wellington seit fünf Jahren Sitz des Parlaments und seit drei Jahren Hauptstadt von Neuseeland war, ging die Bevölkerungszahl doch noch nicht wesentlich über sechstausend Einwohner hinaus. So fiel es der Polizei relativ leicht, auch dieser Handvoll Desperados in der überschaubaren Zahl entsprechender Etablissements in Lambton Harbour habhaft zu werden. Nur der schlaue Pole und zwei oder drei andere hatten sich mit dem erstbesten Schiff auf die Südinsel abgesetzt. Krczynski hatte sich dabei, wohl um ganz sicherzugehen, den Namen James Bradley angeeignet.

92.

Sie umrundeten Taupo Lake auf dem gut ausgetretenen Fußpfad, der auf der Ostseite um den See herumführte. Die genossene Ruhe und die anhaltende Trockenheit begünstigten ihren Marsch so sehr, dass sie binnen zweier Tage das südliche Ufer erreichten, obwohl sie dabei nicht weniger als siebzehn kleinere Flüsse und Wasserläufe zu überqueren hatten. Am sandigen Ufer des Tokanui, der von den Hängen des Pihanga herabströmte, rasteten sie, fischten, und von Tempsky führte eine kleine, aber gut bewaffnete Truppe noch weiter um den See herum, um sich in der Maorisiedlung Pukawa »bekannt zu machen« und nach Möglichkeit frisches Fleisch einzutauschen. Man wies sie jedoch bereits an der Palisade des Pas ab, und Gowers musste sich eingestehen, dass er selten eine so eindrucksvolle Menge so grimmig dreinblickender Männer gesehen hatte, die sich in voller Bewaffnung auf der Palisade zeigte.

»Wer sind diese Burschen, Sir?«, fragte er von Tempsky, als sie sich auf den Rückweg der fruchtlosen Unternehmung machten.

»Sie gehören zu den Ngati Tuwharetoa«, antwortete der Kommandant. »Dieser Stamm ist noch heidnisch.« Er sagte nicht, wie sehr er die Hartnäckigkeit bewunderte, mit der die Tuwharetoa fünf Jahrzehnten christlicher Missionierungsversuche widerstanden hatten, noch erwähnte er, dass ihr Häuptling, Iwiako Te Heuheu, sich in geselliger Runde gern der Tatsache rühmte, einen der letzten weißen Missionare, denen dieses Schicksal in Neuseeland widerfuhr, persönlich verspeist zu haben. Dagegen äußerte er die sichere Vermutung, dass Gowers einige der Herren »vielleicht noch heute Abend, spätestens morgen früh« persönlich kennenlernen würde.

Zurück am Tokanui sammelte er seine Männer, was nicht einfach war, da sie sich an den über fünfhundert heißen Quellen, die die Erde zwischen Pihanga und Kakaramea auftat, schon weit verstreut hatten. Überall lagen sie nackt und unbewaffnet in den Puias und mieden nur die hier und da aufsteigenden kleinen Geysire, die ihnen unheimlich waren. Hätte von Tempsky durch seinen kleinen Abstecher die Tuwharetoa, die natürlich längst von der Ankunft der Pakeha wussten, nicht gewissermaßen in ihrem Dorf festgehalten, wäre seine Truppe vermutlich an diesem Tag aufgerieben worden.

Die folgende Nacht verging ohne einen Laut, und als die Sonne aufging, schwiegen sogar die Morgenvögel, Kokorimoko und Tui, die sie bisher zuverlässig geweckt hatten; ein sicheres Zeichen dafür, dass Menschen in dem sie umgebenden Wald steckten. Sie sahen allerdings niemanden, und von Tempsky hatte eben den Aufbruch befohlen, als sich jenseits einer felsigen Lichtung mit vielen Puias doch noch jemand zeigte.

Das vollkommen nackte Mädchen mochte dreizehn, höchstens vierzehn Jahre alt sein. Sie war, wie alle Maorimädchen, schon sehr weit entwickelt, besaß aber noch nicht die üppige Fraulichkeit der Wahine, sondern lange, schlanke Beine, wohlgeformte, aber kleine Brüste und einen Schoß, in dem eben der erste Flaum gewachsen war, sodass man ihre Schamhaare auf der braunen Haut noch kaum sehen konnte.

Sie stieg in eine der warmen Quellen, warf übermütig das Wasser über ihren Kopf, sodass die langen schwarzen Haare auf ihrem Rücken klebten, als sie wieder auftauchte und ihr schlanker Körper in der Morgensonne den zweihundert Männern entgegenblitzte. Von Aufbruch konnte jetzt keine Rede mehr sein, und selbst Gowers, der in den Bordellen der Welt schon manches gesehen hatte, konnte sich nicht erinnern, jemals so anmutigen Reizen so tatenlos gegenübergestanden zu haben. Denn dass dies ein Hinterhalt war, eine Verlockung nicht zur Liebe, sondern zum Tod, verstand jeder einzelne der zum Teil noch sehr unerfahrenen jungen Soldaten.

Dennoch konnten sie kein Auge von dem herrlichen Waldwesen lassen, das jetzt lächelte und sie sehr einladend zu sich auf die Lichtung winkte. Sie rief, sie reizte, sie sang – aber die Männer rührten sich erst, als von Tempsky befahl, die Waffen zu entsichern und den Wald hinter ihr ins Visier zu nehmen. Anscheinend verärgert über diese lieblose Reaktion rief das Mädchen etwas in den Wald hinein, und daraufhin kamen nach einer Weile noch mehr Frauen zum Vorschein, bis gut ein Dutzend Nymphen auf den Felsen und in den Puias sein Unwesen trieb, um die Pakeha aus der Deckung zu locken.

Über einen Mangel an Modellen konnte von Tempsky sich jetzt nicht mehr beklagen, und vielleicht brachte ihn gerade diese Tatsache auf die Idee, wie er den Rückzug seiner Männer auf die Passhöhe des Kakaramea bewerkstelligen könnte, ohne dass ihnen die Tuwharetoa auf dem Fuß folgten. Er gab die nötigen Befehle und trat dann dem unsichtbaren Feind mit nicht mehr als Pinsel und Palette bewaffnet entgegen. Seine Staffelei trug kein anderer als John Gowers auf die Lichtung, und zwischen den beiden Männern entwickelte sich eine sehenswerte Pantomime über den richtigen Standort des Künstlers. Die Ngati Tuwharetoa waren zivilisiert genug, das stumme Spiel zu verstehen, war ihnen die Nacktheit ihrer Frauen doch schon peinlich gewesen, als Iwiako Te Heuheu diese uralte Kriegslist am Abend zuvor vorgeschlagen hatte.

Von Tempsky begann nun mit großen Gesten zu malen, während Gowers den Hang hinaufschlenderte, um zu sehen, wie weit der Rückzug schon vonstattengegangen sei. Die Frauen reagierten unterschiedlich auf die professionell geschärften Blicke, mit denen der Künstler Maß nahm. Die meisten zeigten ihm sehr gemeinverständlich, was er mit ihnen tun könne, aber einige dachten anscheinend wirklich, sie würden gemalt, und saßen, glitzernde Wassertropfen in den Haaren, so still wie nur je ein Modell in einem Pariser Atelier.

Vereinzeltes Gelächter im Wald hatte die Krieger so offensichtlich bereits verraten, dass Iwiako jetzt einen Kriegsgesang anstimmen ließ; um die Kampflust seiner Männer neu anzufachen und auch um zu verhindern, dass sie sich untereinander mehr als nötig über die seltsame Szene austauschen konnten.

»Ka whahai, ka whahai!

Kihai koe i mau atu, ki to kainga.

Ki Oropi, e. I te ainga mai a wharewhare.

Ki a Ihu Karaiti, me te pukapuka, ki taka ki tua,

Ki taekaukau o taku kumu kei raro. – i, i!«7

Von Tempsky verstand genug von diesem Text, um zu wissen, dass er erhebliche Provokationen enthielt, und wollte sich seinerseits nicht lumpen lassen, obwohl er um die mangelhafte Qualität seiner Stimme wusste. Leider fiel ihm kein geeignetes Lied ein, und so hielt er mit dem einzigen »Kriegsgesang« dagegen, der ihm aus seiner Kindheit und seiner preußischen Erziehung im Gedächtnis geblieben war.