»Die wilde Jagd und die deutsche Jagd
Auf Henkersbrut und Tyrannen!
Ihr, die ihr uns liebt: nicht geweint und geklagt,
Das Land ist ja frei und der Morgen tagt,
Auch wenn wir’s nur sterbend gewannen!«
»Lützows wilde verwegene Jagd« klang zwar höchst unangemessen, als es von den Hängen des Kakaramea widerhallte, aber es war ja ohnehin niemand da, der den Text verstand. Verblüfftes Schweigen aufseiten der Tuwharetoa blieb auch die einzige Antwort.
Nach weniger als fünfzehn gespannten Minuten kam John Gowers zurück und stutzte verwundert, als er sah, dass sein Vorgesetzter sich wieder ganz der gegenständlichen Malerei ergeben hatte. Diesmal hätte er es auch mit Fug und Recht eine Erniedrigung der doch eigentlich sehr ansprechenden Realität nennen können, aber während von Tempsky sein Werk mit ausgestreckten Armen begutachtete und er selbst die Staffelei zusammenklappte, meldete Gowers lediglich: »Alle oben, Sir. Weg ab einhundert Meter von hier durch Scharfschützen gesichert, keine Gegner auf dem Pass!«
»Dann sollten wir hier verschwinden«, erwiderte von Tempsky, und beide, der Gehilfe mit der Staffelei über der Schulter und der Künstler mit seinem Bild unter dem Arm, schlenderten seelenruhig zurück in den Schatten der Bäume. Erst ganz zuletzt hielt von Tempsky inne, als sei ihm noch etwas Wichtiges eingefallen. Dann lehnte er das Bild an einen Baumstamm und drehte es so, dass der Feind es sehen konnte. Eine Sekunde herrschte gebanntes Schweigen, denn es war nichts darauf zu erkennen als die formatfüllende Karikatur eines üppigen Hinterns, der so rund geraten war, dass er die Tuwharetoa mit beiden Backen anzugrinsen schien.
Da ihre Männer nichts gegen diese Beleidigung unternahmen, vereinzelt sogar wieder in Gelächter ausbrachen, warfen die düpierten Damen mit Steinen nach dem Künstler, und während Gowers die ersten Scharfschützenposten schon erreicht hatte, verbeugte sich von Tempsky noch mit lässiger Grandezza vor seinem Publikum. Das rettete ihm insofern das Leben, als die Gewehrsalve, die nun doch noch abgefeuert wurde, über ihm in die Bäume einschlug. Ein paar verirrte Kugeln hatten auch das provokante Gemälde getroffen. Länger zu bleiben wäre sinnloser Heroismus gewesen – Die Tat ist alles! –, und nun endlich nahm von Tempsky die Beine in die Hand und floh vor den zum Narren gehaltenen Feinden.
»Banausen!«, schrie er noch auf die Lichtung zurück, als die ersten Maorikrieger sie schon fast überquert hatten.
93.
»Dass ihr mir ja keinen trefft!«, mahnte von Tempsky die ersten seiner Scharfschützen und von da an alle, an denen er vorüberkam. »Schön hoch halten.«
»Sir?«, fragte einer der Männer stirnrunzelnd.
»Im Augenblick wollen sie uns nur vertreiben, Mann«, knurrte der Deutsche. »Jedenfalls, nachdem es mit dem Überfallen schon nicht geklappt hat. Aber wenn wir auch nur einen von ihnen erschießen, wird ein Fall von Blutrache daraus, und sie werden auch an den fernsten Grenzen ihres Gebiets nicht aufhören, uns zu jagen!«
Diese Vorstellung behagte niemandem, denn nun lag der schlimmere Teil ihres Wegs vor ihnen: die wüsten Lavaebenen rund um die großen Vulkane und danach der undurchdringliche Wald mit seinen tief eingeschnittenen Flusstälern, die sich zwischen den steilen grünen Hängen einer weglosen Wildnis hindurchwanden, die nicht einmal die Maori ohne Not zu betreten wagten. In dieser Gegend zu allem Überfluss noch nach Blut schreiende Feinde auf den Fersen zu haben wäre mehr als unangenehm. Gehorsam feuerten deshalb die Männer über die Köpfe der hier und da auftauchenden, sehr selbstbewussten Verfolger hinweg, während auch sie sich, einer immer in der Deckung des anderen, die Hänge des Kakaramea hinauf zurückzogen. Erst oben angekommen ließ von Tempsky eine Schützenlinie bilden, die Salve auf Salve in den tiefer liegenden Wald hinunterfeuerte, während das Gros der Truppe immer weiter auf das allmählich karger werdende vulkanische Hochplateau hinausmarschierte.
Am frühen Nachmittag sah Gowers, diesmal bei der Vorhut, aus einer Höhe von gut tausend Metern auf einen Kratersee hinab, dessen Wasser so unglaublich blau war, dass er es zunächst für eine bloße Spiegelung des darüberliegenden Himmels hielt. Die Verfolgung hatte noch immer nicht aufgehört, darum entschied von Tempsky, dass sie ohne weiteres Gefecht durch die baumlose Lavaebene auf den schneebedeckten Tongariro zuhalten würden. Dieser Berg war tabu, und so bestand die Hoffnung, dass ihnen die Tuwharetoa auf ihrem Weg nicht länger folgen würden.
Als sie aus der kahlen Ebene zurückschauten, sahen die Männer ihre Gegner jetzt zum ersten Mal; klein und schwarz gegen den hellen Himmel erhoben sich auf den scharfen Graten der Berge wilde, pittoreske Gestalten, und durch sein Fernrohr erkannte von Tempsky an einzelnen Gesten und Gebärden, dass sie noch immer unschöne Dinge mit Jesus Christus und der Bibel im Sinn hatten. Vereinzelt stiegen sogar Krieger die schartigen Hänge hinunter, ihnen nach, und der Kommandant wusste, dass dies die gefährlichsten waren: blutrünstige junge Männer, wild versessen auf ihren ersten Kampf und die menschlichen Trophäen, die sie daraus heimbringen würden. Er beschloss, die Nacht durchzumarschieren und Iwiako Te Heuheu damit Gelegenheit zu geben, seine Leute wieder unter Kontrolle zu bringen.
Die karge dunkle Ebene, die von oben so glatt ausgesehen hatte, erwies sich unter ihren Füßen als eine Wüste aus Stein und Geröll; Lavabrocken, von denen einige beinahe mannshoch waren. Glücklicherweise war aber der Tongariro zu groß, als dass sie seinen zerrissenen weißen Kratergipfel aus den Augen verlieren konnten. Bei Einbruch der Dunkelheit hielten sie jedoch kurz an, um sich über die Richtung klar zu werden, die sie während der Nachtstunden zumindest ungefähr einhalten mussten.
Bei dieser Gelegenheit erbot sich John Gowers, die Führung zu übernehmen. Obwohl einige seiner Offiziere, die die Gegend verhältnismäßig gut kannten, dagegen protestierten, einem Neuling, noch dazu einem einfachen Trooper zu folgen, ließ von Tempsky ihn bereitwillig vorangehen. Zwar wusste er nichts vom ungewöhnlichen Sehvermögen des Investigators, traute ihm nach den gemeinsam verbrachten Wochen und den Überraschungen, die er ihm auf See und zu Land schon bereitet hatte, aber allerhand zu.
Der Nachtmarsch verlief auch weitgehend ereignislos, wenn man von den vereinzelten Schüssen absah, die weit hinter ihnen nur mehr verrieten, dass auch die letzten Maori die Verfolgung endlich aufgegeben hatten. Wie in einem Traum, in dem die Wachsamkeit jederzeit in Alb und Bedrohung umschlagen kann, stolperten sie durch ein Labyrinth wirr gezackter, schwarzer Felsformationen und fragten sich, wie ihr Führer inmitten dieses erstarrten Schöpfungschaos seinen Weg finden konnte. Manchmal glaubten sie, auf der Spitze des Berges, der drohend erst vor und dann links neben ihnen in den sternlosen Nachthimmel ragte, ein schwaches rotes Leuchten wahrzunehmen, und der Gedanke an die vulkanische Aktivität unter ihren Füßen verbesserte ihre Stimmung nicht wesentlich.
Es begann zu schneien, sie mussten schon sehr hoch oben sein und würden bald den schneidenden Südwind in ihren Gesichtern spüren, der anzeigte, dass sie die große Scheide von Wasser-und Luftmassen überschritten hatten. Als der Mond einmal kurz durch die Wolken brach, sahen sie, dass das Land ringsum völlig weiß geworden war, während die kleinen scharfen Schneekristalle an ihrer Kleidung nicht zu haften schienen und um sie herumtorkelten wie Sandkörner. Einen Moment lang blinkte sogar der Gipfel des Tongariro, den sie jetzt schon fast hinter sich hatten, über diesem Gewimmel auf wie ein Leuchtfeuer. Keiner sprach, keiner wagte auch nur, sich zu räuspern, in der seltsamen Stimmung, die sie bei diesem Anblick überkam, und lautlos wie ein Gespensterheer zogen sie über das vulkanische Hochplateau weiter.