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Von Tempsky, übermüdet wie alle anderen, hörte in seinem Kopf nicht mehr die wilde verwegene Jagd, sondern die Erinnerungen, die die Melodie ausgelöst hatte; Erinnerungen an Schlesien und die Mährische Pforte, an kleine dunkle Häuser, die sich an die Flanken von Odergebirge, Glaserberg und Altvater schmiegten – und an die Stimme seiner Großmutter, die ihm vor über drei Dezennien am Herdfeuer seiner ersten Behausung auf Erden ein Kinderlied sang, an das er all die Jahre und Länder hindurch nicht mehr gedacht hatte.

Und in dem Schneegebirge, da fließt ein Brünnlein kalt. Und wer des Brünnleins trinket, und wer des Brünnleins trinket, wird jung und niemals alt.

Er wusste, dass es noch mehr als diese eine Strophe gab, aber auch als er sein Gedächtnis so sehr strapazierte, dass er den Weg vor seinen Füßen kaum noch wahrnahm, wollte ihm kein einziger Vers mehr einfallen.

94.

Obwohl keine ihrer Verletzungen lebensbedrohlich war, hatte Darioleta den ganzen Tag über geweint und geschrien. Selbst als die alte Misses damit gedroht hatte, ihr nach den Ohren auch noch die Nase abzuschneiden, wenn sie nicht endlich still wäre, hatte sie keine Ruhe gegeben, sondern versucht, ihre Herrin anzuspucken – in der Hoffnung, diese würde sie daraufhin töten. Dem verstümmelten Mädchen war alles egal. Ohne Ohren und Schneidezähne würde kein Mann sie mehr ansehen, an ihren zerschnittenen Brüsten würde niemals ein Kind liegen, und ihr Gesäß hatten die grausamen Schläge in eine blutunterlaufene Masse verwandelt. Madame Bonneterre hatte schließlich ein Einsehen und flößte ihr gewaltsam eine mäßige Dosis Morphiumtinktur ein, die Darioleta endlich einige Stunden Frieden schenkte.

Desmond Bonneterre hatte sich nach den Anstrengungen der Nacht in sein Zimmer zurückgezogen und sogar den lautstarken Aufbruch der Miliz verschlafen. Seine Kämpfe und Verletzungen, aber auch seine Erfolge als Verhörspezialist enthoben ihn jeder weiteren Dienstpflicht, die ja ohnehin nur noch eine Art Aufräumen war. Er hatte den Männern den Weg gewiesen, die Informationen beschafft, die gebraucht wurden. Seine Arbeit war getan. Nach dem Aufwachen am frühen Nachmittag hatte er sich ein opulentes Mahl servieren lassen, dessen Reste noch auf dem Tisch standen. Anschließend hatte er die Tür abgeschlossen und den blutigen kleinen Leinenbeutel hervorgeholt, der Darioletas Ohren und Zähne enthielt. Neben dem feinen weißen Porzellan, zwischen Silberbesteck und Sauciere, breitete er diese Trophäen aus und genoss die erregenden Wogen des Machtgefühls, mit denen der Anblick sein krankes Gemüt überschwemmte.

Die Ohren, ausgeblutet bis auf die schwarz verkrusteten Schnittränder, waren grau geworden und schrumpften bereits ein. Er befingerte sie, zog daran, schob sie auf dem weißen Tischtuch hin und her und kicherte, als er kurzzeitig das linke nicht mehr vom rechten unterscheiden konnte. Dann versuchte er, die ausgeschlagenen Zähne in der richtigen Reihenfolge zwischen die Ohren zu legen. Aber einige waren abgebrochen, und er konnte nicht entscheiden, ob sie in den Ober-oder Unterkiefer gehört hatten. Der plötzlich auftauchende Gedanke, dieses makabre Spiel vor den Augen des unglücklichen Mädchens zu treiben, verschaffte ihm eine gewaltige Erektion. Er hatte gerade begonnen, seine Hose aufzuknöpfen, um sich die übliche Erleichterung zu verschaffen, als es klopfte.

»Sir!?«, fragte ein Hoteldiener schüchtern.

»Was, zum Teufel?!«, rief Bonneterre seiner Situation gemäß ungehalten.

»Madame Bonneterre wünscht, Sie zu sprechen, Sir!«

»Ich komme gleich.« Vielleicht wäre es auch möglich, aus den Zähnen eine Halskette zu machen.

»Entschuldigung, Sir, aber Madame Bonneterre besteht auf Ihrer sofortigen Anwesenheit!«, sagte der Quälgeist vor der geschlossenen Tür.

Er fühlte, wie seine Erektion schwächer wurde; weniger, weil von seiner Mutter die Rede war, sondern mehr wegen der bodenlosen Dreistigkeit dieses unnachgiebigen Störenfrieds. Zu Hause wäre das nicht passiert! Weder der alte Arban noch sonst einer der Hausnigger hätte es gewagt, ihn wegen einer solchen Sache zweimal anzusprechen. Ratlos zögerte er noch eine Sekunde, dann schob er Ohren und Zähne zusammen und wollte sie mit einer einzigen raschen Handbewegung in den Leinenbeutel wischen. Aber der Rand des Beutels bog sich um, und er verstreute sein grausiges Spielzeug stattdessen im ganzen Zimmer.

»Verdammt noch mal!«, fluchte Bonneterre.

»Kann ich Ihnen behilflich sein, Sir?«, fragte der Hoteldiener, der nur ein unidentifizierbares leises Klappern gehört hatte.

»Nein!«, brüllte der junge Kreole wütend und sammelte, mit offener Hose auf dem Boden kniend, Darioletas Zähne wieder ein. Dabei verschwand seine Erektion endgültig, aber er musste auch laut lachen, als er sich das Gesicht dieses Idioten vorstellte, wenn er ihn hereingebeten hätte: Da unterm Bett liegt noch ein Backenzahn!

95.

Marie-Therese Helisena Milisande Bonneterre war nach reiflicher Überlegung zu einem harten Entschluss gelangt. Zwar freute sie sich, dass Desmond den widerspenstigen Nigger zuletzt doch noch zum Sprechen gebracht hatte und die Wiederbeschaffung der flüchtigen Sklaven damit zu einer bloßen Formsache geworden war. Aber sie hatte auch in die Gesichter ihrer Nachbarn und Freunde geblickt – gestern Nacht, während Desmond das Mädchen folterte – und darin nur Abscheu und Verachtung für ihren Sohn gesehen. Sie teilte diese Gefühle nicht, vielleicht, weil er die Veranlagung zur Grausamkeit von ihr geerbt hatte. Es war ihr auch ziemlich gleichgültig, dass ihm diese Dinge mehr Spaß machten, als einem erwachsenen Mann zukam, aber der Gefahr, dass er mit seinen Neigungen dem Ansehen des Hauses Bonneterre schaden könnte, musste endlich und endgültig begegnet werden.

Sie würde tun, was sie schon nach der Geburt seines Sohnes, des Erben Bonneterre, hätte tun sollen: Sie würde Desmond nach Europa schicken. Eine ausgedehnte Reise, eine stattliche Apanage, ein, zwei, drei Jahre. Die Änderung ihres Testaments würde sie ihm dann schriftlich mitteilen. Am besten, er käme gar nicht erst wieder mit nach Baton Rouge. Für die Verwaltung der Plantage hatte er sich ja ohnehin nie sonderlich interessiert, nur für die Einnahmen, die sie für ihn abwarf. Und die würden ihm ja bleiben; wenn man sie auch nach und nach kürzen könnte.

Desmond Bonneterre nahm die honigsüß verpackte Aufforderung, sich gefälligst ein eigenes Königreich zu erobern, äußerlich gelassen auf. Seit er Vater geworden war, hatte er mit so etwas gerechnet. Seine Mutter und er waren einander zu ähnlich, um dauerhaft unter dem gleichen Dach leben zu können. Es gab nur eine Krone, und sie gehörte nicht ihm. Und hätte er zumindest in Amerika bleiben dürfen, gleich ob im Osten oder Westen, er hätte sich vermutlich ihren Wünschen gefügt. Da er aber auch ihre Intelligenz geerbt hatte, wusste er, dass ihre Aufforderung zu einer Kavaliersto ur durch das alte Europa nichts anderes als die Enterbung bedeutete. Das konnte er natürlich nicht hinnehmen, auch wenn er sehr überzeugend so tat. Er heuchelte eine Liebe zu Frau und Kind, die er nie empfunden hatte, und hoffte, dadurch zumindest Zeit zu gewinnen, die seine Mutter ihm schließlich auch zugestand. Erst zurück in seinem Zimmer kam ihm im Verlauf des trüben Abends ein anderer, größerer Gedanke.

Gandalod lebte noch, obwohl er alles versucht hatte, um sich zu töten. Das Mädchen, das er liebte, hatte man vor seinen Augen verstümmelt; die Menschen, denen er verpflichtet war, hatte er verraten und war nun in der Hölle, ohne gestorben zu sein. Unter den fürchterlichsten Verrenkungen war es ihm am frühen Morgen gelungen, trotz seiner auf den Rücken gefesselten Hände die Kette an seinen Füßen um seinen Hals zu schlingen, aber dann fehlte ihm die Kraft, sich selbst zu erwürgen. Er schrie in seinen fruchtlosen Bemühungen, und seine Bewacher feuerten ihn an, lachten ihn aus und steckten schließlich einen mit Jauche getränkten Knebel in seinen Mund. So lag er den ganzen Tag über, bis er zu schwach war, auch nur zu weinen.