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Als Bonneterre am späten Abend in die Scheune kam und die Wachen wegschickte, hoffte Gandalod, er würde nun endlich umgebracht, und schloss erschöpft die Augen. Tatsächlich steckte der junge Mann zwei Finger der linken Hand in Gandalods gebrochene Nase, zog sie aber lachend wieder heraus, als er fühlte, wie die Natur die Oberhand gewann und der Gefangene nach Luft schnappte. Dann entfernte Bonneterre mühsam die um den Hals geschlungene Kette, brachte Gandalod in eine sitzende Position und lehnte ihn mit dem Rücken gegen den schlanken Stützpfeiler, an den seine Füße gekettet waren.

Fast sofort, nach wenigen Sekunden des Verschnaufens und der Überlegung, begann Gandalod, mit dem Kopf gegen das harte Holz zu schlagen, und drehte sich nach einigen fruchtlosen Versuchen sogar so, dass er dabei eine Kante erreichen konnte. Da hielt Bonneterre seinen Kopf an den Haaren fest.

»Hast du noch immer nicht kapiert, dass du erst stirbst, wenn ich es will?«, fragte er beinahe sanft, fast wie ein enttäuschter Lehrer. »Und keine Minute früher!« Er warf den Gefangenen auf den Rücken, ging zu einem großen Wassertrog hinüber und wusch seine Hände darin. Dabei sagte er beiläufig: »Die Misses will noch einmal mit dir sprechen.«

Als er sicher war, dass Gandalod ihn verstanden hatte, nahm Bonneterre sein Messer und durchschnitt die Handfesseln des Gefangenen.

»Sie wird natürlich glauben, dass du gefesselt bist.«

96.

Als sie an den südwestlichen Hängen des Tongariro allmählich wieder tiefer stiegen, verwandelte sich der feine Schnee in einen hässlich dünnen Regen, und ehe sie alle vollkommen durchnässt waren, befahl von Tempsky gegen drei Uhr nachts, die Zelte aufzuschlagen, und schickte seine Männer in einen unruhigen Schlaf. Sie waren hungrig, erschöpft und durchgefroren, dabei aber durch die ausgestandene Gefahr und die unheimlichen Eindrücke des Nachtmarschs so aufgekratzt, dass Streitigkeiten auszubrechen drohten. Auch die Frauen der Tuwharetoa hätten sich über die mangelnde Würdigung ihrer Reize nicht mehr beklagen können, als die zweihundert Männer in ihren Schlafsäcken lagen und der Tag noch einmal hinter ihren geschlossenen Lidern vorüberzog. Ruhig schlafen konnten eigentlich nur jene Verwegenen oder Verworfenen, die sich – wie der alte Diogenes – rechtzeitig der Handgriffe erinnerten, die einen Mann müde, warm und friedlich stimmen.

Von Tempsky kontrollierte die aufgestellten Wachen und blieb bei John Gowers stehen, der auf einer Erhöhung zusammengeschobener Vulkanschlacke saß und den Weg beobachtete, den sie gekommen waren.

»Niemand auf unserer Spur, Sir«, meldete er.

»Woher können Sie das?«, fragte von Tempsky, nachdem er seine Augen einige Minuten ergebnislos überanstrengt hatte, um die Dunkelheit zu durchdringen. »Ich meine: im Dunkeln sehen.«

Gowers sagte es ihm und stellte dabei fest, dass er schon sehr lange nicht mehr an seine Kindheit gedacht, geschweige denn darüber geredet hatte. Sein Vorgesetzter, dem die Nacht beim Gedanken an die Minen und die Kinder darin noch schwärzer vorkam, erteilte Joseph B. Williams die Erlaubnis zu rauchen.

»Ich habe leider keinen trockenen Tabak mehr, Sir«, sagte Gowers.

»Nehmen Sie meinen.« Von Tempsky nestelte an der Schnur, mit dem sein Tabaksbeutel an seinem Hals befestigt war. Seine Finger waren jedoch zu klamm, deshalb nahm er ihn mitsamt der Schnur ab und reichte ihn seinem Wachtposten.

John Gowers stopfte seine Pfeife und beobachtete dabei, wie sein Kommandeur, der seit fast zwanzig Tagen kaum eine ruhige Minute gehabt hatte, umständlich seine Hände rieb und in die Handflächen hauchte, um sie warm zu bekommen.

»Darf ich?«, fragte er und begann auf ein dankbares Kopfnicken hin auch von Tempskys Pfeife zu stopfen. Sie drängten sich eng zusammen, um im unablässig fallenden Regen den Tabak irgendwie in Brand zu setzen, und endlich wärmte die Glut in den Pfeifenköpfen zumindest ihre Hände.

»Wie Ngatiroirangi und Ngauruhoe«, sagte von Tempsky nach einer Weile versonnen.

»Genau«, erwiderte Gowers ironisch. »Das dachte ich auch gerade: genau wie Ngatiroirangi und Ngauruhoe!«

Von Tempsky lachte leise und lange. »Ngatiroirangi war einer …«

»… der mythischen alten Helden«, ergänzte Gowers und grinste.

»Er kam mit dem ersten Kanu, das Neuseeland erreichte«, fuhr von Tempsky ungerührt fort. »Und um das Land zu erkunden, stieg er mit seinem Diener Ngauruhoe auf diesen Berg da.« Er zeigte mit der Pfeife auf den im ersten Zwielicht allmählich auftauchenden, wolkenverhangenen Tongariro. »Aber leider verstiegen sie sich, saßen im Eisfall fest und begannen zu erfrieren. Da rief Ngatiroirangi die Winde an, seinen Schwestern Nachricht zu bringen, die am Strand auf seine Rückkehr warteten. Und seine Schwestern, große Zauberinnen, schickten Feuer durch die Erde auf den Berggipfel, um ihren Bruder zu retten.«

»Das war ja mal wieder haarscharf, Sir«, sagte Gowers mit Blick auf den Vulkan, der eigentlich eher ein vulkanisches System als ein einzelner Berg war.

»Und kam zu spät«, schloss nun von Tempsky seine Geschichte ironisch ab. »Ngauruhoe war leider schon erfroren. Aber dafür trägt der Krater heute seinen Namen!«

»Besser als nichts, Sir.« Gowers grinste und sah nun nach Westen, wo das Hochplateau endete und im ersten Morgenlicht den Blick auf ein endloses grünes Meer nebeldampfender Baumwipfel freigab. »Da hinein?«, fragte er.

Von Tempsky nickte und seufzte.

»Es wird schlimm werden«, sagte er.

Und es wurde schlimm. Tausend Höhenmeter hinab, steile Abbruchkanten, reißende kleine Wasserläufe, die sich so tief in den weichen Fels gegraben hatten, dass sie eher Schluchten als Täler bildeten. Die Hügelkämme so schmal, dass sie zu Graten wurden, zudem so dicht bewaldet, dass sie ihnen nicht immer folgen konnten, sondern hinab-und wieder hinaufmussten, jeden kleinen Bach ein Dutzend Mal überquerten, ein Dutzend Hügel überschritten, um eine Strecke von weniger als einer Meile in der Luftlinie hinter sich zu bringen. Die steilen, bis zu zweihundert Meter hohen Hänge verwandelten sich im strömenden Regen in schlammige Rutschbahnen, die sie nur mit Sicherungsseilen bewältigen konnten; was bedeutete, dass die kräftigsten Männer jeden einzelnen Hügel zwei-oder dreimal ersteigen mussten und ihre Kraft entsprechend schnell einbüßten.

Schon nach dem ersten Tag waren sie so verdreckt, dass man sie nur noch am Weiß der Augen vom Gelände unterscheiden konnte. Verzweifelt suchten sie nach einem Fluss namens Manganui a Te Ao, von dem von Tempsky behauptete, dass man ihn auf Flößen befahren könne. Aber der Mann, der ihn schließlich fand, hätte auf diese Ehre vermutlich gern verzichtet, denn er rutschte und stürzte fast zwölf Meter tief in die Klamm, die dieser Fluss an seinem Oberlauf gebildet hatte, und brach sich beide Beine. Von Tempskys Staffelei wurde in eine Trage verwandelt, und nun kamen sie noch langsamer vorwärts und brauchten einen weiteren, also dritten Tag in dieser Hölle, ehe der Manganui a Te Ao breit genug war, um einen Versuch mit den rasch hergestellten Flößen wagen zu können.

Wasserstürze von oben und unten. Der Fluss so eng, dass sich die Flöße immer wieder verkeilten und unter Aufbietung aller Kräfte freigestakt werden mussten. Weitere Verletzte, im reißenden Wasser zwischen den Felsen verrenkte Gliedmaßen, Prellungen, Quetschungen, Hunderte eingerissener Splitter und ein Mann, dem beim Holzfällen die Axt abgerutscht war und der seinen Fuß wohl verlieren würde. Jetzt gab es kein Zurück mehr, konnte von Marschieren keine Rede mehr sein. Kühne Schwimmer befestigten Seile an den gefährlichsten Engstellen, an denen die Flöße sich einzeln entlangtasteten, während die Übrigen, dicht aneinandergedrängt, im prasselnden fetten Urwaldregen auf ihre Weiterfahrt warten mussten.