Выбрать главу

Zu der zermürbenden körperlichen Anstrengung und der alles durchdringenden Nässe kam der Hunger, als ihre Vorräte jetzt endgültig zur Neige gingen. Zu einer Meuterei kam es nur deshalb nicht, weil sie nicht den geringsten Sinn gehabt hätte. Man musste zuerst aus der Wildnis heraus, ehe man sich der Frage widmen konnte, welcher Wahnsinn, welche Eitelkeit sie in dieses unwegsamste Gelände der Welt hineingeführt hatte.

Immerhin wurde es langsam wärmer, und auch der Manganui a Te Ao entschloss sich irgendwann, seinen Widerstand aufzugeben und sein Bett so zu verbreitern, dass das Vorwärtskommen allmählich leichter wurde. Dafür erging er sich nun in den verrücktesten Windungen, die ihre Geduld jedes Mal neu auf die Probe stellten. An einigen Stellen ahnten sie nicht nur, sondern wussten, dass sie auf ihrer eigentlichen Strecke wieder einige Hundert Meter zurückfuhren. Erst am fünften Tag nach ihrem Aufbruch vom Tongariro erreichten sie endlich die Einmündung in den trägen, breiten Wanganui River, der sie nun endlich nach Süden, zum Meer und an ihr eigentliches Ziel bringen würde.

Zu einer Rebellion reichten jetzt ihre Kräfte nicht mehr aus, und die letzten Funken Ärger verwandelte von Tempsky zwei Tage später, schon in Sichtweite von Wanganui Town, mit einer bemerkenswert kurzen Abschlussansprache in Stolz.

»Jetzt seid ihr Forest Ranger«, sagte er.

97.

Am schwierigsten war es, seine Mutter in den Stall zu bekommen.

Dass Gandalod ihr – und nur ihr – noch etwas sagen wollte, würde sie niemals glauben. Sie hätte einfach befohlen, ihn totzuschlagen, wenn er nicht redete. Konnte sie in der letzten Nacht etwas verloren haben, was man dort suchen müsste? Dann hätte sie ihn allein auf die Suche geschickt. Nein, er musste eine kleine Komödie inszenieren, und selbst das dürfte schwierig werden.

»Mutter?«

Sie saß in ihrem Zimmer und las zum tausendsten Mal, wie der Edelknabe des Meeres von seinem Vater König Perion und seiner Mutter Helisena erkannt ward.

»Ja?« Es war eines ihrer Lieblingskapitel.

»Können wir reden?«

Madame Bonneterre lächelte böse. Desmond hatte den Kampf also noch nicht aufgegeben. »Sicher.«

Bonneterre trat ins Zimmer und sah beinahe sofort aus dem Fenster. »Ein schöner Tag.«

»Desmond«, seufzte sie, ein wenig ärgerlich, ein wenig belustigt. »Was willst du?«

»Herrgott!« Er errötete wie ertappt. »Kann ein Sohn nicht mit seiner Mutter über das Wetter reden?!«

»Nein.« Madame Bonneterre lachte jetzt leise. »Jedenfalls nicht, wenn du der Sohn bist und ich die Mutter bin.«

Auch Bonneterre musste unwillkürlich über diese treffende Bemerkung lachen und setzte sich. »Warum eigentlich Desmond?«, fragte er unvermittelt und zeigte dabei auf ihr Buch. »Warum nicht Amadis? Oder Galaor?«

Sie stutzte über diese unerwartete Frage. »Dein Vater war kein sonderlich kultivierter Mensch«, antwortete sie dann, und sie hatte recht. François Bonneterre, geborener du Rausset, war trotz seiner vornehmen französischen Herkunft ein Bauer gewesen, und das Leben als Prinzgemahl auf der großen Plantage hatte seine primitivsten Eigenschaften zum Vorschein gebracht. Der Alkohol und die Syphilis beendeten glücklicherweise schon nach weniger als zehn Jahren eine Ehe, die lediglich in finanzieller Hinsicht ein Erfolg gewesen und auch nur ein einziges Mal vollzogen worden war. Nur bei der Zeugung und dem Vornamen seines Sohnes hatte sich du Rausset gegen sein übermächtiges Weib durchsetzen können.

»Gehen wir ein paar Schritte?«, fragte Desmond Bonneterre.

»Wozu?«, erwiderte seine Mutter.

»Einfach um der alten Zeiten willen«, sagte er mit seinem offensten Gesichtsausdruck. »Wir waren selten eine richtige Familie, aber woran ich mich erinnere, sind unsere Spaziergänge sonntagnachmittags!«

»Soweit ich mich erinnere, hast du sie gehasst. Sowohl die Spaziergänge als auch die Sonntagnachmittage. Und wahrscheinlich sogar die Familie.«

Er überhörte die letzte Bemerkung. »Damals vielleicht. Aber wenn ich zurückschaue, sind sie beinahe das Einzige, was ich mit meiner Kindheit verbinde.« Er stand auf und bot ihr die Hand.

»Du willst über deine Kindheit sprechen?« Madame Bonneterre kräuselte verächtlich die Lippen und dachte an die Übelkeit, die sie während der einzigen Schwangerschaft ihres Lebens fast neun Monate lang aus jeder besseren Gesellschaft ausgeschlossen hatte. Zeitweise hatte sie geglaubt, sie würde das Kind eines Morgens einfach aus sich herauswürgen.

»Nein, aber über meinen Jungen!« Noch immer hielt er die Hand ausgestreckt, ein vertriebener Königssohn, der sich mit seinem Schicksal abgefunden hatte. »Da ich ihm nun schon kein Vater sein darf, denke ich, habe ich ein Recht darauf, über seine Erziehung zu reden!«

»Ich denke, es ist das Beste für seine Erziehung, wenn du ihm kein Vater bist«, sagte sie ironisch, stand aber nun immerhin auf und warf sich ein Tuch über die Schulter, um seinen seltsamen Bewegungsdrang zu befriedigen.

98.

Lucy Takiora Lord hatte in ihrem kurzen Leben bereits viele Namen getragen. Geboren als Tochter einer ehemaligen Maorisklavin und Witwe eines weißen Grobschmieds namens Alexander Grey, war sie am 9. Oktober 1842 auf den Namen Lucy Elizabeth Grey getauft worden, wurde aber schon sechs Monate später zu Lucy Lord, als ihre Mutter ihren vermutlichen Vater, den Metzger William Lord, heiratete.

Keine achtzehn Jahre später heiratete Lucy selbst den Wanganui-Krieger Te Mahuki und nannte sich jetzt Takiora. In den Taranaki-Kriegen diente sie gemeinsam mit ihrem Mann den Pakeha-Streitkräften als Scout, Übersetzerin und Spionin, denn sie hasste die aufständischen Maori. Vielleicht, weil ihre Mutter einst deren Sklavin gewesen war, und sicher, weil eine Gruppe rebellierender Krieger in den 1840er-Jahren Haus und Laden ihres Vaters, Stätte ihrer glücklichen Kindheit, niedergebrannt hatte. Wie weit ihr Hass reichte, zeigt der Spitzname, den die weißen Soldaten der hochgewachsenen, hübschen, vielleicht ein wenig strengen Maorirenegatin gaben: Bloody Mary.

In den Kämpfen um die Provinz Taranaki lernte sie auch Manu-Rau kennen, der sie gemeinsam mit ihrem Mann Te Mahuki auf einigen seiner Gemälde abbildete. Wann sie seine Geliebte wurde, ist ungewiss; spätestens wohl, nachdem Te Mahuki Anfang 1866 im Kampf getötet wurde. Verhasst und verachtet von ihrem eigenen Volk und von den Pakeha zumindest misstrauisch beäugt und nie wirklich akzeptiert, blieb der intelligenten jungen Frau kaum etwas anderes übrig, als die Mätresse eines anerkannten und gefürchteten Pakeha-Führers zu werden. Aber es war noch etwas anderes in dieser Verbindung. Takiora liebte Manu-Rau, und Manu-Rau liebte Takiora – oder zumindest die Verkörperung von Freiheit und Abenteuer, die sie für ihn darstellte.

Seit von Tempsky außer Dienst gestellt worden und als braver Ehemann in den Norden gegangen war, lebte Takiora in »The Rookery«, einem übel beleumundeten Viertel von Wanganui, ehemals Siedlung der verheirateten Soldaten und ihrer Frauen, jetzt Heimat von Prostituierten, Trunkenbolden und Schlägern. Wie weit sie in die entsprechenden Kreise eintauchte, ist nicht bekannt. Sie war jedenfalls einer der wenigen Menschen, die sich ehrlich freuten, als der neue Krieg seine Schatten vorauswarf. Sie hatte gehofft, dass sie »Von« wiedersehen würde, und war enttäuscht gewesen, als bekannt wurde, dass er sich zusammen mit McDonnell zunächst von Auckland aus nach Australien aufgemacht hatte.