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Beinahe täglich wanderte Takiora nun nach Castlecliff, vier Meilen den Fluss hinunter bis zu seiner Mündung, und sah stundenlang auf das Meer hinaus,wo irgendwann Manu-Raus Segel auftauchen würde. Aber wieder wurde sie enttäuscht. »Von« war nicht auf dem Schiff, das sich langsam zu den Piers von Taupo Quay hocharbeitete, während Takiora zur Freude der Besatzung am Ufer entlanglief und lachte, winkte und rief. Aber an Bord war nur »Fighting Mac«, der ihr nie recht getraut hatte und sich lieber auf seinen persönlichen Scout Wiremu Katene Tuwhakaruru verließ; den berühmten Alkibiades der Maori, der im letzten Krieg Titokowarus Leutnant gewesen war, ehe er McDonnells Vertrauter wurde – und der bald noch ein letztes, entscheidendes Mal die Fronten wechseln würde.

Niemand konnte Takiora sagen, wo »Von« blieb, aber einige der Männer, die sie am Ufer gesehen hatten, fühlten sich stark genug für einen Versuch mit ihr und ließen sich erst durch eine gegen ihre Münder, Schläfen, Unterleiber gerichtete Tupara, die doppelläufige Muskete, eines Besseren belehren. Es dauerte noch beinahe vier Wochen, ehe McDonnell, der ein schlechtes Gewissen haben mochte, weil er von Tempsky in Melbourne abgehängt hatte, Takiora darüber informierte, dass »Von« oben im Norden gelandet sei und sich über Land durch den Busch zu ihnen durchschlagen würde.

Warten ist ein seltsamer Zustand, selbst wenn man weiß, worauf man wartet. Ist einmal ein Funken Hoffnung geschlagen, der einen sehnsüchtigen Wunsch erfüllbar erscheinen lässt und damit zu einer Erwartung macht, entzündet sich die gesamte Fantasie, und eine ganze Weile kann Warten das Herz erwärmen. Aber irgendwann, nach zu vielen Enttäuschungen, ist es nicht mehr die Hoffnung, nicht mehr die Fantasie, sondern das Herz selbst, das sich im Warten verzehrt. Starke Naturen fragen sich dann, ob sie überhaupt noch wollen, worauf sie warten. Feinere Gemüter verzweifeln an sich und ihren Wünschen, verkleinern sie bis zur Unkenntlichkeit und warten irgendwann nur noch, anstatt zu leben, ja vergessen sogar, worauf sie eigentlich warten.

Takiora gehörte zur ersten Kategorie. Nach dreimonatigem Aufenthalt in den verschiedensten Luftschlössern fluchte sie in dem Moment auf von Tempsky, als sie wusste, dass er wieder in Neuseeland, aber wieder nicht in Wanganui und bei ihr war. Sie erstickte ihre Erwartungen in den Armen einiger junger Soldaten, die nicht wussten, wie ihnen geschah – denn ihre erfolglosen Kameraden hatten sie vor dem schönen wilden Weib und ihren locker sitzenden Waffen gewarnt. Aber all das, Warten, Enttäuschungen, Illusionen und Ersatzbefriedigungen, war wie weggeblasen, als »Von« an der Spitze seiner erschöpften Männer den Fluss herunterkam und ein einziger, wortloser Blick seiner Augen in Takioras Herz drang, als sei er nie fort gewesen.

99.

Die Tatsache, dass an keiner Anlegestelle, die sein stolzes Schiff, die Praise of Digression, auf dem Weg nach New Orleans anlief, auch nur eine Spur von Hunters Milizionären zu sehen war, sagte Gabriel Beale, dass sein Fall eine Wendung genommen hatte. Es konnte eigentlich nur bedeuten, dass seine Auftraggeber dank seiner Informationen ihre Beute aufgespürt, also die Deep South und ihre Passagiere erwischt hatten. Leider waren die Haltezeiten der Praise of Digression zu kurz, um diese Vermutung durch ein paar klärende Telegramme zu bestätigen. Das war aber auch schon das Einzige, was an der Reise kurz und an seinem Schiff schnell war.

Als echter Yankee hatte er die primitive Vorstellung gehabt, dass zumindest die flussabwärts fahrenden Schiffe alle ungefähr gleich schnell sein müssten, wurde aber angesichts der packenden Wettrennen, die sich die Praise of Digression mit dem Treibholz lieferte, vom Gegenteil überzeugt. Er hatte das kleine Schiff ausgewählt, weil es laut Fahrplan weit weniger Zwischenhalte einlegte als die großen Passagierdampfer. Leider lagen diese aber fast immer wechselweise mal am Ost-, mal am Westufer des großen Stromes, sodass Gabriel Beale den Mississippi nicht eigentlich befuhr, sondern ihn mehrere Dutzend Male überquerte.

Wenn die Praise of Digression, was dabei gelegentlich vorkam, gegen die Strömung zu einer Anlegestelle zurückdampfen musste, glaubte er, das Gras am Ufer wachsen zu sehen, und als sie ein und dasselbe kleine Floß, mit einem Jungen und einem Nigger darauf, zum dritten Mal überholten, begab er sich unter Deck, um einen Schlaganfall zu vermeiden. Wie kamen diese Südstaatler nur auf den wahnwitzigen Gedanken, sie könnten je ernsthaft und auf Dauer mit den Eisenbahnen und der Industrie des Nordens konkurrieren?

Als er am Vormittag des fünften Tages in New Orleans ankam, hatte er es nicht mehr besonders eilig. Was immer geschehen war, war inzwischen Geschichte, ohne dass er etwas dazutun oder wegnehmen konnte. Dennoch begab er sich natürlich sofort in das Hotel, an dessen Adresse er seine Depeschen gerichtet hatte, und wurde nach kurzem Warten von General Willoughby persönlich empfangen. Der Mann saß noch immer in seinem Jammerstuhl beim Frühstück und hatte trotz einer seidenen Serviette etwas Eigelb auf seinen Kragen gekleckert; nur ein sehr kleiner Fleck, von dem der Detektiv jedoch kein Auge lassen konnte.

»Ah, Mr. Beale!« Der General war in bester Stimmung.

»Guten Morgen, Sir. Darf ich fragen …«

»Sie wollen sicher wissen, was sich hier unten getan hat. Nun, ich darf Sie beglückwünschen: Ihre Ermittlungen haben zur Verhaftung dieses Menschen geführt, dieses Laffin oder wie er sich nannte. Gute Arbeit, Mr. Beale!«

Das Lob des alten Mannes klang ironisch, und tatsächlich ging seine gute Laune wesentlich auf die Tatsache zurück, dass Beale seinen eigentlichen Auftrag, nämlich ihre Sklaven wiederzufinden, nicht ausgeführt hatte und also auch keine Bezahlung dafür erwarten durfte.

»Und sein Schiff?«, fragte der Detektiv, durch die hörbare Ironie misstrauisch geworden. »Die Deep South

»Ist hier leider nicht gesehen worden, Mr. Beale.« Der General strahlte. »Aber es wird Sie freuen, zu hören, dass wir unsere Nigger trotzdem geschnappt haben.« Umständlich zog er seine vergoldete Taschenuhr hervor und warf einen theatralischen Blick darauf. »In diesem Moment dürften sie schon auf dem Weg hierher sein.«

»Ich verstehe nicht ganz, Sir«, sagte Beale.

»Ein Zufall, Mr. Beale. Glück für uns, Pech für Sie, sozusagen.« Und er erzählte vom unerwarteten Auftauchen Gandalods, seinen Aussagen über Moses und Barataria und dem triumphalen Aufbruch der Miliz gestern Mittag. »Sie werden verstehen, dass sich bei aller Wertschätzung Ihrer Arbeit keine Verbindung zwischen Lafflin und unseren Sklaven herstellen lässt. Insofern noch einmaclass="underline" Pech für Sie, Mr. Beale!«

»Ich verstehe, Sir. Wäre es möglich, dass ich diesen Gandalod einmal sehen könnte?«

»Aber jederzeit, mein Lieber. Soweit ich weiß, finden Sie ihn gegenwärtig noch immer im Stall.«

100.

Madame Bonneterre war fest davon überzeugt, dass sich ihr Leben in keiner ernsthaften Gefahr befand, selbst als sie schon auf dem Boden lag. Gewiss, der Nigger hatte sich losgerissen und sich auf sie gestürzt, aber das geschah ja am helllichten Tag, in einer weißen Stadt. Desmond war da, wenn er auch die Wache weggeschickt hatte. Gleich würde der entsetzliche Druck auf ihre Kehle aufhören, und es ärgerte sie bereits, dass sie im ersten Erschrecken einen kleinen Schrei ausgestoßen hatte.