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Contenance! Sie wehrte sich nicht. Ihr Leben lang waren ja Männer, Peitschen, Ketten und Gesetze da gewesen, die sie vor den Händen ihrer Sklaven beschützten, und diesmal würde es nicht anders sein. Erst der Faustschlag, der sie mitten ins Gesicht traf, belehrte sie eines Besseren. Ihre aristokratische kleine Nase schwoll an, sie schmeckte Blut auf ihren Lippen, aber sie wurde nicht ohnmächtig, im Gegenteil.

Alles wurde ihr plötzlich enthüllt, kristallklar sah sie es vor sich: Sie war in die Falle gegangen! Und in tödlichem Hass blickte sie nicht auf das schwarze Tier, das auf ihrem Brustkorb kniete und ihre Rippen mit seinem Gewicht zerbrach, sondern auf ihren Sohn, der mit seltsam verzerrtem Gesicht dabei zusah.

Ihre Augen blitzten vor Wut, aber noch immer wehrte sie sich nicht, um Desmond nicht die Befriedigung zu geben, sie unter den Händen des Niggers zappeln zu sehen. Erst in der Agonie bäumte sich ihr kleiner Körper plötzlich mit erstaunlicher Gewalt auf und wehrte sich lange dagegen, dass ihm das Leben genommen wurde, dass die schweren, schwarzen Finger ihm den Atem raubten.

Marie-Therese Helisena Milisande Bonneterre bleckte die Zähne und versuchte, den Nigger zu beißen, traf aber nur ihre eigene Zunge, die sich unglaublich weit aus der Kehle geschoben hatte, ohne dass sie es wusste. Das Letzte, was sie auf der Welt fühlte, war das Versagen ihres Schließmuskels. Nein, die Scham darüber.

Ein Geräusch ließ Desmond Bonneterre herumfahren, und kaum hatte er den Mann gesehen, der hinter ihm stand, da ließ er den schweren Eichenholzknüppel, den er die ganze Zeit umklammert hielt, auf Gandalods Hinterkopf niedersausen. Er fühlte, wie die Hirnschale des Niggers zersprang, schlug aber trotzdem noch zweimal zu; um ganz sicherzugehen und auch weil er glaubte, dass dies von einem Mann in seiner Situation erwartet würde.

»Mutter! Mutter!«, rief er mit stark übertriebener Empathie und warf sich neben ihrer Leiche auf die Knie. Dabei überlegte er bereits fieberhaft, wie lange Gabriel Beale bereits zugeschaut hatte und wie viel er erraten würde.

101.

Die York-und die Rutland-Stockade, also die beiden palisadenbewehrten Forts, die die Engländer an beiden Seiten von Wanganui Town errichtet hatten, waren für Besatzungen von je zweitausend Mann ausgelegt. Entsprechend verloren kam sich die kleine neuseeländische Truppe auf dem vergleichsweise riesigen Posten vor. Dennoch fiel es John Gowers schwer, die Suche nach James Fagan auch nur zu beginnen, denn nach den schlechten Erfahrungen mit den Desertionen in McDonnells Abteilung hatte man von Tempskys Männer am entgegengesetzten Ende der Stadt, in der Rutland-Stockade, einquartiert. Eine Ausgangserlaubnis wurde nur ausnahmsweise erteilt, täglicher Drill sollte die Rekruten auf andere Gedanken bringen beziehungsweise jeden individuellen Gedanken in ihnen töten, und selbst wenn der Investigator seine Versetzung in die York-Stockade erreicht hätte: Unter welchem Vorwand sollte er die mit den neuseeländischen Freiwilligen über vierhundert Männer von McDonnells Truppe auf drei Monate alte, womöglich verborgene Narben absuchen? Dass James Fagan seinen Namen geändert hatte, setzte er als keiner weiteren Überlegung wert ohnehin voraus.

Seine vorzüglichste Hoffnung wurde sein Kommandeur; aber von Tempsky schien ihn vergessen zu haben oder hatte nach den Anstrengungen des Marsches in einem kleinen Haus in »The Rookery« Besseres zu tun, als sich der sehr speziellen Probleme eines einzelnen seiner Männer zu erinnern. Nach zwei Tagen trostlosen Garnisonsdienstes schickte Gowers seinem Vorgesetzten deswegen Byrons Cain, mit besten Grüßen und der Anmerkung: 3.3.3.

Es kostete von Tempsky fast eine halbe Stunde, herauszufinden, dass der dritte Auftritt in der dritten Szene des dritten Akts gemeint war, und erst dann las er:

Engeclass="underline" Wo ist dein Bruder Abel?

Cain: Soll ich meines Bruders Hüter sein?

Engeclass="underline" Was tatest du? Das Blut deines erschlagenen Bruders schreit zum Himmel. Ein Flüchtling sollst du sein von diesem Tag, ein Vagabund auf Erden!

Von Tempsky lächelte unwillkürlich und fragte sich, ob diese biblische Einlassung einem Kriegsgericht bereits Beweis genug für eine geplante Desertion wäre. Am nächsten Morgen hatte Joseph B. Williams jedenfalls einen unbef risteten Urlaubsschein und sein Vorgesetzter die Stammrolle von McDonnells Einheit auf dem Tisch. Hätte er aber gewusst, dass der Amerikaner derart früh auftauchen würde, hätte von Tempsky wohl doch eine zivilere Uhrzeit als Urlaubsbeginn festgesetzt. Die Morgendämmerung hatte noch nicht einmal begonnen, als es an der Tür klopfte.

Takioras Wohnung bestand leider nur aus einem einzigen Zimmer, und als das Klopfen nicht aufhörte, konnte Manu-Rau wenig mehr tun, als ihren nackten Körper mit einem Nachthemd, so gut es ging, zu bedecken, ehe er, lediglich mit einer Hose bekleidet und mit einem Messer in ihrem Bund, öffnete.

»Reißen Sie den Leuten immer gleich den Arm ab, wenn sie Ihnen den kleinen Finger hinhalten?!«, knurrte er ungehalten, als er den Investigator erkannte.

»Nur, wenn ich den Arm dringend brauche«, entgegnete Gowers und übersah angesichts des nackten Rückens und der langen schwarzen Haare der auf dem Bett liegenden Frau den Zorn seines Vorgesetzten. Er wusste nichts von Takiora, von Tempsky hatte sie nie erwähnt, und so hielt er sie für irgendein bezahltes Offiziersliebchen. »Können wir unter vier Augen reden?«, fragte er.

»Meine Augen sind zu«, sagte Takiora verschlafen, musste aber dann über ihren eigenen Witz kichern. Von Tempsky lachte laut, vor allem über Gowers’ dummes Gesicht.

»Es ist in Ordnung«, sagte er und reichte dem Investigator die Liste der in Melbourne auf McDonnells Schiff eingeschriebenen Freiwilligen. »Tut mir leid, kein James Fagan!«

»Hatten Sie etwas anderes erwartet?!« Es war nun an Gowers, sich zu ärgern. Trotzdem ging er die Namen durch. »Haben Sie eine Idee, wie ich die Männer sehen kann? Könnte ich etwa ein Arzt sein, der …«

»Wen suchen Sie denn?«, unterbrach ihn Takiora, drehte sich zu den Männern um und bedeckte dabei mit dem linken Arm ihre Brüste.

Gowers runzelte konsterniert die Stirn. Wusste er, wen er suchte? Er hatte James Fagan nie wirklich gesehen, kannte nur sein ungefähres Alter und ging davon aus, dass er die Spuren von Mairie Maguires Fingernägeln noch im Gesicht trug. Sein Plan war gewesen, Fagans Messer auf den Tisch zu legen und sich die vierhundert Männer einzeln vorzunehmen. Er war sicher, dass der Mörder sich dabei irgendwie verraten würde.

»Darf ich vorstellen«, sagte von Tempsky und lächelte über Gowers’ Verwirrung, »Lucy Takiora, mein bester Scout. Sie können ihr vertrauen.« Takiora war in den letzten Wochen beinahe jeden Tag in der York-Stockade gewesen und hatte viele Männer gesehen.

»Der Mann, den ich suche«, sagte Gowers und konzentrierte seine Aufmerksamkeit jetzt ganz auf die schöne, sehr hellhäutige Wahine, »ist etwa neunzehn Jahre alt und hat eine relativ frische Narbe im Gesicht. Seinen jetzigen Namen kenne ich nicht. In Melbourne hieß er James Fagan.«

Die erfahrene Spionin ließ die Gesichter Revue passieren, die sie unter McDonnells Männern gesehen hatte. »Jamie«, sagte sie dann. »Es gab da einen Jungen, den alle Jamie nannten. Sehr jung. Eine Narbe von hier bis da!« Sie zog mit dem Finger eine Linie von ihrem linken Ohr bis zur Kinnspitze. Dann winkte sie dem Investigator, ihr die Liste zu reichen, und vergaß, ihre Brüste zu bedecken, während sie konzentriert die Namen durchging.