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Gowers’ Gedanken rasten. Hatte er sie beeinflusst, indem er den Namen James Fagan erwähnte? Andererseits änderten gesuchte Verbrecher selten ihre Vornamen, um sich nicht dadurch verdächtig zu machen, dass sie auf »Jim«, »Bill«, »Joe« und so weiter womöglich nicht sofort reagierten.

»Bradley«, sagte Takiora, noch weit oben im Verzeichnis. »James Bradley!« Sie nickte und war sich ihrer Sache sicher.

»Das war aber einfach«, murmelte John Gowers, verblüfft über diesen raschen Fahndungserfolg.

»Ich fürchte nicht, Sir«, erwiderte Takiora. »Dieser Junge gehört zu der Gruppe, die vor etwa zwei Wochen mit dem Polen desertiert ist.«

»Das wäre ja auch zu schön gewesen«, knurrte der Investigator.

102.

Mehr als die Hälfte der Deserteure waren relativ schnell wieder eingefangen worden, aber eben das machte die Nachrichten über die anderen so widersprüchlich. McDonnell hatte sich die Männer einzeln vorgenommen, sich ihnen von seiner unangenehmsten Seite gezeigt und war deshalb ziemlich sicher, dass sie die Wahrheit sagten. Aber gerade als er auf diese Weise herausgebracht hatte, dass die Hawke Bay, also die Ostküste Krczynskis Ziel war, traf per Schiff aus dem Süden die Meldung ein, dass man einige der entflohenen Männer in Wellington arretiert habe. »Fighting Mac« fluchte, gab den Befehl, den Gefangenen vierzehn Tage lang ins Essen zu spucken, und begab sich dann an Bord des Postschiffs, um den Dingen in Wellington auf den Grund zu gehen. Gnade Gott diesem Polen, wenn er ihn erwischen würde!

Dass der für die Dauer des Feldzugs kurzfristig zum Major beförderte von Tempsky die in der York-Stockade einsitzenden Deserteure noch einmal verhören wollte, schienen diese Männer als eine Art zweite Chance zu betrachten und baten zuallererst um die Rücknahme des entehrenden Befehls, der ihnen die Mahlzeiten verleidete.

»Kommt drauf an, was Sie zu sagen haben«, vertröstete sie der frischgebackene Major, der sehr genau wusste, dass es unterhalb von offizieller Kriegsgerichtsbarkeit und kodifiziertem Kasernenrecht eine Dunkelzone von Femejustiz unter Kameraden gab, die Armeen stärker zusammenhält als jeder äußere Druck.

Die einzigen Strafen, die diese ungeschriebenen Gesetze vorsahen, waren Schmerzen und Spott. Beides hatten die glücklosen Deserteure in den Augen ihrer Kameraden verdient; nicht weil sie desertiert waren, sondern weil sie dadurch die Verschärfung der Lebensbedingungen verursacht hatten, unter denen nun alle leiden mussten; die Ausgangssperren, den erhöhten Drill und sogar ein allgemeines Alkoholverbot von drei Tagen. Die Kriegsherren aller Zeiten hatten es verstanden, den Zorn ihrer Kampfsklaven von sich und den zu ihrem Vorteil aufgestellten Regeln abzulenken auf diejenigen, die diese Regeln brachen. Dass diese Idioten sich dann auch noch hatten einfangen lassen, machte ihr Vergehen in den Augen der Soldaten sozusagen unentschuldbar – und jeder einzelne Mann der Garnison hätte ihnen von Herzen gern ins Essen gespuckt.

Gowers, den die Delinquenten nur für eine Art Beisitzer hielten, der aber in Wirklichkeit das Verhör leitete, wusste schon bald, dass der Mörder, den er jagte, tatsächlich mit diesen Männern zusammen gewesen war, und ließ ihn sich wieder und wieder beschreiben. Die zweite Erkenntnis aus der Befragung war schwerer zu gewinnen und stellte sich erst ein, als er sich später die Aussagen der Gefangenen und vor allem ihre Gesichter noch einmal sozusagen im Zusammenhang vor Augen führte.

Die auffälligste Gemeinsamkeit dieser Männer bestand darin, dass sie alle nicht sonderlich helle waren. Der kluge Pole Krczynski, den Gowers gern kennengelernt hätte, hatte sich offenbar von den Trotteln in seiner Gruppe getrennt, damit sie wieder eingefangen wurden und genau das sagen würden, was sie sagten: Hawke Bay, Ostküste. Er musste also nach Wellington.

»Fighting Mac« war sehr übel gelaunt. Er hatte sich auf der drei-ßigstündigen Überfahrt von Wanganui eine Erkältung eingefangen, Krczynski war nicht unter den Gefangenen, und das Gefängnis von Wellington war für seine Begriffe überhaupt viel zu komfortabel, jedenfalls verglichen mit einem Armeezelt. Sein Blick verhieß den verbliebenen sieben Deserteuren nichts Gutes, aber was er eigentlich mit ihnen tun würde, hatte er selbst noch nicht überlegt.

Einmal in Wellington, hatte er ohnehin alle Hände voll zu tun, die Kriegsvorbereitungen überhaupt im Gang zu halten, denn Titokowaru hatte sich nach wie vor nicht gerührt. Verteidigungsminister Haultain lehnte deshalb McDonnells Forderung nach zweihundert weiteren Männern rundweg ab. Zweihundertmal mehr »drei Shilling und ein Sixpence« pro Tag plus Verpflegung plus Essgeschirr plus Marschgepäck, Decken, Zelte, Uniformen, Stiefel und natürlich Waffen und Munition – ihr erster eigenständiger Krieg nach Abzug der britischen Truppen begann der jungen Kolonie Neuseeland rein finanziell über den Kopf zu wachsen.

Premierminister Stafford hatte sogar schon davon gesprochen, die Provinz Taranaki und insbesondere den für Rebellionen offenbar anfälligen Patea-Distrikt den Maori einfach zu überlassen, wenn sie ihn denn unbedingt behalten wollten; »Fighting Mac« war es kalt den Rücken hinuntergelaufen. Glücklicherweise hatte am 12. März in Sydney, Australien, ein irischer Nationalist ein Attentat auf den Herzog von Edinburgh, immerhin einen Sohn Königin Victorias, verübt und ihn dabei leicht verwundet. Im ganzen australesischen Raum befürchtete man einen Aufstand der irischen Einwanderer, und die Regierung in Wellington hatte McDonnells Kommando zeitweise nur noch aufrechterhalten, um einen solchen Aufstand gegebenenfalls wirkungsvoll eindämmen zu können. Aber auch die Iren Neuseelands verhielten sich unnatürlich ruhig, sodass es jetzt, Anfang Juni, beinahe aussah, als gäbe es für »Fighting Mac« in absehbarer Zeit nichts zu kämpfen.

Nein, er musste zumindest die Männer zusammenhalten, die er schon hatte, und das hieß: Er musste ein Exempel statuieren. Die Deserteure deswegen gleich aufzuknüpfen wäre allerdings schwachsinnig gewesen und entbehrte, solange noch kein offener Krieg herrschte, auch jeder rechtlichen Grundlage. Sie monatelang einzusperren wäre ebenfalls kontraproduktiv und würde ihre ja weiterhin einen ungeliebten und harten Dienst ausübenden Kameraden nur auf dumme Gedanken hinsichtlich warmer und trockener Plätze bringen.

McDonnell beschloss deshalb, die Männer über Land zurück nach Wanganui zu bringen; mit schwerem Marschgepäck und unter seinem persönlichen Kommando, damit jeder sehen konnte, dass er sie eingefangen hatte. Die Tortur wäre also gleichzeitig eine Demonstration, mit der er jedem einzelnen Soldaten, der mit dem Gedanken an Desertion spielte, sozusagen ins Ohr flüstern konnte: »Es lohnt sich nicht!«

Und nur um die Deserteure dabei besonders lächerlich aussehen zu lassen, erteilte er ihnen als Erstes den Befehl, ihre Hosenböden herauszuschneiden; eine Sanktion, die in fast allen Armeen der Welt den Feiglingen vorbehalten war.

103.

Niemand bezweifelte, dass Desmond Bonneterre getan hatte, was er konnte, um das Leben seiner Mutter zu retten; vor allem, nachdem Gabriel Beale ausgesagt hatte, wie beherzt sich der junge Mann auf den Mörder gestürzt habe. Was Madame Bonneterre in den Stall geführt hatte, wurde überhaupt nicht gefragt. Zweifellos war es ihre bekannte Menschenliebe gewesen, die sie nachsehen ließ, ob es ihrem Nigger an nichts fehle.

Auch dass Bonneterre sich nur kurz, für vielleicht zwei Minuten, im hinteren Teil des Stalls aufgehalten habe, während der Nigger sich losgerissen und auf sein unglückliches Opfer geworfen haben musste, wurde ohne Weiteres akzeptiert. Warum er die Wache weggeschickt hatte, blieb die einzige unangenehme Frage, und die Antwort, er habe dem übernächtigten Posten wenn schon keine Ablösung, dann doch Zeit für ein Frühstück gönnen wollen, solange er selbst ohnehin im Stall gewesen sei, gereichte dem jungen Mann zur Ehre.