Im Übrigen trug Desmond Bonneterre den Verlust mit großer Seelenstärke und ließ es sich nicht nehmen, bei der Herrichtung der Leiche für ihren Transport nach Baton Rouge persönlich Hand anzulegen. Den eigentlich dazu bestellten Frauen war es sogar ein wenig peinlich, wie sorgfältig und gründlich der junge Mann den Körper seiner Mutter säuberte, aber ihre Gemüter waren zu schlicht, um etwas anderes als übertriebene Sohnesliebe darin zu erkennen. General Willoughby hätte dem grausigen Geschehen vielleicht etwas eindringlicher nachgeforscht als der mit dieser Aufgabe betraute und bekannt gründliche Police Officer Duggan, wenn er nicht durch ein anderes Ereignis davon abgelenkt worden wäre.
Am frühen Abend kehrte die Vorhut seiner geschlagenen Armee zurück, und Henry Hunter erstattete Bericht über das sonderbare und desaströse Scheitern der eigentlich ganz einfachen Unternehmung. Nach und nach trafen auch die übrigen Männer ein, und General Willoughby konnte immerhin mit einer gewissen Befriedigung feststellen, dass seine Söhne unter den Letzten waren; Michael, ruhig, aber ratlos, Richard nervlich stark angegriffen.
Seine Aufregung war aber nichts gegen die Panik des jungen Owen Cheever, der kurzzeitig in Gefangenschaft geraten war und ärztlicher Behandlung bedurfte. Kein anderer als Lemuel Willard erwirkte die Erlaubnis, ihn mit einer Dosis Betäubungsmittel in einen erholsamen Schlaf zu schicken – der aufgrund eines Berechnungsfehlers des unbedarften Mediziners allerdings beinahe der ewige geworden wäre. Von beidem, dem Trauma und seiner Behandlung, sollte der junge Mann sich nie wieder richtig erholen.
Willard war es auch, der den Frühstückssalon des Hotels in ein behelfsmäßiges Lazarett verwandelte, obgleich für die wenigen wirklich Verwundeten ein Zimmer vollkommen ausgereicht hätte. In dieser bei aller Bedrückung noch immer halbwegs romantisch-kriegerischen Atmosphäre fand dann am Vormittag des folgenden Tages wiederum eine Beratung der Pflanzer statt, zu welcher der General Willoughby noch in der Nacht und durch ein handgeschriebenes Billett auch Gabriel Beale einlud.
Zunächst versicherten sie einander, dass die Lage keineswegs so schlecht sei, wie sie aussähe. Durch den bewaffneten Angriff auf ihre legitimen Herren hätten sich die entlaufenen Nigger eines allseits und sogar im Norden anerkannten Offizialdelikts schuldig gemacht. Ihre weitere Verfolgung sei damit Sache der Polizei-und Militärbehörden geworden, die zu verständigen man sich bereits die Freiheit genommen hätte. Nach allem, was man aus den Berichten der Männer aus der vordersten Linie – wie die Veteranen des glücklosen Feldzugs von nun an genannt wurden – wisse, hätten die Sklaven in den Sümpfen ein festes Lager errichtet, sodass es für die Armee ein Leichtes sein müsse, sie aufzuspüren, zu vernichten und die Reste ihren Eigentümern zurückzugeben.
An dieser Stelle warf Gabriel Beale zum Ärger der Männer aus der vordersten Linie ein, dass es sich bei diesem sogenannten Lager auch um eine Finte handeln könne, und musste sich lautstark fragen lassen, ob er nicht zugehört habe: feste Hütten, Palisaden, Fischreusen, ein Arsenal und eine Kanone! Das spreche doch wohl für sich.
Er wolle nur geraten haben, den Fluss weiterhin im Auge zu behalten, sagte der Detektiv, da man sich über den Verbleib der Deep South noch immer nicht im Klaren sei. Man müsse sich auch in die Lage des Gegners versetzen, und dieser wisse so gut wie sie, dass ein fester und bekannt gewordener Stützpunkt im tiefen Süden auf die Dauer unhaltbar sei. Ihm wurde geantwortet, dass es sich immerhin nur um Nigger handele, deren geistige Fähigkeiten wohl kaum zu Überlegungen von solcher Komplexität hinreichten, und Beale fragte sich gerade, warum man ihn eigentlich hergebeten hatte, als General Willoughby sagte: »Ich denke, der Mann hat recht. Sie können auf Dauer nicht hierbleiben, sie müssen nach Norden. Und ich möchte Sie bitten, mein lieber Mr. Beale, herzlich bitten, für uns herauszufinden, wie sie das anstellen wollen.«
Die Männer aus der vordersten Linie sackten sichtlich in sich zusammen. Sie hatten gehofft, auf ihre Farmen und Plantagen zurückkehren zu können, und sahen nun mit Schrecken einem Wachdienst von unbegrenzter Dauer an Sumpf und Fluss entgegen. Aber Gabriel Beale beruhigte sie.
»Solange John Lafflin in Haft ist, können sie meiner Meinung nach überhaupt nichts tun, Gentlemen!«
Verlegenes Hüsteln vonseiten des Milizkommandeurs Henry Hunter weckte in dem Detektiv den massiven Verdacht, dass mit seiner Äußerung etwas nicht stimmte.
»Ich … Äh … Bedauerlicherweise habe ich von Police Officer Duggan die Mitteilung erhalten, dass John Lafflin vor zwei Tagen auf freien Fuß gesetzt wurde.«
»Wer zum Teufel hat das veranlasst?«, fuhr Willoughby ihn an.
»Andrew Jackson, Sir«, entgegnete Hunter und fügte auf das allgemeine Stirnrunzeln hin die notwendige Erklärung hinzu: »Jedenfalls wurde mir das berichtet.«
»Nun … nun, was soll’s?! Sie werden den Mann für uns wiederfinden, Mr. Beale«, versuchte der General, die endgültig am Boden liegende Moral durch seine Zuversicht noch einmal aufzurichten. »Und wir werden den Fluss abriegeln, Jungs. Von New Orleans bis Baton Rouge werden wir den Fluss so dicht machen, dass kein Katzenwels ungesehen durchkommt!«
In die entstehende, weniger begeisterte als erschöpfte Pause hinein räusperte sich Gabriel Beale vorsichtig und sagte: »Gentlemen, ich werde mein Bestes tun. Darf ich Sie diesmal jedoch um einen Vorschuss für meine Bemühungen bitten?!«
»Selbstverständlich«, mischte sich nun Desmond Bonneterre erstmals in das Strategiegespräch ein. »Wir haben großes Vertrauen zu Ihnen, Mr. Beale, und ich möchte Sie bitten, sich mit all Ihren Forderungen an mich persönlich zu wenden. Es wird mir ein Vergnügen sein, jeden Ihrer Ansprüche zu erfüllen!«
Das großherzige Angebot kam in dieser hauptsächlich knauserigen Runde so unerwartet, dass die Männer sich beinahe verständnislos ansahen. Dann jedoch löste es umso größere Erleichterung aus. »Hört, hört!«, rief jemand. Ein Zweiter klopfte mit den Handknöcheln Beifall neben seinem Frühstücksei, und niemand bemerkte in der allgemeinen Begeisterung das leichte Zögern, mit dem der Detektiv die ausgestreckte Hand des Erben Bonneterre entgegennahm.
»Vielen Dank, Sir«, sagte Beale. »Ich denke, ich werde Ihr Vertrauen in mich rechtfertigen können.«
104.
Gowers nahm das nächste Schiff nach Wellington, bedauerte aber beinahe sofort, die Strecke von hundertfünfzig Meilen nicht mit zwei guten Pferden in Angriff genommen zu haben. Der Weg zur und aus der Mündung des Wanganui River wurde ihm entsetzlich lang. Schon als der kleine Dampfer sich am Taupo Quay entlangkämpfte, hatte er es irgendwann aufgegeben, von Tempsky hinterherzuschauen.
Der Deutsche hatte ihm für alle Fälle einen Brief an McDonnell mitgegeben und ihn zum Pier begleitet. Sie hatten einander kurz die Hände geschüttelt, sich lakonisch zugenickt, verlegen auch zugewunken und an die Mützen getippt, sich dann eine Weile angesehen, die Stirn gerunzelt – und waren schließlich in Gelächter ausgebrochen, weil der Dampfer noch immer nicht außer Rufweite war. Gewisse Rituale von Freundschaft und Männlichkeit vertragen keine Ausdehnung über zwei, drei Minuten hinaus, und irgendwann hatte von Tempsky die Achseln gezuckt und sich umgedreht, um die arg retardierende Vorstellung abzubrechen, die sie einander gaben.
Es war ausgemacht, dass Gowers so bald wie möglich zurückkommen würde oder aber, für den Fall unvorhersehbarer Umstände, von Tempsky in seinem Haus auf der Coromandel Range aufsuchen sollte. Denn noch immer war keineswegs sicher, ob, wann und in welchem Umfang der Krieg tatsächlich stattfinden würde. Von Tempsky hatte außerdem das sichere Gefühl, dass »Fighting Mac« diesmal nicht nur den Ruhm, sondern auch die Taten für sich allein haben wollte. Untergeordnete Tätigkeiten aber würde er, Manu-Rau, nicht ausüben und in diesem Fall demissionieren. Dennoch hätte er gern gewusst, wie die Jagd des Investigators ausgehen würde.