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Gowers überschlug kurz diese Zeitangaben. Über Land wäre er auch nicht wesentlich früher auf der Otago-Halbinsel und in den Goldgräberlagern.

»Mein Schiff«, sagte er knapp und zählte das Geld für die Passage auf den Schreibtisch.

106.

Obwohl er sich in seinen schwachen Stunden gelegentlich mit beiden Händen zum eigenen Verstand gratulierte, war der Detektiv hinsichtlich seiner äußeren Erscheinung Realist. Zwar konnte er das vertrauenerweckendste Gesicht der Welt machen, das besorgteste, ehrlichste, seriöseste, war also ein nicht untalentierter Schauspieler, aber die Rolle des ersten Liebhabers war nicht seine und nie seine gewesen. Gabriel Beale konnte sich nicht erinnern, dass in seinem Leben auch nur eine einzige Frau mit ihm geschlafen hatte, weil sie ihn attraktiv fand. Stets musste er Geld ausgeben oder zumindest den Eindruck erwecken, welches zu besitzen. Im Drang seiner Jugend hatte er sich in den verrufenen Straßen New Yorks sogar gelegentlich als Polizist ausgegeben und gefallene Mädchen verhaftet, sie aber gegen entsprechende Dienstleistungen wieder laufen lassen. Die hatten ihn einige Male sogar von sich aus geküsst.

Umso überraschter war er, dass sich jetzt, in seinen mittleren Jahren, hier, in New Orleans, eine verhältnismäßig junge Frau offensichtlich in ihn verliebt hatte. Molly war erst wenig über dreißig, nicht schön, aber für seine Begriffe hübsch, nicht unberührt, aber auch nicht sonderlich erfahren, und das Vergnügen, das er ihr im Bett offensichtlich bereitete, beeinflusste sein Selbstbewusstsein in einem Maß, das weder seinem Alter noch seiner Intelligenz angemessen war. Sicher, sie hielt ihn für einen Professor aus Harvard, Jacob Files: Andrew Jackson und seine Zeit, aber sie fragte weder nach Geld noch nach einer gemeinsamen Zukunft, sondern genoss anscheinend ganz einfach das Zusammensein mit ihm.

Madame Clairborne war so amüsiert, dass sie ihrem feisten kleinen Besucher, dem die wissenschaftliche Redlichkeit aus allen Knopflöchern drang, manchmal fast laut ins Gesicht gelacht hätte. Jean hatte ihr gesagt, dass man ihm nachspüren würde, aber sie hatte eher mit martialischen Verfolgern gerechnet, bärbeißigen Fragen, unterschwelligen Drohungen, vorgehaltenen Waffen. Dieser Kerl war zum Schießen, seine Fragen nach dem Krieg von 1815, der Schlacht von New Orleans, General Jackson, Gouverneur Clairborne und Barataria beinahe rührend, und sie genoss das Schauspiel, das er ihr bot, volle zwei Kannen Tee hindurch, ehe sie ihn durch ihr Dienstmädchen hinausexpedieren ließ. Selbstverständlich hatte sie nichts gesagt, aber durchblicken lassen, dass sie Verschiedenes wisse, freute sich bereits auf ein weiteres Zusammentreffen mit Professor Files, um noch weniger zu sagen und noch mehr durchblicken zu lassen – und wunderte sich dann, dass sie den Mann nie wiedersah.

Beale hatte schon nach weniger als einer halben Stunde gemerkt, dass Madame Clairborne ihn durchschaut, dass John Lafflin, der auf ihre Initiative hin freigelassen worden war, sein Auftauchen in irgendeiner Weise angekündigt haben musste. Er wahrte jedoch den Schein, beschloss erbittert, in seinem Leben nie wieder Tee zu trinken, und hielt sich dann an das Mädchen der Lady.

Molly war während des gesamten Gesprächs im Zimmer geblieben, und das wies auf eine Vertrautheit mit den Angelegenheiten ihrer Herrin hin, die ihn leichter und sicherer zum Ziel bringen würde. Zu seiner Erleichterung trank sie lieber Bier als Tee und war schon nach einem einzigen Abendessen so zutraulich geworden, dass es den Detektiv, wie gesagt, fast ein wenig aus der Bahn warf.

»Jack! Jack!«, keuchte sie in sein Ohr, als er in ihr war, und ihre Leidenschaft wurde so zügellos, dass Gabriel Beale einige Sekunden brauchte, um zu begreifen, dass sie ihn meinte. Ihr Höhepunkt überschwemmte ihn bis zu den Knien, und für ein paar selige Augenblicke, in denen sie ihre Fingernägel in seine fleischigen Lenden bohrte, wünschte er, er wäre tatsächlich Jacob Files, Professor für amerikanische Geschichte. Dann verging auch ihm Hören und Sehen.

Während ihre Köpfe und die schamlosen Gedanken darin allmählich abkühlten und die köstliche, träge Zufriedenheit der Körper sich einstellte, fand der Detektiv wieder zu sich selbst und überlegte müde, milde, wie er Molly die Informationen entlocken könnte, die er brauchte. Sollte er direkt nach John Lafflin alias Jean Laffitte fragen? Oder diesen heiklen Punkt langsam einkreisen, indem er die Bekanntschaften und Besucher Madame Clairbornes abklopfte? Und wie sollte er seine Neugier im Einzelnen begründen?

Die Lösung seiner Probleme kam aus einer gänzlich unerwarteten Richtung, als das Mädchen sich dankbar und zärtlich an seine Seite kuschelte und seine Hoden in die Hand nahm.

»Wann fährst du zurück nach Boston?«, fragte sie.

Was zum Teufel soll ich in Boston?, dachte er, sich seiner Rolle als Harvardprofessor noch immer nicht wieder völlig bewusst. Nur dass eigentlich er derjenige sein wollte, der die Fragen stellte, war ihm klar. »Warum? Willst du mich schon loswerden?«

Sie lächelte, auch weil sie fühlte, dass sein Geschlechtsteil auf ihr sanftes Streicheln bereits wieder zu reagieren begann. »Nein«, sagte sie, »weil wir vielleicht zusammen fahren können!«

Beale verstand nicht und befürchtete, dass es nun doch eine gemeinsame Zukunft sein könnte, deren Androhung irgendwo in diesem Satz schlummerte. »Willst du kündigen?«, fragte er besorgt.

»Nein, aber Madame zieht für ein Jahr in den Norden. Nach Baltimore. Sie hat schon einen ganzen Eisenbahnwaggon für ihre Sachen gemietet.«

Der Detektiv zuckte ein wenig zusammen, aber Molly dachte, das läge daran, dass sich ihre Finger inzwischen um sein Glied geschlossen hatten, und bewegte ihre Hand langsam auf und ab, bis es nicht mehr hineinpasste. In Wirklichkeit waren es die Worte »in den Norden« und »Eisenbahnwaggon«, die Gabriel Beale elektrisierten.

»Baltimore und Boston liegen näher zusammen als Boston und New Orleans!« Sie rutschte an seinem schweißnassen Körper nach unten. »Wir können das also ein ganzes Jahr hindurch tun«, sagte sie noch, ehe ihr Mund ihre Hand ersetzte. Der Detektiv verschränkte die Arme hinter dem Kopf, und ein erschreckend seliges Lächeln trat auf sein Bulldoggengesicht.

»Sie wollen sie per Zug nach Norden bringen«, konnte Gabriel Beale seinen Auftraggebern nach nur zwei Tagen mitteilen. Glücklicherweise fragte niemand, wie er an diese Information gekommen war.

107.

Als das heroische Zeitalter der amerikanischen Eisenbahn betrachtet man heute die 1860er-Jahre und den Bau der transkontinentalen Bahnlinien. Erst sie haben den Westen erschlossen, Atlantik und Pazifik miteinander verbunden, die Vereinigten Staaten auch geografisch zusammengeführt. Erst jetzt wurden die großen Ingenieurleistungen vollbracht, die sagenhaften Vermögen verdient, wurden staatlich organisierter Landraub und Aktienschwindel in bisher nicht gekanntem Ausmaß betrieben.

Dass die Union oder Kansas Pacific, die Great Northern und die Atchison, Topeka & Santa Fe Railroad Companies an ein bereits gut ausgebautes Schienennetz östlich des Mississippi angeschlossen werden konnten, war jedoch eine Leistung der beiden vorangegangenen Jahrzehnte. Dutzende kleiner Eisenbahngesellschaften hatten vor allem im Norden Städte und Fabriken bereits so engmaschig miteinander verbunden, dass Fahrpläne erforderlich waren. Lediglich der Süden war in dieser Hinsicht noch unterentwickelt, betrachtete die Eisenbahn aber ohnehin nur als verkehrs-und transporttechnische Notlösung überall dort, wo es keine schiffbaren Flüsse gab.