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Nur eine einzige Bahnlinie führte beispielsweise im Jahr 1857 aus Louisiana heraus, von New Orleans nach Norden, zwischen Lake Pontchartrain und Lake Maurepas, den Tangipahoa hinauf bis nach Jackson/Mississippi. Hier teilte sich der Schienenstrang, führte nordwärts nach Memphis und östlich über die Jackson Prairie nach Meridian und weiter durch Alabama und Tennessee bis nach Virginia und schließlich nach Washington. Gabriel Beale kannte diese Strecke. Er war sie heruntergekommen, als General Willoughby ihn herbeitelegrafiert hatte, weil ihm der vieltausendfach befahrene Seeweg von New York nach New Orleans zu unsicher erschien.

In der Tat waren ihm Wasser und Wind unheimlich, und er bevorzugte die Dampfkraft, die Maschinen und alles, was Menschen produzierten, was Menschen taten. Das war sein Beruf. Auf seinem Weg in den Süden hatte er etwa einen allmählichen Wechsel im Charakter der Landesbewohner beobachtet: In den Alleghenies hatten die Bahnhofsvorsteher noch zuverlässig mit Trillerpfeifen und Signalkellen hantiert, aber schon in Tennessee hatten sie alle eine Hand in der Hosentasche, in Alabama meist sogar beide. Hatten die Herumlungerer am Bahnhof von Knoxville sich zumindest gelegentlich noch mit dem linken Fuß am rechten Schienbein gekratzt, so fehlten derlei Aktivitäten im Staat Mississippi nahezu völlig.

Es sah John Lafflin und der Frau, die man Moses nannte, sehr ähnlich, dass sie dreist genug waren, die gestohlenen Nigger quer durch die Südstaaten zu transportieren – vor allem diese Überlegung sorgte dafür, dass der Detektiv und seine Auftraggeber sich ihrer Sache sicher waren, als sie per Sonderzug und bis an die Zähne bewaffnet die Verfolgung der Flüchtigen aufnahmen.

Herauszufinden, was für einen Waggon Madame Clairborne gemietet hatte und wann er wohin abgefahren war, war sozusagen Routine. Telegramme an alle Bahnstationen bis nach Tuscaloosa hinauf würden den Transport aufhalten. Und schon in Pelahatchie/Mississippi wurden die Verfolger fündig. Der Sheriff des kleinen Orts hatte, durch die Telegramme alarmiert, den Waggon abkoppeln und auf dem einzigen Abstellgleis der Station stehen lassen. Aber zu mehr, als ihn eine Nacht hindurch von seinen zuverlässigsten Deputies bewachen zu lassen, reichten seine Befugnisse und sein Mut nicht aus, denn es war ein dicht geschlossener Viehwaggon, und die Botschaft aus New Orleans sprach davon, dass die Nigger darin möglicherweise bewaffnet waren. Sollten doch die Besitzer selbst durch die schmalen Ritzen ins Innere spähen!

Die Louisiana-Miliz, Regiment Denham Parish, traf, mit Ausnahme von gut einem Dutzend Wachen, die bei Baton Rouge den Fluss abriegelten, gegen Mittag in Pelahatchie ein. General Willoughby persönlich befehligte die vollständige Einkesselung des Waggons, die Attacke würde allerdings Henry Hunter anführen und sich so für die Katastrophe von Barataria rehabilitieren können. Dass die Flüchtigen auch diesmal eine Kanone bei sich hatten, war nicht zu befürchten.

»Ihr da drin«, rief Hunter mit seinem dröhnenden Bass, als alle Vorbereitungen abgeschlossen waren, »kommt freiwillig heraus, oder wir machen ein Sieb aus dem Wagen!«

Die Bevölkerung von Pelahatchie, in sicherer Entfernung hinter dem Stationsgebäude, nahm vor Erregung die Hände aus den Taschen, aber es geschah nur, was hier seit Jahren zuverlässig und immer wieder geschehen war: nichts.

»Wenn wir euch herausholen«, rief Hunter und betonte dieses Wort als besonders bedeutsam, »werden wir jeden dritten Mann aufhängen!«

Das nahm der Drohung mit dem Zersieben des Waggons zwar einiges an Glanz, versprach aber ein länger andauerndes Schauspiel zu werden, und auch die schläfrigsten Herumlungerer schoben jetzt ihre Hüte aus den Augen und kratzten sich mit dem linken Fuß am rechten Schienbein.

»Wir schießen in einer Minute«, brüllte Hunter nach einer Minute in die unerträgliche, brütende Stille des Pelahatchie-Mittags. Aber noch immer erfolgte kein Anzeichen für eine bevorstehende Kapitulation des Waggons.

Gabriel Beale, der sich neben General Willoughby und dem immer noch einen Arm in der Schlinge tragenden Desmond Bonneterre im Inneren des Stationsgebäudes aufhielt, versuchte einzuwenden, dass ein allgemeines Eröffnen des Feuers bei einer im Kreis angeordneten Truppe nicht ohne Risiko sei, aber da teilte Hunter seine Männer schon in entsprechende Schützengruppen ein. Nach einer weiteren letzten Warnung schlug schließlich fünf Minuten lang Salve auf Salve im Holz des Waggons ein, und die unglaubliche Präzision der Schützen, der ohrenbetäubende Lärm, die umherfliegenden Splitter und die entstehenden Löcher machten die Schlacht von Pelahatchie in der Tat zu einer sehenswerten Sache, über die in der Gegend noch lange geredet wurde. Nur irgendein Gegner zeigte und zeigte sich nicht.

Mit dem Mut der Verzweiflung und einer breiten Zimmermannsaxt schlug der tapfere Kommandeur, gedeckt von den Gewehren seiner Männer, schließlich eine Bresche in den bereits weitgehend demolierten Waggon, steckte seinen Kopf hinein – und befahl dann sehr ungehalten, die Kampfhandlungen einzustellen. Der Wagen war leer. Kein Vieh, keine Nigger, nicht einmal irgendwelche Möbel oder sonstiges Hab und Gut einer umzugswilligen alten Dame. Die Männer rangen mühsam um Fassung. Nur die Einwohner von Pelahatchie grinsten einander so fröhlich an, als hätten sie’s gleich gesagt.

»Sie sind entlassen, Mr. Beale«, zischte General Willoughby, weiß um die Nase angesichts dieser neuerlichen Blamage. Dann brachte er sich halb um bei dem Versuch, in seinem Rollstuhl ohne fremde Hilfe das Bahnhofsgebäude zu verlassen. Bonneterre sah ihm mit zunehmender Erheiterung hinterher. Dann wandte er sich tröstend an den brüskierten Detektiv.

»Im Gegenteil, Sir: Sie sind engagiert!«

»Ich verstehe nicht«, murmelte Gabriel Beale und runzelte die Stirn.

»Ich engagiere Sie, Mr. Beale. Ich biete Ihnen eine feste Anstellung. « Der junge Mann sagte das so amüsiert, begeistert von seiner eigenen Idee, dass der Detektiv es noch immer für einen Scherz hielt.

»Wie meinen Sie das, Sir?«, fragte er vorsichtig.

»Ich meine damit«, antwortete Bonneterre, in dessen Stimme nun allmählich eine unstillbare Rachsucht durchklang, »dass mir diese Nigger von vornherein ziemlich egal waren. Ich scheiße auf dreißig Nigger mehr oder weniger. Ich will die Leute kriegen, die sie uns weggeschnappt haben.« Und als Beale noch immer nicht reagierte, fügte er hinzu: »Ich meine: Wir wissen nicht, wie, aber wir wissen doch, wer ihnen geholfen hat: Lafflin, Gowers, Moses!«

Der Detektiv hatte jetzt verstanden und nickte, aber es war noch immer eine andere Frage, die er in seinem schweren Kopf bewegte: Wo waren Lafflin, Gowers und Moses in diesem Augenblick?

108.

Nahezu alle kolonialen Katastrophen des 19. Jahrhunderts, Kriege, Epidemien, Massaker, gingen auf das Unvermögen der Europäer zurück, die Denk-und Handlungsmuster der jeweiligen Ureinwohner auch nur ansatzweise zu verstehen oder verstehen zu wollen. Jenseits aller persönlichen, politischen, religiösen oder kulturellen Borniertheit, mit der die Weißen in ihren Schulen, Kirchen und sonstigen Institutionen vollgestopft wurden, war die Ursache dieses Unvermögens jedoch ihre eigene Ohnmacht gegenüber dem System, das sie geschaffen und perfektioniert hatten. Für den globalen Kapitalismus, dem sie sich so besinnungslos unterwarfen, als sei er ein Naturgesetz, war eine Kolonie nichts weiter als Rohstofflieferant oder Markt, günstigenfalls auch beides.