Formen des menschlichen Zusammenlebens, die nicht um den Nukleus des Kapitalismus – den Privatbesitz – herumgruppiert sind, waren für die Europäer nicht nur unbegreiflich, sondern so unvorstellbar wie eine Welt ohne Gravitation. Im Gegenzug war es für viele der kolonisierten Völker schlicht eine Form von Geisteskrankheit, wenn jemand mehr Land besaß, als er bearbeiten konnte, und sie betrachteten es als Irrsinn, andere am Gebrauch von Gegenständen oder der Nutzung von Gütern zu hindern, die man selbst gerade weder brauchte noch benutzte. Immer wieder waren es darum Fragen der Eigentumsverhältnisse, an denen sich die Katastrophen entzündeten, wobei stets die Weißen die Konflikte verursachten, schürten und durch sie zu profitieren verstanden.
Denn sie verweigerten den Eingeborenen ganz einfach die Gerechtigkeit, die sie ihnen doch zu bringen vorgaben. Es war schwer einzusehen, warum ein Zaun, eine Kette, eine verschlossene Tür ein geschütztes Heiligtum sein sollte, wenn sie den Besitz eines einzelnen Weißen um-und einschloss, während der Besitz eines ganzen Stammes, von Generation zu Generation weitergegeben, offiziell als herrenlos galt. Nichts anderes aber hatte der Native Land Court 1865 beschlossen – und zu keinem anderen Zweck war er eingerichtet worden; wodurch erstaunlich offensichtlich wird, dass der Kapitalismus, also der ungehemmte Erwerb von Privatbesitz, just auf dem Umstand basiert, den seine willfährigen Gesetzgeber, Gesetzeshüter und Rechtsprecher noch heute härter verurteilen und verfolgen als jede Körperverletzung: auf dem Diebstahl.
Von derlei Zusammenhängen wussten David Cahill, Thomas Squires und William Clarke wenig, als sie am 9. Juni 1868 den Waingongoro aufwärts wanderten, um Holz zu schlagen und zurechtzusägen. Alle drei waren sogenannte militärische Siedler, also Veteranen, denen man ein paar kleine Parzellen des Landes schenkte, das sie für den globalen Kapitalismus erobert hatten. Schon Julius Caesar hatte auf diese einfache Weise unterworfene Länder seinem Imperium einverleibt.
Der Waingongoro war ein nicht allzu breiter, aber sehr reißender Fluss, der von den Osthängen des Taranaki durch den nahezu weglosen Urwald von Ahipaia herunterströmte. Ohne Zwischenfall erreichten die Männer, die nur mit Äxten und einer zweieinhalb Meter langen Schrotsäge bewaffnet waren, eine Lichtung namens Te Rauna, zu der sie schon seit einem halben Jahr immer wieder gekommen waren, um ihren Landanspruch durch harte Arbeit zu untermauern. Die Ngaruahine, deren Eigentum dieses Gebiet seit achthundert Jahren gewesen war, hatten sie nie behelligt. Sie glaubten sich auch durch das nur wenige Meilen weiter südlich gelegene ständige Militärlager Camp Waihi, den äußersten Vorposten der Pakeha, ausreichend geschützt.
Verschiedene große, zum Teil dreihundert Jahre alte Bäume hatten sie bereits vor Monaten gefällt, und die Jahreszeit, der regenärmere Frühherbst, hatte die Stämme so weit getrocknet, dass sie jetzt bearbeitet werden konnten. Es war die mühseligste Arbeit beim Roden; die schweren Stämme mussten auf hölzernen Rollen oder Kufen über eine rasch ausgehobene Grube geschleppt werden, wo sie zersägt wurden. Selbst zu dritt bekamen sie manchen Stamm kaum von der Stelle, und das Ganze war genau die Sorte Anstrengung, die einem Mann das Kreuz brechen konnte. Sie hatten den ersten Stamm gerade über die Grube gehievt, Cahill und Squires begannen zu sägen, Clarke ging zum Waldrand, um ein paar kleinere Bäume zu fällen und zu Rollen zurechtzuschlagen …
Der erste Schuss traf niemanden. Die Männer unterbrachen nur ihre Arbeit und schauten auf, und vielleicht war gerade das die Absicht der Angreifer gewesen. Die darauffolgende Gewehrsalve warf Cahill tödlich und Squires schwer verwundet zu Boden, und Clarke, der sie fallen sah, wusste, dass er um sein Leben laufen musste. Aber alle Schnelligkeit nützte ihm nichts, denn acht oder neun Krieger der Ngaruahine schwärmten bereits mit wilden Schreien auf der Lichtung aus, und eine Kugel durchschlug Clarkes Arm, drang in seine Brust ein und durchbohrte sein Herz. Die beiden anderen Männer starben weniger leicht. Haowhenua, der fast siebzigjährige Anführer der kleinen Taua oder Kriegsabteilung, nahm den schweren Holzhammer auf, mit dem die Pakeha den Baumstamm verkeilt hatten, und zerschlug ihnen damit Schädel und Rückgrat.
Drei Tage später, das spurlose Verschwinden der Holzfäller und ihrer Leichen hatte Camp Waihi bereits in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt, stellte Tom Smith, Mitglied der berittenen Konstabler, fest, dass sein Pferd sich in der Nacht auf wundersame Weise vom Pflock befreit hatte und nun irgendwo im Wald herumstreunte. Er hörte es wiehern. Entgegen allen Befehlen ging er allein in den Wald, um es zu suchen – und wurde dann am frühen Abend selbst dort gefunden. Allerdings konnte er nur noch anhand einer charakteristischen Verkrümmung seiner großen Zehe identifiziert werden, denn sein Oberkörper war abgetrennt worden und blieb verschwunden. Kurze Zeit später erreichte ein Brief die Siedlungen der Pakeha, dessen einfache Botschaft noch im fernen England gehört wurde und für Entsetzen in allen zivilisierten Ländern sorgte.
Reist nicht über die Straßen, befahrt nicht die Flüsse, bleibt fort aus den Wäldern, wenn ihr nicht Nahrung für die Vögel in der Luft und die Tiere auf dem Feld oder für mich werden wollt. Denn ich, Riwha Titokowaru, Häuptling der Ngaruahine vom Stamm der Ngati Ruanui, habe begonnen, das Fleisch der weißen Männer zu essen. Ich habe es ohne Widerwillen gegessen. Es wurde in einem Topf gekocht, und auch meine Frauen und Kinder aßen davon. Mein Rachen ist weit offen, um auch weiterhin Menschenfleisch zu essen, bei Tag und bei Nacht. Ich werde euch töten, wo ich euch finde, und euer Fleisch essen, um zu leben. Ich werde leben! Und wenn der Tod selbst getötet wird, werde ich leben!
Titokowaru kannte die Weißen gut genug, um zu wissen, dass er damit den innersten Kern all ihrer Ängste treffen würde. Nicht mehr politischer oder zumindest militärischer Gegner, sondern nur noch etwas zu essen zu sein hat ja auch zweifellos etwas schwer Erträgliches. Das Jahr der Töchter und des Lammes war vorüber.
Teil vier
109.
Die Nachricht, dass weiße Männer getötet und verspeist worden waren, erreichte Wanganui Town am 10. Juni 1868, und damit hatte »Fighting Mac« McDonnell endlich den Krieg, auf den er seit sechs Monaten wartete. Es war wie ein Dammbruch, der all die lange aufgestauten Energien des ungewöhnlichen Mannes freisetzte.
Am Morgen des 11. war er in Camp Waihi, um sich persönlich über den ungeheuren Vorgang zu informieren, aber einen Tag später schon wieder in Wanganui; ein Wahnsinnsritt von hundertfünfzig Meilen in achtundvierzig Stunden. Am 14. traf er per Schiff in Wellington ein, im Handgepäck das Gerücht, dass Titokowaru mit zweihundert wilden Maorikriegern die gesamte Taranaki-Region wüst lege. Am 15. brachten die Zeitungen entsprechend stark verfälschte Berichte, und am 16. setzte in den weißen Städten und Siedlungen des Südens eine wahre Flut von Eheschließungen ein.
Frauen jeden Alters und aller Konstitutionen, jedweden Leumunds, selbst dreizehnjährige Mädchen und in Ehren ergraute Witwen sahen sich plötzlich den erotischen und finanziellen Lockungen stattlicher junger Herren ausgesetzt. Denn obwohl eine sinnreiche und noch immer nachdenkenswerte Verordnung über das Einberufungswesen festsetzte, dass die Dienstpflicht eines Mannes fünfundzwanzig Meilen jenseits seines Heimatorts automatisch endete, wurden doch bevorzugt die unverheirateten Herren der Schöpfung zur Miliz eingezogen; was jetzt auch die eingefleischtesten Junggesellen veranlasste, ihre Positionen hinsichtlich des Ehestands neu zu definieren.
Eine Vereinigung sitzen gebliebener alter Jungfern hätte also nichts Sinnvolleres tun können, als irgendwo einen Krieg anzuzetteln, um dem bärtigen Teil der Bevölkerung Beine beziehungsweise Freiersfüße zu machen. Es gab in der Männergesellschaft der jungen Kolonie aber ohnehin nur relativ wenig unverheiratete Frauen, und so hatte McDonnell am Ende des Monats rund zweitausend Mann, Konstabler, Milizen und Freiwilligenregimenter wie die Wellington Rifles, unter Waffen – gegen die maximal sechzig Krieger, die dem Häuptling der Ngaruahine in die offene Rebellion gefolgt waren.