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Zwar bedurfte gut die Hälfte seiner Soldaten noch einer gründlichen Ausbildung, zwar mussten die Kupapa, die mit den Weißen verbündeten Maorikämpfer, noch rekrutiert werden, aber McDonnell konnte immerhin mit Nachschub an Männern und Material sicher rechnen und befahl Anfang Juli die Anabasis der Patea Field Force auf die Waimate Plains und nach Camp Waihi. Der Aufmarsch seiner Truppen vollzog sich jedoch nur langsam, da er kleine Garnisonen in jedes Dorf, jedes Fort auf seinem Weg legen ließ.

James Fagan oder Bradley, wie er sich selbst bereits manchmal nannte, hatte geglaubt, seine Versetzung zu von Tempskys Truppe sei eine vorübergehende Schikane aufgrund seiner Desertion. Obwohl weder lange noch gern Soldat, hatte er anfangs sogar ein widerwilliges Verständnis für diese Maßnahme gehabt. Er hatte Mist gebaut und musste nun eben eine Weile in die Schule des härtesten Hundes gehen, den es in den neuseeländischen Streitkräften gab. Er ertrug das, wie schlechte Soldaten und schlechte Schüler vergleichbare Situationen immer ertragen haben und ertragen werden: wie ein Gewitter, das irgendwann vorüber sein wird, wenn man den Kopf lange und tief genug einzieht.

Er versuchte sogar, durch Dienstbeflissenheit und peinlich genaue Befolgung aller Befehle wenn schon nicht das Wohlwollen, so doch die Gleichgültigkeit seines Vorgesetzten zu erringen. Aber von Tempsky war unnachgiebig. Seine eigenen Männer wunderten sich bereits, warum er den Jungen derart auf dem Kieker hatte. Dann aber nahmen sie die Sündenbockrolle des Rekruten Bradley dankbar in ihre eigenen Verhaltensmuster auf.

Von Tempsky konnte den Mann nicht leiden? Dann sollte man sich möglichst nicht neben den Mann stellen. Eine Proviantkiste war verschwunden? Hat die nicht Bradley getragen?! Eine Brotration war verschimmelt? Bradley hat sie im Regen liegen lassen. Bradley konnte tun, was er wollte – es war jedes Mal falsch, und allmählich bekamen seine Augen den Ausdruck eines gehetzten Kaninchens, das kein Loch mehr findet. James Fagan wäre jetzt gerne desertiert und dabei sogar größere Risiken eingegangen als beim ersten Mal, hätte es vielleicht sogar alleine versucht; aber seine Angst vor dem Land, durch das sie marschierten, war immer ein bisschen größer als die vor seinem Vorgesetzten und seinen Kameraden.

Sie bewegten sich auf einem manchmal nur wenige Meilen breiten Streifen offenen Geländes zwischen der rauen, regengepeitschten See und dem düsteren schwarzen Rand eines unheimlichen Waldes, der seine Feindschaft gegen Säge, Hacke und Pflug in schweren, lastenden Nebelschwaden auszuschwitzen schien. In diesem Wald steckten wilde Menschen, blutrünstige Ungeheuer, die jeden Weißen, der sich auch nur in den Schatten der Bäume wagte, auffressen würden. Die Botschaft in Titokowarus Brief war auch bei den einfachen Soldaten angekommen und wurde durch ständiges Nach-und Neuerzählen in den Zelten der Patea Field Force nicht weniger Furcht einflößend.

Und so schlotterten Männer wie James Fagan vor Angst, wenn sie dem Wald von Ahipaia auf dem täglichen Gang zu Balken und Graben auch nur nahe kamen. Für den Mörder stellte sich dabei jedoch irgendwann eine andere, beinahe beruhigende Überlegung ein: Sosehr ihn die Schikanen und die Nähe zu seinem Vorgesetzten auch quälten – wenn ein Mann den Weg durch diese Hölle kannte, wenn einer dem Teufel von der Schippe und den Kannibalen aus dem Kochtopf sprang, dann würde es der gefürchtete Manu-Rau, würde es wohl Gustav Ferdinand von Tempsky sein. Insofern war es natürlich von Vorteil, immer an seiner Seite zu sein.

110.

Die Rifleman war eine dreimastige Schonerbark mit Gaffel-und Gaffeltoppsegeln an Groß- und Besanmast, während der Fockmast rahgetakelt war. Sie vereinte damit die Vorteile der beiden Schiffstypen, war also einerseits schnell und andererseits für große Lasten gebaut und auch von einer relativ kleinen Besatzung leicht zu handhaben. Gowers fühlte sich auf dem Schiff an seine Zeit bei der Handelsmarine und seine Fahrten in die Karibik erinnert.

Die See indes hatte nichts südlich Mildes mehr, ging kalt und rau, je näher sie dem vierundvierzigsten Breitengrad kamen. Zwar schoben die Roaring Forties sie mit Gewalt in die richtige Richtung, nach Südost, und schon anderthalb Tage nach dem Auslaufen von Wellington wurden sie praktisch in die weite Petre Bay von Chatham Island hineingedrückt. Aber Gowers war Seemann genug, um zu wissen, dass der Rückweg nach Dunedin, nach Otago und zur Südinsel und das Kreuzen gegen diesen mächtigen Wind umso länger dauern würden.

Ein kalter Nieselregen durchdrang mit gefühlloser Allmählichkeit Segel, Taue und Kleidung. Erst auf der Haut bildete er wirkliche Tropfen, die aber dann an Rückgrat und Beinen hinunter bis in die Stiefel rannen. Es war Freitag, der 3. Juli und der Höhepunkt des südlichen Winters, als sie Tikitiki Point passierten und in die Bucht von Waitangi einliefen, wo die kleine Ketch Florence bereits vor Anker lag.

Das größere und das kleinere Schiff! Und die Wolken waren vom Himmel gestiegen, man atmete ihre feinen Tropfen ein. Die Hütten der Whakarau in der Otea-Niederung, nichts als schäbige Konstruktionen aus Baumfarn und Flachs, wurden so feucht, als würden sie schwitzen. Der Samstagmorgen fand die Gefangenen dennoch aufgekratzt und betriebsam, denn alle erinnerten sich an die Zeichen, die Te Kooti ihnen zwei Monate zuvor angekündigt hatte.

Anne Smith, die Frau des Landvermessers Percy Smith, der gerade auf Chatham beschäftigt war, bekam schon am frühen Samstagmorgen unerwarteten Besuch. Es war Kuare, ein junger Gefangener, der vor einigen Wochen für sie gearbeitet hatte. Damals hatte er nicht den Lohn verlangt, der, so klein er auch war, den Whakarau zustand. Er könne sich ohnehin nichts davon kaufen, hatte er gesagt; nun wollte er plötzlich doch sein Geld, und Anne zahlte ihn aus, ohne sich etwas dabei zu denken. Auch als sein Schwager Ohe, der ihr einmal mit der Wäsche geholfen hatte, kurze Zeit später auftauchte und sie um die Bezahlung seiner Dienste bat, schöpfte sie keinen Verdacht. Aber dann kam ein dritter Mann, der alte Tawake, der ihr gelegentlich Milch verkauft hatte, und bestand auf dem Ausgleich seiner Rechnung, die am Monatsende fällig gewesen war.

Anne, die inzwischen kein Bargeld mehr im Haus hatte, vertröstete ihn und sah dann zu ihrer Verblüffung, dass der alte Mann trotz seiner tiefen Betrübnis nach Otea zurückrannte, so schnell es einem schwindsüchtigen Fünfzigjährigen nur möglich war. Etwas musste im Gange sein, dachte sie, dass plötzlich alle ihr Geld haben wollten. Vielleicht war ein Versorgungsschiff eingetroffen, und es gab wieder etwas, das sie kaufen konnten.

Der Regen fiel jetzt schwer und so dicht aus dem grauen Himmel, dass sein Aufschlagen auf den Decksplanken klang wie in der Pfanne prasselndes Fett. Gowers hatte am frühen Morgen nur einen kurzen Blick auf die trostlose Insel geworfen und sich dann wieder unter Deck begeben, wo er so viel wie möglich von den trommelnden Regengüssen zu verschlafen versuchte.

Er war der einzige Passagier an Bord und hatte es nicht nötig, sich beim Entladen des Versorgungsschiffs so nass regnen zu lassen wie der Kapitän und die sechs Männer der Besatzung. Ein unaufschiebbares Bedürfnis trieb ihn am frühen Nachmittag nach oben, und während er es erledigte, sah er, dass zwei Boote mit Maori zwischen der Rifleman und dem rauen Kiesstrand der Waitangi Bay pendelten, um Lebensmittel, landwirtschaftliche Geräte und Handelsgut an Land zu schaffen.

In diesem Moment wurde am Fahnenmast des Gefangenenlagers über den dunklen Hütten eine seltsame Flagge aufgezogen: weiß, mit einem roten Saum, einem aufgestickten roten Kreuz und den Buchstaben WI. An Deck entstand daraufhin ein fröhlicher Lärm. Er hörte Frauenstimmen durch den niederrauschenden Regen und beschloss, sich das Treiben aus der Nähe anzusehen.