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Im Süden, zwei Meilen entfernt, wo das Schwemmland so fest geworden war, dass die Mangroven zu einem mehrere Meter hohen Wald heranwachsen konnten, hörten sie die Brandung der Karibischen See leiser werden, als die Ebbe das Wasser in den Golf von Mexiko hinauszog, und der junge Mann dachte jetzt nur noch daran, dass er nun fast drei Stunden würde schlafen können. John Gowers hatte seit zwei Tagen nicht mehr geschlafen; seit die Deep South oberhalb von Port Sulphur den eigentlichen Fluss verlassen hatte und in das riesige Mündungsgebiet eingedrungen war.

Er wusste, dass er das offene Wasser der großen Buchten meiden musste, denn der Raddampfer, also eigentlich nur ein Floß mit Aufbauten, wäre in Seegang und Wind so hilflos wie eine Hutschachtel und würde bei der ersten Gelegenheit kentern. Immer wieder suchte er deshalb den Schutz niedriger kleiner Inseln und tastete sich an endlosen Schlammbänken entlang, ständig in der zweiten großen Gefahr: stecken zu bleiben und nicht mehr vor-und zurückzukönnen. Glücklicherweise war nur wenigen Leuten an Bord wirklich klar, welches Risiko ihr Lotse einging, gerade weil bisher alles glimpflich verlaufen war.

Klempnerarbeit, dachte er manchmal zynisch. Wenn man alles richtig macht, merkt es kein Mensch. Aber macht man nur einen einzigen Fehler, ist alles voller Scheiße!

John Lafflin weckte ihn eine halbe Stunde vor Einsetzen der Flut mit einem beinahe zärtlichen Griff an die Schulter, und nach einer Tasse starken Kaffees legte Mr. Phineas Dampf vor. Die Mark ierun – gen an den ausgesteckten Stangen waren jetzt nicht mehr zu sehen und der schmale Kanal wieder passierbar. Dennoch kam es dem Lotsen manchmal so vor, als würde er den weichen Schlick an den Hüften spüren, so eng ging es zu. Nur eine Stunde später hatten sie die ausgekundschaftete Strecke hinter sich, und das gleiche mühsame, gefährliche Spiel begann von Neuem. Die Stangen, von Jason und Gringoire im Kielwasser eingesammelt, wurden in zäher Handarbeit erneut ausgebracht, und nach einem weiteren Gezeitenwechsel hatten sie den Little Lake und den natürlichen Kanal zur Timbalier Bay erreicht.

Der Weg durch die weite Bucht war weniger schwierig, aber dafür umso gefährlicher. Die hier praktisch offene See, eine einzige größere Welle konnte sie jederzeit umwerfen und ersäufen, und John, so dicht wie möglich am ausgefransten Rand des amerikanischen Kontinents entlangkriechend, war froh, als sie am nächsten Morgen die Bay Sainte Elaine und die relative Sicherheit der Sumpfgewässer wieder erreicht hatten. Hier kannte er sich halbwegs aus, seit er drei Jahre zuvor unverzollte Waren nach Morgan City und den Atchafalaya River hinaufgeschmuggelt hatte.

Dieser Fluss, an der Westseite des großen Sumpfs, war sein Ziel. Er würde ihn nach Norden bringen, bei Simmesport in den Red River und von dort wieder auf den Mississippi; fünfzig Meilen oberhalb von Baton Rouge und allen Postenketten, die ihre Verfolger ausgestellt haben mochten.

113.

Es war einer der erfolgreichsten Gefangenenausbrüche aller Zeiten: Hundertdreiundsechzig Männer, vierundsechzig Frauen und einundsiebzig Kinder gingen schließlich an Bord der Rifleman. Sie nahmen deren gesamtes Frachtgut mit sich, dazu vierhundert Pfund Bargeld aus dem Safe der Garnison, einunddreißig Gewehre, fünf Revolver, an die zehntausend Schuss Munition, außerdem Äxte, Messer, verschiedene Werkzeuge, Eimer als Transportbehälter sowie eine gehörige Menge Wein und Tabak. Auch die Ladung Schweine, die die Ketch Florence gebracht hatte, wurde selbstverständlich von den Aufständischen übernommen. Dann durchschnitt man ihr Ankertau und ließ das kleine Schiff auf den Klippen zerschellen, um eine Verfolgung zu verhindern.

Nur vier der Maorigefangenen blieben auf eigenen Wunsch zurück, unter ihnen der alte Keke, der die weitere Inhaftierung auf Chatham der Fahrt auf einem von Te Kooti Arikirangi kommandierten Schiff vorzog und das auch jedem sagte, der es hören wollte. Te Warihi, der Onkel des Propheten und der Mann, der behauptet hatte, sie könnten keine Steine essen, war weniger klug.

Da der Kapitän der Rifleman sich kategorisch weigerte, das Schiff in die Poverty Bay, also zur neuseeländischen Nordinsel und zum Ziel der Ausbrecher zu bringen, wurde er an Land gesetzt, und Te Kooti selbst übernahm das Steuer. Die weißen Seeleute gehorchten notgedrungen seinen Befehlen, setzten die Segel, und am Abend des vierten Juli machte das Schiff einen ersten Versuch gegen den heftigen westlichen Wind.

Captain Thomas und seine Konstabler, inzwischen befreit von einem der weißen Siedler, die die Geschehnisse aus sicherer Entfernung beobachtet hatten, sahen den Schoner in der Mündung des Hafens wenig durchdacht hin und her kreuzen. Sie hätten ihm mit den wenigen verbliebenen Waffen gern eine Salve hinterhergejagt, aber erstens wäre das auf diese Entfernung nicht mehr als ein symbolischer Akt gewesen, und zweitens hatten sie inzwischen Michael Hartnetts übel zugerichtete Leiche gefunden. Das Schiff war wesentlich besser bewaffnet als die Garnison, und die Whakarau zu reizen hätte sich, wenn es gelänge, womöglich als verhängnisvoll erwiesen. Man gratulierte sich lieber dazu, mit heiler Haut davongekommen zu sein. Der Rest war Sache der Regierung.

Am Sonntagmorgen war die Rifleman noch immer in der Bucht von Waitangi, kreuzte immer wieder, blieb auch den ganzen Tag in Sicht und gewann den stürmischen Gegenwinden ihren Weg nach Nordwesten nur Meter um Meter ab. Selbst in der Dämmerung waren ihre Segel gegen den dunklen Horizont der Petre Bay noch deutlich zu erkennen. Das Schiff rollte, schlingerte, stampfte zum Gotterbarmen in der rauen See, den unberechenbaren Wellen, die scheinbar von allen Seiten darauf einschlugen. An Deck herrschte ein infernalisches Gekotze, und die am Vortag so sehr düpierten Seeleute grinsten angesichts der sich überall zusammenkrümmenden wilden Maorikrieger und der Frauen, die ihre Zungen nun aus ganz anderen Gründen und wenig verführerisch herausstreckten. Gott machte es seinem auserwählten Volk und seinem Propheten nicht leicht!

Te Kooti hatte die weiße Crew im Verdacht, ihre Fahrt absichtlich zu sabotieren, und wollte die Männer schon unter Deck schicken. Es war John Gowers, der ihm klarmachte, dass dies so nahe an den westlichen Riffen am Ausgang der Petre Bay tödlich für das Schiff und die über dreihundert Menschen an Bord sein würde. Dann übernahm der Investigator das Ruder, brüllte die immer noch feixende Mannschaft in einer Lautstärke zusammen, die die Roaring Forties zeitweise übertönte, und steuerte die Rifleman um Somes Point herum endlich in die offene See.

Als das Land außer Sicht war, verloren die Whakarau praktisch jedes Gefühl dafür, wo sie sich befanden. Selbst Te Kooti und ein Dutzend anderer Männer, die Erfahrung in der Küstenschifffahrt hatten, hätten nicht einmal die Himmelsrichtung angeben können, in der sie sich bewegten, denn die Sonne zeigte sich nicht an dem rattengrauen Tag, der dem Sturm folgte, und die Nacht war ohne Sterne. Gowers, dem Wind und Strömung eine ungefähre Orientierung gaben, hatte das Ruder in der Hand behalten und einen Nordwestkurs gesteuert, ohne zu wissen, wohin die Fahrt eigentlich gehen sollte. Mehrfach hatte er an diesem dritten Morgen nach Ablösung verlangt, aber als Te Kooti endlich auf ihn zukam, sah er, dass der Anführer der Flüchtlinge in Verlegenheit war.

»Kann ich Sie sprechen, Mr. Gowers?«

»Gerne«, antwortete Gowers, gereizt durch Schlafmangel und Erschöpfung. »Aber irgendwer wird dieses Schiff steuern müssen, Sir!«

»Maat«, befahl Te Kooti, und John Payne, der Steuermannsmaat der Rifleman, übernahm das Ruder.