»Recht so, wie’s geht«, sagte Gowers bestimmt, und Payne, der genau wie der Rest der Crew inzwischen gemerkt hatte, dass dieser sonderbare Passagier ein geübter Seemann war, antwortete ebenso selbstverständlich: »Aye, Sir!«
Unter Deck, in der Kapitänskajüte, die Te Kooti gemeinsam mit vier anderen Rädelsführern bewohnte, waren alle Seekarten ausgebreitet, die die Küsten Neuseelands zeigten, und der Prophet hatte den Punkt markiert, an den er gelangen wollte: Whareongaonga Beach, in der Poverty Bay, einen steinigen kleinen Strand, fast ganz eingeschlossen von zerklüfteten, bewaldeten Hügeln, eine gut verborgene, sowohl von Land als auch von See her nur schwer einsehbare Fischerbucht.
»Können Sie uns zu dieser Stelle bringen, Mr. Gowers?«
Te Kooti hatte lange über den Mann nachgedacht, den Gott ihm gesandt hatte, um die Whakarau sicher über das Meer zu führen. Es wurde ihm offenbart, als Gowers im Sturm aus freien Stücken das Steuer übernommen hatte, und war immer klarer und klarer geworden, als er den Mann dort zwei Nächte und einen Tag lang stehen sah, ruhig und fest, wie verwachsen mit Schiff und Ruder, nichts verlangend als jemanden, der regelmäßig seine Pfeife stopfte und in Brand setzte. Das hatte, auf einen Wink ihres Mannes, Maata Te Owai getan, obwohl der bei-ßende, schwere Rauch ihren geschwächten Eingeweiden nicht guttat. Schließlich war sie zu Füßen des unermüdlichen Steuermanns eingeschlafen und erwachte nur, wenn die Pfeife erloschen war und Gowers sie daraufhin jedes Mal leicht mit dem Fuß anstieß.
Der Prophet hatte überlegt, wie er den Amerikaner dazu bringen könnte, ihr Navigator zu sein. Er hatte an die vierhundert Pfund gedacht, die er ihm für seine Dienste anbieten könnte, Drohungen und Geschenke erwogen und endlich beschlossen, ihm seinen göttlichen Auftrag zu offenbaren. Aber ehe er auch nur eines dieser Dinge ansprechen konnte, sagte Gowers, nach einem kurzen Blick auf die Karten, schlicht: »Ja.«
Hatte Gott auch zu ihm gesprochen?
Nachdem er die Versetzung durch Seegang und Sturm überschlagen, den Schiffsort durch Koppeln halbwegs ermittelt und einen entsprechenden Kurs abgesetzt hatte, schlief Gowers einige Stunden lang, ehe er wieder das Deck betrat. Was Te Kooti den Whakarau in dieser Zeit über ihn gesagt hatte, wusste er nicht, aber er traf nun überall auf strahlende, freundliche Gesichter, und die Kinder folgten ihm lachend, wenn auch in schüchterner Entfernung, auf seinem Weg nach achtern.
»Sir«, flüsterte der Steuermannsmaat, als er Gowers mit den üblichen knappen Ansagen über Kurs und Fahrt des Schiffes das Steuer übergeben hatte. »Wir haben uns was überlegt, ich und die anderen.«
»Ja?«, fragte der Investigator.
»Wir haben uns überlegt – Buuh!« Payne verscheuchte mit einer freundlichen Grimasse eines der Kinder, ein kleines Mädchen, das nahe genug herangekommen war, um womöglich zu verstehen, was er sagte.
»Diese Affen haben doch keine Ahnung, wohin wir fahren«, fuhr er fort. »Ich meine, wohin wir tatsächlich fahren. Wir könnten es so einrichten, dass wir Palliser Bay bei Nacht passieren und das Schiff bei Baring Head auf den Strand setzen, ehe die überhaupt mitkriegen, was vorgeht. Mit ein bisschen Glück sind wir alle von Bord, bevor sie uns schnappen, und dann sollen sie mal sehen, wie sie da wieder wegkommen. Die Regierung braucht sie dann nur noch einzusammeln!«
Das war ein guter Plan, um die Ausbrecher hinters Licht zu führen, und wenn die Sonne weiter hinter den niedrigen dichten Wolken versteckt bliebe, würde vielleicht wirklich niemand bemerken, dass die Rifleman nach Westen und auf Wellington zuhielt. Aber das kleine Mädchen, das kreischend vor dem Maat geflohen war, hatte sich inzwischen wieder umgedreht und lachte Gowers mit leuchtenden Augen ins Gesicht, während die übrigen Kinder ihn mit offenen Mündern anstarrten wie ein Meereswunder.
»Recht so, wie’s geht, Mr. Payne«, erwiderte der Investigator trocken, und der Maat ging nach vorn, durchpflügte achselzuckend das Kindergewühl, um der Crew mitzuteilen, dass Gowers seinen Kurs halten würde.
114.
Sie waren in die Flaute geraten, die dem Sturm und seinem Nachkommen, einem degenerierten Westwind, folgte. Die Sonne zeigte sich endlich wieder, wenn auch nur als ein trüber Fleck, eine Nuance heller als der graue Himmel. Die Frauen nutzten die Stille und Reglosigkeit der See unter ihren Füßen, um ihre Kleider, ihre Kinder und schließlich sich selbst zu waschen. Sie sangen, und alle freuten sich darauf, ihre Heimat nun bald wiederzusehen.
Gowers wusste nicht, dass der Prophet genau das seit ihrer gelungenen Flucht befürchtet hatte: Innehalten, Nachdenken, individuelle Zukunftspläne. Die Whakarau waren keine homogene Gruppe im Sinne einer Familie, eines Clans, eines Stammes. Die dreihundert Menschen gehörten den unterschiedlichsten Völkern und Stämmen der Nordinsel an, und nur zwei Dinge hatten sie bisher zu einer Gemeinschaft gemacht – die Gefangenschaft und das Ringatu.
Te Kooti musste befürchten, dass seine Anhänger auf Aotearoa auseinanderlaufen würden, so groß ihr Respekt vor dem Propheten und seinen Visionen auch sein mochte. Sicher, sie hatten ihm und ihrer neuen Religion Treue geschworen, aber schloss diese Treue ein, dass sie bei ihm bleiben würden, wenn sie die Chance bekamen, in ihre alten Dörfer zurückzukehren?
Er war ein vorausschauender Mann. Seine Macht beruhte auf seinem Einfluss auf Glauben und Denken dieser Menschen. Gingen die Menschen fort, waren sie seinem Einfluss nicht länger ausgesetzt, war auch seine Macht dahin. Aber nicht derlei persönliche Eitelkeiten beschäftigten ihn. Auch ihrer aller Sicherheit hing wesentlich davon ab, dass sie zusammenblieben. Ginge jeder wieder zu seinem Stamm, in sein Gebiet, seine alte Hütte, würde die Regierung der Pakeha sie rasch und leicht wieder einfangen können.
Ein anderes Problem war, dass die Whakarau als sozusagen auf Chatham entstandene Gruppe logischerweise kein eigenes Stammesgebiet auf Aotearoa besaßen. Nur in ihrer relativ großen Zahl lag die Chance, sich irgendwann vielleicht eines zu erobern. Er musste sie zusammenhalten, er musste sie zusammenschweißen. Und was Menschen nach verwandtschaftlichen Beziehungen, einer gemeinsamen Kultur, einem gemeinsamen Glauben am stärksten zusammenschweißt, ist ein gemeinsam begangenes Verbrechen.
Eingesperrt auf der fernen Insel, zusammengepfercht im Lager waren die Offenbarungen des Propheten nicht nur das Band zwischen ihnen gewesen, sondern auch die Richtschnur, an der sie ihr Handeln orientierten. Te Kooti hatte recht behalten, seine Vorhersagen waren eingetroffen, er war offensichtlich gesegnet. Niemand bezweifelte deshalb seine Worte, als er am Nachmittag dieses stillen Tages verkündete, er habe eine neue Botschaft, einen neuen Befehl erhalten. Gott verlange ein Opfer von ihnen, sonst würde kein Wind mehr wehen und das Schiff den Strand von Whareongaonga niemals erreichen. Zwar empfand niemand einen halben Tag Windstille als sonderlich dramatisch, zumal die Leute mit den besten Augen von der Mastspitze aus das Land bereits sehen konnten. Aber wenn andererseits dies ihr Schicksal wäre: in ewiger Reglosigkeit so kurz vor dem ersehnten Ziel dahinzutreiben, ohne es je zu erreichen, wie der Prophet sagte und sie ihm glaubten, war eben ein Opfer nötig.
Te Kooti ließ zunächst ihr Taonga einsammeln, ihre wertvollsten Besitztümer. Talismane, Amulette, meist aus Jade und uralt, seit Generationen von den Vätern an die Söhne weitergegebene Erbstücke ihrer Familien, Symbole ihres Whakapapa, die sie an ihre Vergangenheit und ihre Vergangenheit an sie banden. Viele dieser Männer hätten sich noch vor zwei Jahren lieber das Herz herausreißen lassen, als diese abgegriffenen grünen Steine herzugeben. Warum sie es jetzt widerstandslos taten, würde eine psychologische Untersuchung über Gruppe und Individuum, Suggestion und Gehorsam vielleicht erklären können. Die Enge des Schiffs, ihr gemeinsames Schicksal, Te Kootis konkrete Macht, die auf den Waffen beruhte, die nur an seine engsten Gefolgsleute verteilt worden waren, und schließlich ihr unbegrenztes Vertrauen in sein Tapu, seine Auserwähltheit vor Gott, sowie die Schnelligkeit, mit der er handelte, spielten dabei die größte Rolle.