Als die Taonga in einer einfachen Decke gesammelt waren, warf der Prophet sie ohne ein weiteres Wort oder Zögern ins Meer. Sie hatten nun keine Familie, keinen Stamm mehr, aber anstatt zu begreifen, was sie getan hatten, sahen die Whakarau nach oben und waren ernsthaft erstaunt, dass der Atem Gottes auf sich warten ließ und noch immer kein Wind wehte. Te Kooti aber verhüllte sein Haupt und sagte leise, dass eingetreten sei, was er befürchtet habe: dass ihr Opfer noch nicht genüge. Auf seinen Befehl hin wurde der Zweifler Te Warihi mit gebundenen Händen vor ihn gebracht.
Wieder ging alles schneller, als die Menschen begreifen konnten. Kaum hatte der Prophet die Worte »Blut von meinem Blut, Herr!« in den Himmel gerufen, kaum noch hatte der alte Mann Zeit gehabt zu erwidern, dass er Gott nie untreu geworden sei und sein Tod nur der Rachsucht eines unverbesserlichen Lügners geschuldet — da stand er schon nicht mehr unter ihnen. Mit harten, schnellen Griffen hatten Maaka Ritai, Te Kootis auserwählter Henker, und einige andere Männer seiner Leibwache Te Warihi über Bord geworfen, und selbst die wenigen Whakarau, die nicht wie versteinert zugeschaut hatten und an die Reling stürzten, sahen nichts mehr von ihm als einen Wirbel kleiner Luftblasen, die an der Wasseroberfläche zerplatzten.
»Der Wind wird zurückkommen!«, sagte der Prophet laut und beendete mit diesen düsteren Worten das Schauspiel, das vor allem durch seine grausige Schnelligkeit allen tief in die Knochen gefahren war, wo sie es seiner Unumkehrbarkeit wegen noch bis an ihr Lebensende spürten.
John Gowers stand an Deck der Rifleman, als all das geschah. Aber da er die Sprache der Maori nicht verstand, wusste er auch nicht, was vorging. Er hielt es für eine Art Gottesdienst, und das Versenken der grünen Steine bestätigte ihn in dieser Ansicht. Derlei religiöser Unsinn interessierte ihn nicht. Den Mord an dem alten Mann hatte er nicht gesehen, weil er im gleichen Moment mit dem nautischen Besteck und dem fernen Küstenstreifen vor Augen versuchte, die genaue Position des Schiffs zu bestimmen. Als das entsetzte Schweigen der dreihundert Menschen das unverständliche Stimmengewirr ganz plötzlich beendete, wanderte sein Blick instinktiv nach mittschiffs, wo die Menge jetzt wie erstarrt stand. Aber da Te Warihi untergegangen war wie ein Stein, wusste Gowers nicht, was die Ausbrecher so in den Bann geschlagen hatte.
Erst das sonderbare Verhalten der weißen Crew zeigte ihm, dass etwas Gravierendes vorgefallen sein musste. Die Seeleute genossen auf Te Kootis ausdrücklichen Befehl hin eine bevorzugte Behandlung. Sie bekamen besser und stets als Erste zu essen, außerdem ein Glas Porter zu jeder Mahlzeit und das Doppelte ihrer Heuer, unglaubliche sechs Pfund pro Mann waren ihnen für ihre Dienste in Aussicht gestellt worden. Jetzt drängten sie sich verängstigt am Fockmast zusammen, weil sie glaubten, ihr letztes Stündlein habe geschlagen. Wenn diese Leute einen der ihren über Bord warfen wie ein Fass mit verdorbenem Zwieback, was würde dann erst mit ihnen geschehen?
Gowers legte den Sextanten weg und kam dazu, als Te Kooti ruhig und eindringlich mit den Seeleuten sprach. Er verstand noch immer nicht, warum dabei plötzlich von Jonah die Rede war. Dieser sonderbare Maoriführer schien die Bibel auswendig zu kennen: »Kommt, wir wollen losen, dass wir erfahren, um wessentwillen es uns so übel ergeht. Und als sie losten, traf’s Jonah.«
Natürlich wusste Gowers um den alten Aberglauben der Seefahrer aller Zeiten; dass bisweilen ein einziger Schuldiger für all die unverständlichen Gefahren und unerwarteten Schwierigkeiten, auf die ein Schiff nun einmal treffen konnte, verantwortlich gemacht und getötet wurde. Aber erst bei diesem Zitat wurde ihm klar, dass dieser Unsinn im Grunde vorbiblisch war, ein heidnisches Opferritual, das die christliche Seefahrt lediglich übernommen hatte. Wieso jedoch in diesem Augenblick die Rede davon war, ahnte er noch immer nicht. Sollte jemand über Bord geworfen werden? Aber wer? Und warum?
Erst als Te Kooti unter Deck verschwunden war, erfuhr er von dem zu Tode erschrockenen Matrosen John Martin, dass das Ungeheuerliche bereits geschehen war und einen der Maori getroffen hatte. Der Investigator brauchte eine Weile, um seinen Abscheu zu unterdrücken, aber als ihn einer der Seeleute irgendwann nach dem genauen Kurs fragte, begab er sich wortlos unter Deck. Anstatt anzuklopfen, trat er mit der Stiefelspitze gegen die Tür der Kapitänskajüte und wartete auch nicht darauf, dass er hereingerufen würde, sondern stieß sie kurzerhand auf. Te Kooti lag schweißgebadet und vor Erschöpfung zitternd auf seiner Koje, und dieser Anblick nahm Gowers’ Zorn ein wenig von seiner Schärfe.
»Ich arbeite nicht mehr für Sie«, sagte er dennoch, wandte sich abrupt wieder um und wollte hinausgehen.
»Mr. Gowers«, antwortete erschreckend leise der Prophet. »Glauben Sie an Gott?«
»Nein«, sagte Gowers hart, blieb dabei aber widerwillig stehen und drehte dem Mann schweigend den Rücken zu.
»Ich war lange wie Sie, Mr. Gowers«, fuhr Te Kooti nach einer Weile fort. Seine Stimme schwankte jetzt zwischen Schwäche und Milde. »Selbstbewusst, stark und allein unter einem leeren Himmel. Aber dann hat sich etwas in mir verändert. Mir werden Dinge offenbart, die ich nicht immer verstehe und die ich nicht immer will.«
»Sie haben eben einen Menschen ermordet!« Noch immer von Verachtung erfüllt, drehte sich Gowers zu dem selbst ernannten Propheten um.
»Getötet, Mr. Gowers, getötet.« Te Kooti betonte diesen wesentlichen Unterschied, erhob sich auf den Ellenbogen und warf dem Investigator einen durchdringenden Blick zu. »Haben Sie nicht genau dasselbe im Sinn?!«
»Das Gleiche, Sir, das Gleiche«, erwiderte nun Gowers, fragte sich aber in diesem Moment, ob der Unterschied wirklich so groß war, und fügte schließlich mehr für sich selbst hinzu: »Ich bestrafe einen Mörder.«
Te Kooti sank auf sein Lager zurück.
»Nun, vielleicht habe auch ich das getan: einen Schuldigen bestraft. Ich weiß es nicht, Mr. Gowers. Gott weiß es!« Er seufzte tief und sagte dann: »Der Mann war mein Onkel, Mr. Gowers. Ein Bruder meines Vaters. Blut von meinem Blut!« Aus den Augenwinkeln sah der Prophet, dass er die Selbstgewissheit des Investigators ein wenig erschüttert hatte.
Gowers wusste natürlich nicht, dass der Zweifler Te Warihi der natürliche Feind jedes Propheten gewesen wäre, und ihm fiel in diesem Zusammenhang auch nicht die Binsenweisheit ein, die jeder Ermittler kannte: dass Morde in nahezu zwei Dritteln aller Fälle Beziehungstaten sind. Stattdessen ging er nach oben und gab die nötigen Ruderbefehle für den Kurs auf Whareongaonga.
115.
John Lafflin war praktisch in diesen Sümpfen aufgewachsen. Sein Bruder Pierre, acht Jahre älter, hatte ihn nach Amerika gebracht, nachdem ihre Eltern in den Sklavenaufständen von 1791 in Port-au-Prince getötet worden waren. Noch immer hörte er in seinen schlechteren Träumen den Kriegsschrei der Aufständischen: »Toyé blan, toyé blan!«8, und bis weit in seine Mannesjahre hinein hatte er die Schwarzen für die blutigen Schrecken gehasst, in denen seine Kindheit untergegangen war.
Obwohl die Brüder Laffitte gern von sich behaupteten, der kreolischen Oberschicht von Hispaniola, Saint Domingue oder Santo Domingo – wie Haiti in seiner wechselvollen Geschichte genannt wurde – zu entstammen, war ihr Vater lediglich ein wohlhabender Kaufmann gewesen. Sie hatten nicht nur ein gewisses Startkapital, sondern auch die entsprechenden Talente von ihm geerbt und machten in den Wirren der zahllosen Kriege, die die Insel zwischen Spaniern, Franzosen, Engländern und diversen Sklavenkönigen hin und her warfen, gute Geschäfte mit allen Beteiligten. Ihre Rückzugsbasis war dabei die Gegend um New Orleans, waren die amerikanischen Cajuns und Kreolen, bei denen sie sich wechselweise als das eine oder das andere ausgaben.