Die Karibik jener Jahre war das El Dorado der Entwurzelten, und als kühne Männer, die eine solide Staatlichkeit nie kennengelernt hatten, brachen die Laffittes ohne schlechtes Gewissen alle Gesetze und machten ein Vermögen mit Schmuggelwaren und dem Handel mit allem und jedem. Lafflin schauderte bisweilen, wenn er an die Dinge dachte, die er getan hatte. Es war in einem brodelnden Kessel zerrissener Gesellschaften und Völker, gärender Nationen, ausgehöhlter Kolonien und ihrer völlig korrupten Mutterländer geschehen, sagte er sich dann. Aber er wusste, dass das nicht die ganze Wahrheit war.
Die zerfressenen Kolonialinstitutionen der untergegangenen Königreiche Frankreich und Spanien hatten seiner Abenteuerlust und seiner räuberischen Geschicklichkeit lediglich den nötigen Raum zur Entfaltung gegeben. Er hatte gestohlen, betrogen, übervorteilt und mit Menschen gehandelt, nicht weil es unumgänglich, sondern weil es möglich gewesen war. Gewiss, er war nie grausam gewesen – aber eben nur in dem Sinne, in dem auch ein Raubtier nicht grausam ist, wenn es seine Beute zerreißt.
Die Frage, warum er ein Raubtier war und ob er eines sein musste, hatte ihn schon früh beschäftigt, zur Philosophie Rousseaus und schließlich zu den Schriften Claude Henry de Rouvroys, des Grafen von Saint-Simon, geführt. Die Zukunft der zivilisierten Völker hatte er daraufhin in den aufstrebenden Industrien Nordamerikas gesehen, und erst als sich deren kapitalistisches Grundprinzip als ebenso menschenverachtend, seine Repräsentanten als ebenso sinnlos machtgierig erwiesen wie die französische oder spanische Aristokratie – allerdings ohne deren adlige Generosität zu besitzen –, hatte John Lafflin sich dem Sozialismus zugewandt.
Seine Arbeit für die nicht ideelle, sondern durch und durch praktische Sklavenbefreiung betrachtete er als Wiedergutmachung sowohl seiner Untaten als auch seiner Irrtümer. Schon Anfang der 1840er-Jahre besuchte er abolitionistische Veranstaltungen, spendete, agitierte sogar ein wenig, aber erst als er in der Hütte seines alten Kampfgenossen Gringoire die ungewöhnliche junge Frau kennenlernte, hatte er das handfeste Ziel gefunden, das sein Leben und sein Denken in Einklang brachte.
Er bewunderte Deborah vorbehaltlos, ja fast ein wenig schwärmerisch. Eine entlaufene Sklavin, die den Mut besaß, in die feindliche Welt der Sklavenhalterstaaten zurückzukehren, um auch anderen Menschen ein Leben in Freiheit zu ermöglichen, war in seinen Augen eine mythische Gestalt. Moses war ein noch viel zu unbedeutender Name für eine solche Frau, denn Moses hatte Gott auf seiner Seite gehabt – und Gott war inzwischen tot. Deborah handelte aus eigenem Antrieb, aber nicht zum eigenen Nutzen und war damit der autonome, moderne Mensch, der Lafflin und seinen bevorzugten Philosophen als Ideal vorschwebte.
Vielleicht fiel es ihm gerade deswegen so schwer, die junge Frau auch als wirklichen, normalen Menschen zu betrachten. Wer war sie? Was wollte sie?, fragte er sich, als er die schwärmerische Phase ihrer Zusammenarbeit schon nach der zweiten oder dritten gemeinsamen Befreiungsaktion hinter sich gelassen hatte. Er kannte nur wenig von ihrer Geschichte. Sie hatte selten davon geredet, nur auf Nachfrage, und das Thema jedes Mal schnell wieder fallen lassen. Lafflin drängte sie nicht. Was sie tat, was sie gemeinsam taten, war ihm zu wichtig, um es in einer auch persönlichen Beziehung zu zerfragen.
Dennoch stimmte es ihn seltsam glücklich, als Deborah ihn an ihrem dritten Abend im Delta schüchtern fragte, wer eigentlich der junge Mann war, der ihr Schiff durch die tückischen Sumpfgewässer steuerte. Woher kannte er ihn? Warum half er ihnen? Wo war seine Familie? Deborah war nicht sehr geübt in der uralten Kunst der Verliebten: Antworten zu erhalten, ohne Fragen zu stellen, und verstand sich auch nicht auf langwierige Plaudereien mit gespitzten Ohren. Also ging sie die Sache so direkt an, wie es gerade noch möglich war, ohne ihr Gesicht zu verlieren. Schon bei der Frage nach John Gowers’ Familie kam sie sich allerdings albern und unehrlich vor, weil sie ja bereits wusste, dass er eine Waise war. Verstand der alte Mann, was sie wissen wollte? Und war die Frage trotzdem harmlos genug, um ihre Absichten dahinter zu verbergen?
John Lafflin verstand beides, behielt aber sein Lächeln für sich, um es ihr leichter zu machen, weitere Fragen zu stellen. Als er geantwortet hatte, dass er von einer Familie nichts wisse, dass John Gowers als Lotse eine Koryphäe und für diese Fahrt von ihm angeheuert worden sei, wechselte Deborah jedoch bereits wieder das Thema.
In dieser Nacht dachte der alte Mann lange darüber nach, was er wirklich über John Gowers wusste, von seinen Ansichten, seiner Vorstellung vom Leben. Er sah wieder das vertrauliche Lächeln, mit dem die Huren in jenem Etablissement in New Orleans seinen Lotsen begrüßt hatten, und auch Dorothy Simpson fiel ihm ein. Deborah war ihm zu wichtig, als dass er einfach vergessen konnte, dass Gowers die junge Dame geküsst hatte, heftig, entschlossen geküsst. Und nur ein einziger Umstand veranlasste ihn, zu tun, was er am nächsten Morgen tat. Denn auch John Gowers hatte ihn gefragt, schüchtern, vorsichtig, wer Deborah war. Woher er sie kenne. Wo ihre Familie sei.
116.
Als der Morgen noch grau war, weckte John Lafflin Deborah unter einem Vorwand und nahm sie mit in die Kombüse, wo er dann hingebungsvoll versuchte, den besten Kaffee seines Lebens zu kochen. Dabei redete er in einem fort, beglückwünschte sie dazu, so viele Menschen auf einen Schlag befreit zu haben, fragte hier eine Kleinigkeit, erläuterte dort einen Zusammenhang, sprach von seiner Festnahme und Entlassung und wie er ihrem Lotsen beinahe die Kohlenschaufel über den Kopf geschlagen hatte. Ach übrigens, er sei hier unten noch eine Weile beschäftigt. Ob sie so freundlich sein könne, John Gowers eine Kanne Kaffee ins Steuerhaus zu bringen?
Sie befanden sich in den nordwestlichen Ausläufern des Pelican Lake, und Hunderte der riesigen Vögel erwachten mit heiserem Schnarren, als die Sonne über der Bay Blanc aufging. John hatte eine erste Runde an Deck schon hinter sich, die Flutmarkierungen kontrolliert und festgestellt, dass noch etwa eine Stunde vergehen musste, ehe sie einen Versuch machen konnten. Er weckte Mr. Phineas, damit er im Kesselraum die nötigen Vorbereitungen treffen konnte, und ging dann wieder ins »Texas«, um seinerseits auf dem Posten zu sein.
Er liebte diese Stunde, eigentlich nur diese Minuten, in denen das triste kleine Steuerhaus als höchster Teil des Schiffs die ersten Sonnenstrahlen einfing und plötzlich ein frisches, warmes Licht durch den Raum flutete und alles so neu aussah, als hätte es nie einen vergangenen Tag gegeben. Er suchte eben den Himmel ab, um Anzeichen für das Wetter zu entdecken, das vor ihm lag, als er Schritte hörte. Stirnrunzelnd schaute er zur Tür, denn es waren nicht Lafflins Schritte, die er, bedächtig, sicher, aber auch ein wenig langsam, inzwischen von denen der anderen unterscheiden konnte. Dieser Schritt war leichter, ein Frauenschritt, und als Deborah in der Tür auftauchte, lächelte er, gleichermaßen überrascht und erfreut.
»Ich bringe Ihnen heute den Kaffee«, sagte sie ohne einen Gruß. »Der Kapitän hat noch zu tun.«
»Guten Morgen«, sagte er, als hätte er den kleinen Raum nie so hell gesehen, und für einen kurzen Moment erwiderte sie sein Lächeln.
»Guten Morgen!« Sie stellte die Kanne auf das schmale Kartenpult und wartete, bis er sich eine Tasse eingeschenkt hatte. Es ist schön hier, dachte sie, als sie die Wärme der Sonne in ihrem Gesicht fühlte, und überlegte, ob sie das sagen sollte. Dann ließ sie es bleiben und wandte sich um.