»Sie wissen«, sagte er, »dass alle von Menschen geschriebenen Bücher nur menschliche Irrtümer verbreiten, Mr. Gowers?!« Er hatte diese Worte, die ihm in einer seiner ersten Visionen offenbart worden waren, unter seinen Anhängern früh zum Gesetz gemacht, hatte konsequenterweise sogar die Bibel verworfen und seine eigene Autorität als »Gottes Mund« an ihre Stelle gesetzt.
»Ich bin Amerikaner, Sir. Ich ziehe menschliche Irrtümer unmenschlichen Wahrheiten vor«, sagte Gowers, der noch immer auf dem Boden saß und noch immer in herausfordernd lässiger Weise am Mast lehnte.
Te Kooti wollte auch Byrons Cain ins Meer werfen, aber dann las er die ersten Verse: »Ewiger Gott! Unendlicher! Allwissender! Der du aus dem Dunkel und der Tiefe mit einem Wort das Licht erschaffen hast …«
Er schlug das Buch zu, behielt es aber in der Hand und sah prüfend den Mann an, der so fest und selbstverständlich von sich behauptet hatte, nicht an Gott zu glauben. Warum war dieser Mann hier? Was sollte er mit ihm und seiner Insubordination tun? Er brauchte Zeit, um das herauszufinden, und befahl, John Gowers zu fesseln und an Land zu bringen, was auch sofort geschah.
Der Mannschaft der Rifleman wurden ihre sechs Pfund ausgezahlt und angeboten, sich den Whakarau und ihrer neuen Religionsgemeinschaft anzuschließen, aber der Prophet wunderte sich nicht, als die Männer verlegen und ängstlich ablehnten. Nur der raue Maat John Payne wagte einen Scherz; er würde lieber das Schiff nehmen und es in Valparaíso verkaufen.
»Eine gute Idee«, sagte Te Kooti, lächelte und stellte den Seeleuten einen kurzen Brief aus, in dem er erklärte, dass er sie gezwungen habe, ihm bei seiner Flucht behilflich zu sein. In diesem Schreiben sagte er auch zum ersten Mal, dass er nicht nach Neuseeland gekommen sei, um Krieg zu führen. Er wolle in Frieden in seinem eigenen Land leben und werde nur kämpfen, wenn er und seine Leute verfolgt oder angegriffen würden.
Als Letzter von allen verließ er das Schiff, in einem perfekten europäischen Anzug und Lederschuhen; betrat den Strand und ein Leben, das nun fünfzehn Jahre lang fast ausschließlich aus Jagd, Flucht, Verfolgung und Kampf bestehen würde. Die wenigen Maori, die in dem kleinen Dorf gelebt hatten, waren bei ihrer Ankunft geflohen, und noch bevor dieser 10. Juli 1868 vorüber war, hatte das Gerücht von der Landung der Whakarau auch die weißen Siedler und ihren Militärkommandeur in Matawhero erreicht.
Nach zwei Tagen, in denen Te Kooti die Lasten gerecht verteilte und den Treck in die nahezu undurchdringliche Wildnis des Urewera-Distrikts vorbereitete, kamen die ersten Abgesandten des Provinzkommandanten Reginald Biggs: Kupapa, unter ihnen Paora Katete, der den Weißen schon auf Chatham einige Zeit lang als Wärter gedient hatte. Sie machten den Whakarau keinerlei Angebote, sie führten keine Verhandlungen, sondern befahlen ihnen, ihre Waffen abzulegen und sich den weiteren Entscheidungen der Regierung zu unterwerfen.
Te Kooti würdigte die Emissäre keiner Antwort, befahl aber einer großen Gruppe bewaffneter Ausbrecher unter Karanama Ngerengere, ihnen auf ihrem Rückweg nach Matawhero in Sichtweite zu folgen. Der Anblick dieser finsteren, schweigenden und sehr gut bewaffneten Männer war eine deutlichere Entgegnung an die Pakeha, als tausend wohlgesetzte Worte hätten sein können. Unter den Bewohnern der Maorisiedlungen in der ganzen Poverty Bay ließ der Prophet hingegen das Angebot verbreiten, dass jeder von ihnen, gleich welchen Alters oder Geschlechts, sich seinem Treck anschließen könne. Er biete ihnen Mühsal, Tränen und harte Arbeit; aber auch einen Platz im Gelobten Land, das er in der Wildnis errichten würde. Und einem Mann machte er dieses Angebot persönlich.
118.
Nachdem die Rifleman fortgesegelt war, hatte man John Gowers die Fesseln abgenommen und ihm erlaubt, sich frei unter den Whakarau zu bewegen. Maaka Ritai, ein düsterer, Furcht einflößender Maori vom fernen Stamm der Wanganui, schenkte ihm mit Worten aufrichtigen Bedauerns seine eigene Pfeife und allen Tabak, den er besaß. Aber erst kurz vor ihrem Aufbruch in die Koraha, die Wildnis, wandte sich ihm der Prophet selbst noch einmal zu.
»Ich möchte, dass Sie uns begleiten, Mr. Gowers«, sagte Te Kooti.
»Warum?«, fragte Gowers.
»Ich glaube, dass unsere Begegnung ein Zeichen ist.« Der Prophet sprach schlicht und ernsthaft. »Ich weiß nicht, wofür, aber ich würde es gerne herausfinden.«
»Ich habe noch immer eine Aufgabe zu erfüllen, Sir.«
»Das denke ich auch. Aber ich glaube, dass Sie nicht wirklich wissen, welche Aufgabe das ist.«
»Ich weiß es leider sehr gut.« Gowers seufzte.
»Dann kann vielleicht unser Weg eine Zeit lang der gleiche sein, bis Sie sicher sind, ob Sie Ihr altes, unglückliches Leben weiterführen oder ein neues beginnen wollen. Eine Frau. Kinder.« Te Kooti wiederholte mit Bedacht das Versprechen, das er schon dem alten Moriori auf Chatham gegeben hatte.
Gowers überlegte. Mit jedem Tag wurde die Verfolgung James Fagans schwerer; andererseits gab es das Gold auf der Otago-Halbinsel schon sehr lange, und es bestand eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass der Mörder auch eine Weile danach suchen würde.
»Eine Zeit lang, vielleicht«, sagte er schließlich vorsichtig und die Allmacht des Mannes bedenkend, der vor ihm saß. »Aber vergessen Sie nicht, dass ich noch kein Zeichen erhalten habe!«
Das kann man ändern, dachte der Prophet.
Der Treck in den Urwald von Urewera war nicht so gewaltig wie der Exodus der Mormonen durch die großen Prärien und Wüsten des amerikanischen Westens zwanzig Jahre zuvor, aber er war von der gleichen Kraft beseelt. Auch die Whakarau betrachteten sich als das auserwählte Volk Gottes, aber sie hatten zudem einen Propheten, der das unbestreitbare Charisma des Hochstaplers Joseph Smith mit dem Organisationsgenie und der Durchsetzungskraft seines Nachfolgers Brigham Young verband.
Te Kooti war überall, kümmerte sich um Großes und Kleines, zügelte die Starken, half den Schwachen und trieb die Unentschlossenen an. Auf ihrem Zug durch die unwegsame, gebirgige Wildnis, die so viele Wasserläufe durchzogen, wie sich Nervenbahnen im menschlichen Körper finden, hielt er seine Leute nicht nur zusammen, sondern er brachte sie auch dazu, trotz ihrer Erschöpfung fröhliche Lieder zur Ehre Gottes zu singen. Gowers registrierte zu seiner Verblüffung, dass sie trotz der Frauen und Kinder und ihres überschweren Marschgepäcks, das schlicht aus allem bestand, was sie auf der Welt besaßen, schneller vorankamen als von Tempskys wesentlich kleinere Truppe einige Monate zuvor, was vermutlich daran lag, dass die Maori Pfade fanden, wo niemand sonst auch nur einen Weg gesucht hätte.
Der Wald von Te Wera war dicht und drückend, als sei er seit Erschaffung der Welt von niemandem betreten worden, und die riesigen bemoosten Bäume wirkten so düster, als würden sie um alles trauern, was in ihrem Schatten lag. Die Pässe, die sie überschritten, stiegen bisweilen über tausend Meter hoch, und entsprechend tief waren die Schluchten, die der Ruakituri River, dessen Lauf sie zu folgen versuchten, in das uralte Vulkangestein geschnitten hatte. An vielen Stellen wurden die Pfade so eng, dass die Frauen nicht einmal ihre Kinder an der Hand führen konnten; sie schlangen Seile um ihre Hüften, an denen sie die Kleinen, die eben laufen konnten, in ihrer Spur nachzogen. Dadurch dehnte sich ihre Kolonne mitunter auf mehr als einen Kilometer aus, und das war gefährlich, denn ihre Späher meldeten, dass Reginald Biggs ihnen gegen jede Logik und trotz ihrer Warnungen Kupapa-Milizen hinterhergeschickt hatte.
Te Kooti, nicht mehr nur organisatorischer und religiöser, sondern nun auch noch militärischer Führer, ließ Hinterhalte anlegen, und zehn Tage nach ihrem Aufbruch vom Meer kam es zu ersten tödlichen Gefechten, in denen die Whakarau Sieger blieben. Ihre Verwundeten erschwerten jedoch ihr weiteres Vorwärtskommen. Die Nachrichten, die ihre Aufklärer von vorn, aus dem Taupo-Distrikt und der Kaingaroa-Ebene, brachten, erwiesen sich indes als noch schlimmer. Die Tuhoe, Te Arawa, Huri und Tuwharetoa, Stämme, auf deren Duldung, wenn nicht gar Wohlwollen sie gerechnet hatten, erwiesen sich als ihnen feindlich gesinnt und wollten den Durchzug durch ihre Gebiete nicht gestatten.