Es blieb ihnen nichts anderes übrig, als sich nach Nordosten zu wenden, tiefer hinein in den ungeheuren Wald von Te Wera, und hier erreichten sie, auf einem Bergkamm, zu Tode erschöpft, ein schon vor Hunderten von Jahren aufgegebenes Pa, von dem die Wildnis wenig mehr als die Umrisse der einstigen Befestigung übrig gelassen hatte. Sie rodeten, bauten Hütten, legten Felder an und hoben Verteidigungsgräben aus, denn sie brauchten einen Platz für Aussaat und Ernte, wenn sie nicht auf dem langen Marsch ins Gelobte Land verhungern wollten.
Ihr Prophet und Anführer aber fällte in dieser Zeit eine folgenschwere Entscheidung, die seinen Namen tief ins Gedächtnis des weißen Neuseeland und seiner Geschichte einbrennen sollte. Er sah nur eine Möglichkeit, die ständige Verfolgung und Bedrohung seines Volkes mit einem Schlag zu beenden: Er beschloss, die Pakeha und ihre Verbündeten anzugreifen!
Te Kooti reinigte sich für diese fast unlösbare Aufgabe, fastete, betete, opferte, und in einer der Visionen, die er im Zuge dieses mehrtägigen Rituals hatte, wurden ihm die Zeichen offenbart, die dem Amerikaner gegeben werden sollten. Gowers hatte sich in den vergangenen beiden Wochen als loyaler, aber zurückhaltender Begleiter gezeigt. Die Schnelligkeit und die Umsicht, mit der die Whakarau vorgingen, sei es auf dem Marsch, im Gefecht oder bei der Urbarmachung des Waldes, hatten ihn offensichtlich beeindruckt. Dennoch konnte der Prophet nicht von diesem Mann verlangen, gegen seine eigene Rasse zu kämpfen — es sei denn, er würde zuvor einer von ihnen.
Zunächst sah alles nach einem weiteren Opfer aus: Te Kooti ließ für den Amerikaner eine separate Hütte errichten und führte ihm dann seine eigene Frau, Maata Te Owai, zu. Gowers hatte zu seiner Überraschung bereits auf dem Schiff festgestellt, dass der Prophet mehrere Frauen hatte, wusste aber nicht, dass schon der alte Te Ua Huamene die Monogamie verworfen hatte. Anders als der Islam oder die amerikanischen Mormonen betrachteten das Pai Marire und das Ringatu jedoch nicht mehrere Frauen als das eifersüchtig gehütete Eigentum eines Mannes, sondern pflegten eine Polygamie, in der die Fruchtbarkeit der Gemeinschaft und nicht die eines Patriarchen im Mittelpunkt stand. Schlicht gesagt stand es also auch jeder Frau frei, mit mehreren Männern zu schlafen, und wenn auch der Partnertausch nur relativ selten vorkam, weil er so vielen so alten Traditionen widersprach, so war er doch weder unerwünscht noch geächtet.
Das alles wusste der Investigator nicht; er sah nur einen Mann vor sich, der ihm aufgrund einer göttlichen Offenbarung seine Pfeife und ein Buch weggenommen hatte — und ihm aus dem gleichen Grund jetzt seine Frau überließ. Das überzeugte ihn zwar nicht vom Glauben des Propheten, aber doch von der Ernsthaftigkeit dieses Glaubens, zumindest in diesem Moment.
Maata Te Owai war Anfang zwanzig und eine weniger üppige Schönheit als die meisten Wahine, die er bisher gesehen hatte. Ihr Gesicht, ihr Körper waren, sei es durch die Entbehrungen ihrer Gefangenschaft und des Marsches oder durch die Tatsache, dass ihr Großvater ein französischer Robbenfänger gewesen war, schmaler, drahtiger, europäischer als unter den Maori üblich. Das zu einem federgeschmückten Koukou oder Scheitelknoten hochgesteckte Haar erhöhte diesen Eindruck noch, und nur ihr weicher, großer Mund, der gern lachte, vertrieb die Anmutung von Härte und Strenge aus ihren Zügen.
Gowers hatte sie gern angesehen in den letzten beiden Wochen und sich dabei jedes Mal an die reizvolle Bewegung ihrer Hinterbacken in seinen Händen erinnert. Als sie nackt vor ihm stand, als er sie tatsächlich anfasste, als sie lächelte, seufzte, kam es ihm deshalb vor, als würden sie eine lediglich unterbrochene Handlung fortsetzen. Es war schön, einmal wieder mit einer Frau zu schlafen, die keine Hure war, und das tiefe Stöhnen, mit dem sie auch seinen Körper genoss, tat ihm gut.
Nachdem sie es zweimal getan hatten, lagen sie einige Minuten satt und selig nebeneinander, ehe sie ihm aus einer offenen Schale ein undefinierbares Getränk anbot. Gowers wollte nichts trinken. Seine Hände begannen stattdessen eine neue Wanderung über ihren Körper, als sie sich auf ihn hockte. Da nahm sie selbst einen tiefen Zug und beugte sich über ihn, ihre Brüste in seinen Händen. Ihre Lippen waren warm und feucht, und die seltsame Flüssigkeit tropfte von ihnen in seinen Mund. Er fand rasch Geschmack an beidem, dem Getränk und dem Spiel, und leckte schließlich den bittersüßen, ein wenig klebrigen Saft von ihrer Zunge, bis er, immer noch tief in ihrem Leib, von einer Sekunde zur anderen einschlief.
Te Kooti, von seiner jungen Frau herbeigerufen, betrat die Hütte und betrachtete den Amerikaner, dessen Glied auch in seinem totenähnlichen Schlaf nicht kleiner wurde. Dann befahl er den alten Mann zu sich, der ebenfalls draußen gewartet hatte, während Maata Te Owai ihre Kleider wieder anzog.
»Er will es?«, fragte der Alte zögernd, während er verschiedene Werkzeuge vor sich ausbreitete: klassische Tatauierkämme mit scharfen Perlmuttklingen, aber auch eiserne Nadeln unterschiedlicher Dicke, einen schmalen Holzschlegel und eine hölzerne Schale, die durch die in ihr immer wieder angesetzten Rußfarben tiefschwarz und hart wie Stein geworden war.
»Ja«, sagte der Prophet. »Er weiß es nur nicht.«
119.
Das seltsame Gefährt, das sich gegen eine träge, aber starke Strömung die vier Meilen breite Mündung des Atchafalaya River hinauf nach Norden kämpfte, sah eigentlich nur noch wie das Gerippe eines Raddampfers und nicht mehr wie der Dampfer selbst aus. Man hatte alle Türen und Wände der Aufbauten bis auf die tragenden Teile herausgerissen, und was übrig geblieben war, hatte nun Ähnlichkeit mit einem zweistöckigen Leiterwagen, der eine Dampfmaschine transportiert. Nur war es selbstverständlich ihre Maschine, welche die Deep South antrieb.
Die ästhetisch wenig ansprechende Selbstverstümmelung hatte ihren Zweck jedoch voll und ganz erfüllt: Der kräftige Seewind in der Atchafalaya Bay konnte sie nicht packen und beiseitedrücken, sondern wehte, wie Deborah es geplant hatte, gewissermaßen durch das Schiff hindurch. John spürte es an allen Bewegungen der Deep South beziehungsweise an der Übertragung dieser Bewegungen auf das Ruder in seinen Händen. Der kleine Dampfer bockte nicht, machte auch auf bisweilen beängstigend hohen Wellen keine Ausbruchsversuche, hielt seinen Kurs und ließ sich sogar leichter steuern als auf dem Mississip – pi, weil die Flut ihn in die richtige Richtung schob.
Wider Erwarten gut war man also durch das offene Wasser gekommen, und nur der Verbrauch an Brennstoff wurde allmählich zu einem Problem, denn natürlich brauchte John so viel wie möglich von der Kraft der Maschine, um leichter auf Wind und Wellen reagieren zu können. Mr. Phineas hatte über die Maschinenglocke schon mehrfach angefragt, ob man den Dampf drosseln könne, war sogar einmal persönlich im Steuerhaus erschienen – aber der Lotse hielt es für sicherer, damit zu warten, bis der Fluss aufhörte, eine Meeresbucht zu sein.
Er kannte den Atchafalaya bis hinauf nach Morgan City, aber als sie gegen Mitternacht die Stelle erreichten, die er im Sinn hatte, mussten sie über ihr weiteres Vorgehen beraten. Der Brennstoff war für die Strecke St. Louis – New Orleans und zurück berechnet gewesen, großzügig berechnet gewesen, aber ihre »Kreuzfahrt« durch das Delta hatte diese Berechnungen über den Haufen geworfen. Sie brauchten Kohle, wenn auch nicht sofort. Vermutlich würden sie noch bis zum Mississippi kommen. Aber dort, immer noch tief im Süden der Sklavenhalterstaaten, mit ihrem Gerippe von Schiff eine Anlegestation anzulaufen, um Kohle zu bunkern, würde unmöglich sein. Denn nach wie vor transportierten sie ja so etwas wie Diebesgut, auch wenn sich die »Ware« selbst gestohlen hatte, immer öfter das Lächeln freier Menschen in den Gesichtern trug und sogar angefangen hatte, Pläne für eine eigene Zukunft zu entwickeln.