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Von dem Gedanken, noch einmal Sklaven zu sein, waren die Flüchtlinge deshalb nur schwer zu überzeugen. Erst als Deborah ihnen erklärte, dass diese Tarnung notwendig sei und nur wenige Stunden dauern würde, als allen klar wurde, dass sie die Rolle der Sklaven nur spielen würden, um an Kohle zu kommen, hatte John Lafflin genügend Freiwillige, um die entsprechende Scharade wirkungsvoll aufführen zu können. Sie würden Morgan City umgehen, um von Norden her in die Stadt zu kommen, sich als Sklavenhändler ausgeben, deren Schiff im Sumpf stecken geblieben sei, und die nötige Kohlemenge erwerben, um es wieder flottzubekommen.

Die Deep South anschließend ungesehen durch Morgan City zu bringen würde wieder John Gowers’ Aufgabe sein – der für die Zeit, in der der Kapitän, Mr. Phineas, Gringoire und vor allem Jason nicht an Bord sein würden, seine eigenen Pläne schmiedete. Er hatte von John Lafflin erfahren, dass Deborah nicht besonders gut lesen konnte. Schon als sie ihm zum zweiten Mal den Morgenkaffee ins Steuerhaus brachte, hatte er deshalb angeboten, es ihr beizubringen, und zu ihrer eigenen Überraschung hatte Deborah Ja gesagt. Sie würden also einen ganzen Tag, eine Nacht vielleicht, die die Deep South versteckt in einem Winkel des Sweetbay Lake verbringen musste, zusammensitzen und lesen. Und erst als seine Euphorie über diese Entwicklung der Dinge ein wenig abklang, fiel dem jungen Lotsen siedend heiß ein, dass es überhaupt keine Bücher an Bord gab.

Glücklicherweise hatte er seinem Gedächtnis zwar einen nicht unbedeutenden Leseschatz einverleibt, aber was davon konnte er in so kurzer Zeit in möglichst deutlichen Druckbuchstaben zu Papier bringen? Mit Gedichten hatte er nie viel anfangen können, und wenn ihn jemand gefragt hätte, warum ihm plötzlich so viele davon einfielen, hätte er wahrscheinlich geantwortet, dass sie eben kurz seien, sehr geeignet, um lesen zu lernen. Leider hatte er sich bei Lyrik immer am wenigsten konzentriert und wusste – bis auf die Reime – entsprechend wenig davon wörtlich; sodass Shakespeares Sonett Nr. 18 ihm am Ende vorkam, als hätte er das meiste davon selbst geschrieben.

Soll ich Dich mit dem Sommertag vergleichen,

die Du doch lieblicher und schöner bist?

Der milde Mai muss rauen Winden weichen,

und allzu kurz ist eines Sommers Frist.

Bisweilen scheint die Sonne bis zum Brennen,

dann wieder ist des Himmels Auge matt.

Und alles Schöne kann ein Zufall trennen;

der Wechsel schleift und hobelt alles glatt.

Du wirst nicht wie ein Sommertag verschwinden,

solange eine Zeile von mir lebt.

Die Todesschatten werden Dich nicht finden,

ist Deine Schönheit ins Gedicht gewebt!

So lange Menschen atmen, Augen sehen,

wird dieses Lied – und Du darin – bestehen.

Nun, dachte er zufrieden, das würde ja vielleicht den doppelten Zweck erfüllen, der ihm vorschwebte. Das Herz fiel ihm aber schlagartig in die Kniekehlen, als Deborah am frühen Abend ins »Texas« kam, er ihr den Zettel schon gegeben hatte – und sie ihn bat, den Unterricht doch im Vorschiff abzuhalten, wo die anderen seien.

»Welche anderen?«, fragte er entgeistert.

»Die anderen Frauen und die älteren Kinder«, antwortete sie, erstaunt über seine Bestürzung. »Es wäre doch sinnlos, wenn nur ich richtig lesen lerne.«

Verzweifelt überlegte er, wie er wieder in den Besitz des Zettels kommen könnte, und sagte auf dem Weg nach unten irgendwann stotternd: »Nun, dann … Dann ist es wohl besser, wir fangen mit dem Alphabet an. Das da«, er machte eine fast wegwerfende Handbewegung, »ist sozusagen für Fortgeschrittene, für später!« Er wurde tatsächlich rot und war froh, dass sie vor ihm ging und es nicht sah.

»Gut, für später also«, antwortete sie, faltete den Zettel zusammen, gab ihn aber nicht wieder her.

Im Vorschiff saß ein gutes Dutzend der Flüchtlinge auf dem Boden und wartete aufgeregt darauf, das erste Wort lesen zu lernen, vor allem, weil der Erwerb solcher Kenntnisse für einen Schwarzen im Süden ein Verbrechen darstellte, das mit dem Tod bestraft wurde. Gowers sah, wie sich ihm alle Gesichter erwartungsvoll zuwandten, sah ihren Ernst, aber auch ihre Freude und überlegte nur kurz. Dann holte er eine der alten Kabinentüren, die sie ausgebaut hatten und die mit einer Menge anderer Holzteile noch an Deck aufgestapelt lag. Ein handliches Stück Kohle musste die Kreide ersetzen.

»Ich werde ein paar Buchstaben auf diese Tür schreiben«, sagte er, während er es bereits tat, »und euch sagen, welches Wort sie ergeben. Danach wird jeder von euch das Wort genau nachmalen. Wir werden dann gemeinsam nach anderen Wörtern suchen, die mit dem gleichen Buchstaben anfangen.« Er trat zur Seite.

»Und was heißt es, Sir?«, fragte ein etwa elfjähriger Junge, der spindeldürr und halb verhungert aussah, und dessen Kleider ihm am Leib zu Lumpen zerfallen waren.

»Freiheit«, antwortete Gowers und wunderte sich nicht, dass die nächsten Wörter »Freundschaft«, »Familie«, »Farm« und »Feld« waren. Aber auch »Feuer«, »Fehler« und »Furcht«. Er war nicht umsonst der Sohn einer Lehrerin.

120.

Es war ein strahlend schöner Sonntag in der kleinen Siedlung Matawhero, die eigentlich nur aus einem Dutzend weit verstreut liegender Farmen bestand. Der Waipaoa River umfloss in einer weiten Schleife das ungewöhnlich fruchtbare Land, den fetten schwarzen Ackerboden, der ursprünglich sein altes Flussbett gewesen war, bis der Rongowhakaata-Stamm es ein Vierteljahrhundert zuvor in harter Arbeit trockengelegt hatte. Die jetzigen Besitzer, Reginald Biggs, James Wilson, George Goldsmith, William Green und ein halbes Dutzend anderer Pakeha trafen sich wie jeden Sonntag beim Kirchgang, dankten Gott einmal mehr für seine Güte, beteten aber seit knapp vier Wochen inbrünstiger für den Erhalt dieses ihres Glücks. Denn sie waren Diebe, und sie wussten es.

Sie hatten den großen Hauhau-Aufstand zwei Jahre zuvor ungewöhnlich schamlos für sich ausgenutzt und die rechtmäßigen Maorieigentümer des fruchtbaren Landes als angebliche Rebellen enteignen und deportieren lassen. Die übrigen Parzellen hatten sie willigeren Eingeborenen abgekauft, die sich ihrerseits widerrechtlich das Land der Verschleppten angeeignet hatten. Die Gerüchte von der Rückkehr der Betrogenen hatten die Siedler von Matawhero deshalb persönlicher getroffen als das übrige weiße Neuseeland, das in der Flucht der Whakarau bislang nur einen Akt der Insubordination, aber keine ernsthafte Bedrohung sah. Glücklicherweise hatten die Farmer Reginald Biggs auf ihrer Seite, der Militärkommandeur der Poverty Bay und der Turanga-Region war und durch seine sofortige Verfolgung die Ausbrecher in die unzugänglichen Urwälder gedrängt hatte. Mochten sie dort verrotten, solange nur keine offizielle Untersuchung der illegalen Landnahme den Besitz der Siedler infrage stellte!