Die letzten Nachrichten, die Biggs von seinen Kupapa-Milizen über die Aktivitäten der geflohenen Rebellen erhalten hatte, waren zwar beunruhigend – nächtliche Feuer auf den Hügeln im Norden, die auf eine heranrückende Truppe schließen lassen könnten –, aber ein offener Angriff auf Matawhero schien den Weißen, die im Schatten ihrer Kirche über diese Möglichkeit diskutierten, doch weitgehend ausgeschlossen zu sein. Sie tranken, sie rauchten, sie holten ihre Kinder aus der Sonntagsschule ab und begaben sich dann auf ihre Farmen, um den Tag des Herrn auf ihre Weise zu heiligen: ein gutes Essen, ein wenig Zeitungslektüre, ein Nachmittagsschläfchen und gegen Abend vielleicht die wöchentliche Annäherung an ihre Frauen, für die an den übrigen arbeitsreichen Tagen zu wenig Zeit blieb. Aber etwas an diesem Sonntag war anders; er war stiller.
George Goldsmith kam auf einem kleinen Spazierritt durch das Eingeborenendorf Patutahi und fand es von seinen Bewohnern verlassen. Er wandte sich in das benachbarte Pukeamionga, und auch diese kleine Maorisiedlung war leer. Goldsmith traf lediglich auf den loyalen alten Häuptling Paratene Pototoi, der ihm etwas Absonderliches berichtete: Der alte Mann hatte nördlich von Patutahi eine frisch geschlagene Schneise im dichten Urwald entdeckt, die er für den heimlich angelegten Weg einer Taua, also einer größeren Gruppe feindlicher Krieger, hielt. Aber da Paratene ihm außerdem erzählte, er habe schwere Träume in letzter Zeit, in denen die ganze Region Turanga menschenleer sei und ein Mann auf einem weißen Pferd die Landschaft durchstreife, brachte Goldsmith außer einer leichten Gänsehaut nichts von seinem Ausritt nach Matawhero zurück.
Erst auf Drängen seiner Frau ritt er gegen Abend noch kurz zu Biggs’s Hollow hinüber und teilte dem Major diese düsteren Gerüchte mit. Biggs beruhigte ihn und schickte ihn nach einem gemeinsamen Schlummertrunk auf seine unmittelbar am Waipaoa gelegene Farm zurück. Der Kommandant selbst aber setzte sich noch am späten Abend hin und schrieb einen Brief an den Provinzgouverneur McLean in Napier, in dem er um Verstärkung seiner Truppen bat. Er war noch nicht damit zu Ende, als draußen die Hunde anschlugen und nach einigen Sekunden wütenden Gebells und einem lauten Jaulen jäh wieder verstummten.
Biggs’ Frau und sein kleiner Sohn, die über dem Lärm erwacht waren, sahen noch, dass ihr Gatte und Vater seinen Revolver in der Hand hielt, ehe er sämtliche Lichter löschte. In der fast völligen Dunkelheit der mondlosen Nacht war durch die kleinen Fenster nichts zu erkennen. Sie hörten auch keinen Laut, und doch war die Annäherung einer tödlichen Bedrohung so deutlich spürbar, dass Biggs schließlich durch die geschlossene Tür rief: »Wer ist da draußen?«
Jemand, der schon in unmittelbarer Nähe des Hauses sein musste, antwortete mit ruhiger Stimme: »Öffne die Tür und sieh nach!«
Der Major glaubte, einen Schatten zu sehen, und schoss durch das Fenster, aber im gleichen Moment wurde die Tür aufgebrochen, und er erkannte nur noch das Mündungsfeuer der Gewehre, das ihn und seine kleine Familie tötete. Eine Fackel wurde entzündet, und Te Kooti sah sich die Leichen genau an, ehe er die Farm an allen vier Ecken in Brand stecken ließ. Dann stieg er wieder auf das weiße Pferd, das Maaka Ritai für ihn festgehalten hatte.
Der Angriff auf Matawhero war ein gut durchdachtes und kaltherzig durchgeführtes Massaker. Neunundzwanzig Europäer jeden Alters und Geschlechts wurden in dieser Nacht getötet, ein Dutzend Farmen im Lauf der nächsten achtundvierzig Stunden dem Erdboden gleichgemacht und über zweihundert Kupapa, regierungstreue Maori, gefangen genommen. Für vier Tage war Te Kooti der unumschränkte Herr in der Region Turanga und über das Land, das einmal ihm und seiner Familie gehört hatte. Die Pakeha in Napier, Gisborne, im fernen Wellington und im noch ferneren England sahen in ihm jetzt nur mehr einen Schlächter und schrien Wehe! über das Blut der mit Äxten und Bajonetten hingemetzelten Weißen.
Erst ein Jahrhundert später erkannten Historiker, dass nicht alle seine Opfer unschuldig gewesen waren, dass sie Te Kooti bestohlen, enteignet und ohne die Möglichkeit juristischer Gegenwehr in eine unbegrenzte Gefangenschaft geschickt hatten. Aber diese richtige Feststellung darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass seine so erfolgreich erworbene Machtstellung die dunklen Seiten dieses seltsamen und großen Charakters endgültig zum Vorschein brachte.
Unter den Gefangenen waren viele seiner persönlichen Feinde: Piripi Taketake und seine Frau Tarapoharu, die sein Land besetzt hatten, als er gefangen genommen wurde, und es später an Biggs und Wilson verkauften. Tutere Konoi, der ebenfalls Land verkauft hatte, auf das Te Kootis Familie Ansprüche hatte, und noch viele andere Häuptlinge, die zur Partei der Landseller gehörten und von jeher Todfeinde der Landholder gewesen waren, zu denen Te Kooti sich zählte. Unter ihnen befand sich auch der alte Paratene Pototoi, und seine Hinrichtung wurde zu einem festen Bestandteil in den mündlichen Traditionen des Ringatu und der Region Turanga.
Normalerweise berührte der Prophet die Gefangenen, deren Tod er beschlossen hatte, nur wortlos mit seiner Jagdpeitsche, und das Opfer wurde abgeführt. So geschah es Piripi, seiner Frau und all ihren Kindern. Als jedoch der alte Häuptling vor ihn gebracht wurde, wiederholte Te Kooti höhnisch vor der versammelten Menge die Worte, die dieser einst an ihn gerichtet hatte.
»Ich grüße meinen Vater, der gesagt hat: Geh auf das Boot, das Boot wartet auf dich! Nun, mein Sohn: Auf dich wartet die Axt!«
Aber auch Paratene wusste seine Rolle in dem Spiel, das er verloren hatte, gut zu Ende zu spielen. »Eine letzte Gnade erbitte ich, Rikirangi te Hianga9: Dein Henker soll mir die Axt ins Gesicht schlagen und nicht in den Nacken, damit ich sehe, wenn der Tod kommt!«
Te Kooti nickte, Maaka Ritai nahm Maß und spaltete dann dem Alten das Gesicht bis auf den Unterkiefer, aus dem die Streitaxt sich nur mit Mühe wieder lösen ließ. Die anderen Todeskandidaten wurden erschossen und erst danach mit Beilen, Schwertern und Bajonetten bearbeitet, denn Te Kooti ließ seine Krieger in diesen blutigen Tagen immer wieder den Psalm 63, 11 singen: »Sie werden dem Schwert hingegeben und den Schakalen zur Beute werden.« Und damit auch der zweite Teil dieses grausamen Verses wahr würde, befahl er, die Leichen unbestattet zu lassen, obwohl es auf Aotearoa keine Schakale, sondern nur ein paar verwilderte Haushunde gab.
Insgesamt siebzig Tote lagen so schließlich auf seinem Weg durch Turanga und in die Geschichte, und so berechtigt seine Ansprüche auf das Land am Waipaoa sein mochten, so ungerecht und grausam war etwa die Ermordung der sechzehnjährigen Maria Goldsmith, deren einziges Verbrechen es war, Tochter von George Goldsmith zu sein, der einst als Konstabler mitgeholfen hatte, Te Kooti zu verhaften. Maria wurde in den Rücken geschossen, als sie zu fliehen versuchte, und wer einem flüchtenden Kind in den Rücken schießt, der ist, bevor er irgendetwas anderes, ein Prophet, ein Rächer, ein Krieger, ein Freiheitsheld ist – ein wertloser Feigling.
121.
Gowers erwachte mit dem Gefühl, dass sein Gesicht brannte, und tastete instinktiv nach Schläfen, Kiefer und Kinn, fand sie aber mit dicken, in Leinöl getränkten Binden bedeckt. Sie abzuziehen vergrößerte die Schmerzen, und er zuckte vor seinen eigenen Fingern zurück, die ihm jedoch nach einer Weile verrieten, dass sein Gesicht offenbar voller Schnittwunden war. Ihr feiner, über Nacht ausgebildeter Schorf zerriss an den Stellen, an denen er sich berührte, und an seinen Fingerspitzen war frisches Blut, als er sie ansah.
»Was, zum Teufel …«, sagte er laut, bereute es aber sofort,weil die Bewegung seines Mundes einen so scharfen Schmerz auslöste, als hätte er sich beim Rasieren geschnitten. Er biss die Zähne zusammen, aber auch das Anspannen der Kiefermuskulatur verursachte das Gefühl, die Haut darüber würde zerreißen. Wasser! Kühlung!, dachte er, fand aber in der ganzen Hütte keinen Tropfen Flüssigkeit und presste schließlich widerwillig die schon zur Seite geworfenen Leinverbände auf die schmerzenden Stellen. Was zur Hölle war mit ihm geschehen?