Die Hand auf Kinn und Kiefer gelegt wie ein schwer Zahnwehkranker taumelte er ins Freie, fand aber niemanden, der ihm eine Erklärung für seinen Zustand geben konnte. Das Lager war nahezu leer. Nur ein paar kleine, teilweise nackte Kinder spielten neben der neu errichteten Palisade, deren zugespitzte Stämme noch den Geruch frisch geschlagenen Holzes ausströmten. Da er zum Glück für alle Beteiligten sonst keinen Menschen sah, ging er zu ihnen hinüber und unterbrach ihr Spiel mit der kleinen, halb toten Eidechse, die sie im Kreis herumscheuchten, und sie lachten ihn an.
Gowers erwiderte ihr Lächeln, besann sich aber rasch eines Besseren: Hölle und alle Teufel! Was war mit seinem Gesicht los? Als er für einen Moment Hand und Verband von seinem Kinn nahm, sah er, wie die Augen der Kinder sich weiteten und ihre kleinen schmutzigen Münder aufklappten. Gottverfluchte, alberne Geschichte: Diese Rotznasen wussten mehr über ihn als er selbst! Er erkannte das kleine Mädchen, das ihn an Bord der Rifleman angestrahlt hatte, und beugte sich zu ihr hinunter.
»Du«, flüsterte er hinter wieder vorgehaltener Hand und versuchte dabei, seine Lippen so wenig wie möglich zu bewegen. »Ein Spiegel! Ich brauche einen Spiegel!« Ob sie ihn verstanden hatte, ob man ihn überhaupt verstehen konnte, wusste er nicht, jedenfalls wich ihr lachendes Unverständnis einem sehr ernsthaften Stirnrunzeln, sie erhob sich und ging ein paar Schritte in Richtung der Hütten. Ihr Kleid war schmutzig vom Staub, in dem sie gesessen hatte, und Gowers fragte sich, ob sie aus Angst wegging oder wusste, was er wollte.
Heni blieb stehen, weil der große weiße Moana-poutikanga oder Seeführer ihr nicht folgte. Sie war sechs Jahre alt und hatte immer noch ein wenig Angst vor ihm, wie sie Angst vor allen Pakeha hatte. Sie war noch zu klein, um sich an das Leben in ihrem Heimatdorf zu erinnern; sie kannte nur die Gefangenschaft auf der fernen kalten Insel, und die Pakeha dort waren böse Männer gewesen, die sogar ihrer Mutter Angst gemacht hatten. Dieser Weiße war anders. Der Arikirangi hatte es gesagt, sie selbst hatte es gespürt, gehofft, als sie ihn ganz allein mit dem Meer, mit dem Wind und dem großen Schiff kämpfen sah. Fasziniert hatte sie irgendwann festgestellt, dass das Schiff tat, was er wollte, und – glaubte sie – das Meer und der Wind auch ein bisschen.
Jetzt wollte er einen Spiegel, um sein Moko zu sehen, das noch frisch und sehr hässlich war. Heni hatte einen kleinen Spiegel, ein sehr kostbarer Besitz, den sie vor den anderen Kindern und sogar jungen Mädchen verbarg, weil sie nur Unsinn damit machten. Dem Poutikanga würde sie ihn geben, denn dass er auch für sie gekämpft hatte, mit dem Meer, mit dem Wind, wusste sie. Aber er folgte ihr nicht. Ihn anzusprechen hätte sie sich nicht getraut, aber irgendwann kam sie zurück und nahm ihn bei der Hand. Er ist ganz anders an Land, dachte sie, entzückt darüber, dass nun sie ihn führen konnte.
Die Kleine zog ihn wortlos durch das halbe Dorf bis zu der Hütte, in der die unverheirateten Mädchen lebten. Als sie am Wharenui, dem Versammlungshaus, vorüberkamen und Gowers die an seinem Giebel angebrachte Figur mit den tief eingeschnittenen Gesichtslinien sah, dämmerte ihm zum ersten Mal etwas, und Heni merkte am plötzlich schmerzhaften Druck seiner Hand, dass eine gewaltige, kaum noch zurückzuhaltende Wut in ihm aufstieg.
In der schattigen Kühle des Mädchenhauses schien sein Zorn sich jedoch zu legen. Rasch suchte Heni den kleinen Spiegel hervor, eigentlich nur eine handtellergroße Spiegelscherbe, die dennoch einen Ehrenplatz unter ihren Schätzen, ein paar ausgesucht schönen Muscheln, einer zerrissenen Glasperlenkette, einem glänzenden Sixpence und ähnlichen Dingen, einnahm.
Gowers nahm die Binden von seinem Gesicht und hätte sich fast übergeben, als er sich in der Spiegelscherbe sah. Sein Magen zog sich zusammen, er zitterte und wurde blass – was die dünnen schwarzblauen, noch blutigen Linien, Kreise und Punkte, die sich auf beiden Seiten seines Gesichts von den Schläfen über die Kieferknochen herunterzogen, um sich auf seinem Kinn zu vereinigen, noch deutlicher hervortreten ließ. Das Gewebe daneben war wund und rot, und er murmelte, trotz der Schmerzen, die das verursachte: »Ich bringe ihn um! Ich bringe ihn um!«
Heni spürte seine Wut, hörte seine Worte, aber anstatt davonzulaufen, begann sie vor Schreck zu weinen und klammerte sich an seinem Bein fest, als er hinausstürzen wollte. Sein Moko tat ihm weh, aber wen wollte er deshalb töten? Und warum? Das Moko war nichts Schlimmes. Es war ein Schmuck und ein Zeichen dafür, wer und was man in der Welt war. Gewiss, es sollte furchtbar wehtun, wenn es ins Fleisch geschlagen wurde. Heni hatte die älteren Mädchen oft davon sprechen hören und schauderte bei dem Gedanken, dass eines Tages vielleicht auch sie selbst unter dem Hammer und den scharfen Muschelklingen des Tatauiermeisters liegen würde.
Gowers hatte Tätowierungen schon immer verabscheut. Unter britischen und amerikanischen Seeleuten war diese Unsitte weit verbreitet, wurde aber ohne große Kunstfertigkeit geübt, und er fand die Ergebnisse nicht nur hässlich, sondern auch lächerlich. Ihm selbst, der in seinem Leben schon so vieles gewesen war, war es zudem immer dumm und anmaßend vorgekommen, wenn ein Mensch sich selbst durch die Endgültigkeit einer Tätowierung sozusagen als »fertig« deklarierte. Sollte man nicht immer die Möglichkeit wahren, noch einmal ein anderer zu werden?
Die ganze Lächerlichkeit seiner unsäglichen, gemeinen Verstümmelung kam ihm erst bei diesen Überlegungen richtig zu Bewusstsein, und er kochte vor Wut, konnte aber den wüsten Schwall überschäumender Seemannsflüche nicht einmal aus seiner Kehle hervorwürgen, weil das seine Wunden wieder aufgerissen hätte. Es gelang John Gowers nicht mehr, was er sein Leben lang halbwegs beherrscht hatte: sein Spiegelbild mit seiner Vorstellung von sich selbst in Einklang zu bringen, und Gott weiß, was geschehen wäre, wenn sich in diesem ebenso furchtbaren wie albernen Moment kein weinendes kleines Mädchen an ihn geklammert hätte.
Heni zog seine Hände herunter und streichelte sie, zog ihn zu dem nächstbesten aus Farnkraut und bunten Decken gebildeten Lager, als wüsste sie, dass es Momente gibt, in denen ein Mann entweder explodiert oder sich hinlegen muss. Gowers legte sich, langsam und seufzend, wie ein großer Baum fällt. Er schämte sich vor dem Mädchen und vor sich selbst, weil aus seiner Erschütterung so deutlich hervorging, dass sein glattes Gesicht ihm mehr bedeutet hatte, als er sich zugestand. Es war eine peinliche Erkenntnis. Das Mädchen weinte noch immer, aber sie beruhigte sich schneller als der Mann.
Sie legte sich neben ihn, ihren kleinen Kopf auf seine zitternde Brust, hörte den wilden Schlag seines starken, unruhigen Herzens und begann, leise zu singen. Es war eines der religiösen Lieder, die der Arikirangi ihnen beigebracht hatte, und wenn Gowers die Worte verstanden hätte, hätte er vor Lachen wieder zu bluten begonnen, so absurd war die Situation. Heni merkte, dass er immer wieder nach seinem Gesicht tastete, und um ihn daran zu hindern, sich auf diese Weise wehzutun, legte sie irgendwann seine Hände auf ihren Körper, als sei sie bereits erwachsen, und fing an, seine Wunden zu lecken.
Gowers hatte noch nie ein Kind auf diese Weise im Arm gehalten und wusste nicht, was ihn stärker irritierte, was ihn sanfter, zärtlicher stimmte: ihr schmaler Rücken in seiner Hand oder die weiche kleine Zunge, die ihm den Schmerz aus Gesicht und Seele leckte. Als Heni kein Blut mehr schmeckte, hörte sie auf, sah sich die Tätowierung aufmerksam an und sagte dann zum ersten Mal etwas, das Gowers verstand: »Sterne und Strömungen, die Wolken und den Wind kenne ich.«