»Wie viele Syndiks könnten bei Lakota auf uns warten?«, fragte der Captain der Warspite. »In den letzten Gefechten haben wir ihnen doch erhebliche Verluste zugefügt, außerdem haben wir ihre im Bau befindlichen Schiffe bei Sancere zusammen mit den Werften zerstört. Wenn der Haufen, der uns hier bei Ixion empfangen hat, als Maßstab gelten kann, dann sind die Syndiks wohl verzweifelt auf der Suche nach Schiffen, um eine Flotte zusammenzukratzen.«
Captain Tulev antwortete in ernstem Tonfalclass="underline" »Vergessen Sie nicht den Hinterhalt im Syndik-Heimatsystem. Jeder Verlust, den wir den Syndiks seitdem zugefügt haben, dient nur dazu, allmählich das Gleichgewicht wiederherzustellen, dass durch die Vernichtung eines großen Teils unserer Flotte gestört worden ist.«
Betretenes Schweigen machte sich am Konferenztisch breit, da niemand Tulevs Aussage widersprechen wollte.
»Aber die Besatzungen dieser Schiffe hier waren doch blutige Anfänger«, hielt Commander Neeson von der Implacable dagegen. »Die hätte man noch gar nicht ins Gefecht schicken dürfen.«
»Das stimmt«, pflichtete Captain Duellos bei. »Captain Geary und ich haben darüber schon gesprochen, und wir glauben, die Syndiks hielten unser Auftauchen bei Ixion für so unwahrscheinlich, dass sie die erfahreneren Schiffe in andere Systeme geschickt haben.«
»Aber das bedeutet, dass sie zu wenig Schiffe haben«, beharrte Neeson.
»Zu wenige auf jeden Fall, um in mehr als einem System eine übermächtige Flotte in Position zu bringen, da sie nicht wissen, wo genau wir auftauchen werden«, betonte Duellos. »Sie haben mit Sicherheit zunehmend Schwierigkeiten, alle Möglichkeiten abzudecken.«
»Und mit etwas Glück«, fuhr Geary fort, »wird das auch Auswirkungen auf die Streitmacht haben, die bei Lakota wartet.«
»Haben Sie diese Angelegenheit mit Senatorin Rione besprochen?«, wollte plötzlich Captain Midea wissen.
Geary sah sie ohne jede Gefühlsregung an und fand, dass sie von Mal zu Mal mehr wie ein CEO der Syndiks aussah. »Ihr korrekter Titel lautet Co-Präsidentin Rione der Callas-Republik, Captain Midea, auch wenn sie ein Mitglied des Allianz-Senats ist. Ja, ich habe das mit ihr besprochen.«
»Dann ist es ihre Entscheidung, dass wir Lakota anfliegen?«
Als Geary sah, wie sich einige der Anwesenden reflexartig gerader hinsetzten, wusste er, wie er diese Reaktion zu deuten hatte. Und ihm war auch klar, wenn Rione sich im Rahmen der Konferenz gegen seinen Plan aussprechen wollte, dann war ihr soeben der perfekte Anlass geliefert worden. »Wie ich bereits bei früheren Gelegenheiten erwähnt habe, trifft Co-Präsidentin Rione keine Entscheidungen über den Kurs, dem diese Flotte folgt«, erwiderte er nachdrücklich.
Rione selbst meldete sich zu Wort und ergänzte ohne Gefühlsregung in ihrer Stimme: »Als Mitglied des Allianz-Senats besitze ich keine Befehlsgewalt über die Flotte, Captain Midea. War Ihnen das nicht bekannt?«
Mideas Gesicht lief rot an. »Wenn Co-Präsidentin Rione großen Einfluss auf Entscheidungen des Flottenkommandanten nimmt, dann kommt das aufs Gleiche raus.«
»Ich habe kein Problem damit«, gab Rione kühl lächelnd zurück, »bei der Ehre meiner Vorfahren zu schwören, dass Captain Geary so gut wie nie auf meinen Ratschlag gehört hat, was den Kurs dieser Flotte angeht.«
»Politikerehre«, murmelte jemand.
Einige, aber nicht alle, befehlshabende Offiziere der Schiffe der Callas-Republik verzogen das Gesicht, ein paar andere Offiziere am Tisch reagierten mit flüchtigem Lächeln auf die Beleidigung. Die meisten jedoch ließen keine Regung erkennen.
Geary wusste, dass ihm seine Reaktion nur zu deutlich anzusehen war. »Stellt meine Ehre diejenigen zufrieden, die an Co-Präsidentin Riones Worten zweifeln?«, forderte er die versammelten Offiziere heraus. Rione hatte die Gelegenheit nicht genutzt, seiner Entscheidung zu widersprechen, was für ihn Grund zur Erleichterung und zur Dankbarkeit war.
Nur Schweigen schlug ihm entgegen, bis Captain Mosko zögerlich zu einer Antwort ansetzte: »Man erwartet von Ihnen, dass Sie sie verteidigen, Captain Geary, wenn man die Beziehung zwischen Ihnen beiden bedenkt. So handelt auch ein ehrbarer Offizier.«
»Co-Präsidentin Rione erteilt Captain Geary keine Befehle. Und wenn sie es versuchen sollte, würde er nicht darauf achten«, widersprach Captain Desjani mit klarer Stimme, die frei von Gefühlsregungen war. »Das ist mein Urteil aus direkten Beobachtungen von Captain Gearys Verhalten auf der Brücke der Dauntless. Ich sage das bei meiner Ehre, und ich schätze, niemand glaubt, zwischen Co-Präsidentin Rione und mir könnte eine Beziehung bestehen, durch die ich mich verpflichtet fühlen könnte, sie zu verteidigen.«
»Sie fühlen sich offenbar verpflichtet, Captain Geary zu verteidigen«, erwiderte Captain Midea mit einem Unterton, der unterstellte, dass Desjanis Verpflichtung, ihn zu verteidigen, nicht allein dienstliche Gründe hatte.
Desjani warf der anderen Frau einen vernichtenden Blick zu. »Captain Midea, ich werde jeden Offizier verteidigen, der in der Lage ist, unseren Feind zu schlagen. Ganz besonders sogar, wenn er es so effizient erledigt wie Captain Geary. Er ist mein Flottenkommandant, und er ist ein Mann von Ehre. Meine Feinde sind die Syndiks und jeder, der sie unterstützt.«
Das nachfolgende Schweigen war noch angespannter als zuvor. Etwas widerwillig mischte sich Captain Casia ein, um Midea den Rücken zu stärken. »Diskussionen und Debatten zwischen den befehlshabenden Offizieren sind ein in der Flotte akzeptiertes Verhalten. Sie sind kein Anlass, um jemanden des Verrats zu bezichtigen.«
»Habe ich denn jemanden des Verrats bezichtigt?«, wollte Desjani wissen.
Geary setzte dem sich anschließenden betretenen Schweigen ein jähes Ende. »Offene Diskussionen und Debatten werden akzeptiert, aber nicht mehr, nachdem bereits über eine Vorgehensweise entschieden worden ist. Ich weiß, es gibt einige Offiziere in dieser Flotte, die hinter vorgehaltener Hand Dinge sagen, die sie öffentlich nicht wiederholen wollen. Ich habe es schon zuvor gesagt, und ich werde es jederzeit wiederholen, dass ich für Vorschläge und konstruktive Kommentare immer empfänglich bin, trotzdem mache ich auch noch einmal deutlich, dass ich der Befehlshaber dieser Flotte bin und es meine Pflicht und Verantwortung ist, Entscheidungen zu treffen und Befehle zu erteilen.«
Captain Badaya nickte. »Genau das erwarten wir auch von Ihnen«, merkte er an und warf Casia einen verächtlichen Blick zu. »Wenn wir das Hypernet-Portal bei Lakota nicht benutzen können, was wird dann unser nächstes Ziel sein?«
Dankbar dafür, dass er auf das eigentliche Thema zurückkommen konnte, anstatt über reale oder eingebildete Beziehungen zu reden, deutete Geary auf das Display. »Uns stehen dann einige gute Möglichkeiten offen. Wohin wir weiterfliegen werden, hängt zum Teil davon ab, was wir bei Lakota vorfinden und wie sehr wir dadurch in Kämpfe verwickelt werden.« Er sah zu Captain Tyrosian und den anderen Kommandanten der Hilfsschiffe. »Dank der herausragenden Anstrengungen unserer Hilfsschiffe sind wir in der Lage gewesen, den Vorrat an Brennstoffzellen und Munition auf ein gutes Niveau zu bringen, auch wenn wir im Durchschnitt noch nicht wieder hundert Prozent erreicht haben. Dafür wurde aber auch ein Großteil der Rohstoffe aufgebraucht, die wir bislang an Bord geholt haben. Wir müssen auf jeden Fall wieder unsere Vorräte aufstocken. Wie dringend das zu erfolgen hat, hängt davon ab, wie viele Brennstoffzellen wir bei Lakota verbrauchen und wie viele Waffen wir abfeuern werden.«
»Es scheint so, als würden wir sehr viel Zeit damit verbringen, die Hilfsschiffe zu bewachen oder deren Vorräte aufzustocken«, brummte der befehlshabende Offizier der Intrepid.
»Würden wir das nicht machen«, gab Captain Duellos gut gelaunt zurück, »dann säßen Sie jetzt schon längst in einem Syndik-Arbeitslager. Ohne Waffen und ohne Brennstoffzellen lässt sich nämlich nur schwer kämpfen.«