Lieutenant Casell Riva war offenbar für Desjani nicht länger »Casell«, doch das konnte Geary ihr auch nicht verübeln. Verdammt! Und ich habe ihr auch noch vorgeschlagen, dass sie Riva auf ein Schiff wie die Furious schicken soll. »Das tut mir leid.«
Sie zuckte mit den Schultern, als sei sie davon gar nicht persönlich betroffen. »Er ist hier der Verlierer, Sir.«
»Da haben Sie recht.«
»Eigenartig ist es dennoch«, redete Desjani weiter und starrte an Geary vorbei ins Leere. »In der Zeit, in der er sich in Gefangenschaft befand, kam es mir manchmal so vor, als würde er im Kälteschlaf liegen. Er ist derselbe geblieben, seine Karriere und sein Leben befanden sich in einer Warteschleife. Alles verharrte in dem Stadium, in dem es sich befunden hatte, als er in Syndik-Gefangenschaft geriet. Von seinem Alter abgesehen war er so, wie ich ihn in Erinnerung hatte.« Grübelnd hielt sie einen Moment lang inne. »Nachdem er den Schock der Rettung überwunden hatte und wusste, dass ich noch lebte, hat er sich meiner Meinung nach daran gestört, dass ich mich in der Zwischenzeit verändert hatte. Ich war nicht mehr der Lieutenant, nicht mehr die Frau, die er vor seiner Gefangennahme gekannt und in Erinnerung behalten hatte.«
»Wenn er im Arbeitslager so oft an Sie gedacht hat, dann wundert es mich, dass er Ihnen untreu geworden ist, kaum dass er in Freiheit war.«
Desjani verzog den Mund zu einem humorlosen Grinsen. »Ich habe nicht gesagt, dass er mir in dieser Zeit treu war, Sir. Im Arbeitslager gab es zahlreiche Frauen. Lieutenant Riva hatte einige kurzlebige Beziehungen. Er gestand mir das ein, und ich konnte es ihm nicht mal verdenken. Allerdings hätte ich mich schon fragen müssen, wieso diese Beziehungen alle so kurzlebig waren.«
»Glauben Sie, er ist eifersüchtig?«, fragte Geary. »Darauf, dass Sie inzwischen Captain sind und Ihr eigenes Schiff haben?«
»Das ist mir auch aufgefallen. Es macht Lieutenant Riva zu schaffen, dass er von so vielen Offizieren umgeben ist, die alle jünger sind als er, aber einen höheren Dienstgrad innehaben. Ich habe ihm gesagt, dass er sehr bald mit einer Beförderung rechnen kann, doch er scheint der Ansicht zu sein, man müsse ihn bevorzugt behandeln, bis er wieder Anschluss an die Welt gefunden hat, die sich ohne ihn weiterentwickelt hat.« Sie verzog den Mundwinkel. »Diese Frau an Bord der Furious war ein Ensign… und nur gut halb so alt wie er.«
»Das ist eigentlich keine gute Idee, um seinem Ego Auftrieb zu geben«, meinte Geary dazu. »Naja, leid tut es mir trotzdem.«
Diesmal präsentierte Desjani ein ehrliches Lächeln. »Ich finde, ich verdiene etwas Besseres als ihn, Sir.«
»Daran besteht nicht der geringste Zweifel. Danke, Tanya. Tut mir leid, dass ich Sie damit behelligt habe.«
»Ich weiß Ihre Fürsorge zu schätzen, Sir.« Ihre Miene nahm einen wehmütigen Ausdruck an. »Ich hätte wissen sollen, dass in meinem Leben kein Platz ist für eine Beziehung. Schließlich habe ich schon eine Vollzeitbeziehung zu einer Lady namens Dauntless, die meine komplette Aufmerksamkeit erfordert.«
»Mit dem Gefühl bin ich vertraut«, stimmte Geary ihr zu. »Einem befehlshabenden Offizier bleibt wenig Zeit für ein Privatleben. Aber Sie sind ein guter Captain.«
»Vielen Dank, Sir.« Sie stand auf und wollte sich wegdrehen, sah dann jedoch wieder Geary an. »Sir, darf ich Ihnen eine persönliche Frage stellen?«
»Das Recht haben Sie sich allemal verdient«, erklärte Geary. »Wir haben uns schließlich die ganze Zeit über Ihr Privatleben unterhalten. Also, was möchten Sie wissen?«
»Wie läuft es zwischen Ihnen und Co-Präsidentin Rione?«
Geary war sich nicht sicher, wie er seine Antwort formulieren sollte. Schließlich lächelte er, zog aber gleichzeitig auch die Stirn in Falten. »Ich glaube, es läuft ganz gut.«
»Es… es hat mich gewundert, Sir. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass sie zu Ihnen zurückkehren würde.«
»Ich auch nicht«, erwiderte er und nickte bekräftigend.
Desjani zögerte einen Moment lang. »Ist es Ihnen ernst, Sir?«
»Ich glaube schon«, gab er zurück und lachte kurz auf. »Verdammt, ich weiß es nicht. Aber ich glaube schon.«
»Und ist es ihr auch ernst?«
»Da bin ich mir nicht sicher.« Wenn es jemanden gab, mit dem er offen darüber reden konnte, dann war es Desjani. »Ich weiß nicht. Sie zeigt ihre Gefühle nicht allzu deutlich.«
»Einmal hat sie es gemacht, Sir«, sagte sie leise. »Was sie momentan fühlt, kann ich Ihnen nicht sagen, aber ich glaube, die Entdeckung, dass ihr Mann womöglich noch lebt, hätte sie nicht so tief getroffen, wenn sie nichts für Sie empfinden würde. Allerdings ist das natürlich nur meine persönliche Meinung.«
Dieser Gedanke war Geary auch schon gekommen. »Danke, dass Sie das erwähnt haben. Ich weiß nicht immer, ob… na ja…«
»Sie wissen nicht immer, ob sie die Wahrheit sagt?«, führte sie versuchsweise seinen Satz zu Ende.
Geary lächelte sie an. »Ja. Rione ist Politikerin, aber das wusste ich von Anfang an.«
»Manche Politiker sind schlimmer als andere, was bedeuten muss, dass manche besser sind als andere. Und so schlimm Politiker auch sein mögen, es gibt immer noch schlimmere Berufe.«
»Tatsächlich? Ach ja, stimmt. Zum Beispiel Anwälte.«
»Ja, Sir«, bestätigte Desjani. »Oder Literaturagenten. Das hätte ich werden können.«
»Ist das wahr?« Geary betrachtete sie und versuchte sich vorzustellen, wie sie nicht auf der Brücke der Dauntless, sondern auf irgendeinem Planeten hinter ihrem Schreibtisch saß und Abenteuergeschichten las und verkaufte, anstatt diese Abenteuer selbst zu leben.
»Bevor ich zur Flotte ging, bot mein Onkel mir einen Job in seiner Agentur an«, erzählte sie. »Aber von allen anderen Faktoren einmal abgesehen, hätte dieser Job für mich bedeutet, mit Autoren zusammenarbeiten zu müssen, und Sie wissen sicher, wie diese Leute sind.«
»Ich hab so einiges darüber gehört.« Geary konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. »Stimmt das, was Sie mir da gerade erzählt haben?«
Desjani erwiderte sein Grinsen. »Kann schon sein, Sir.«
Lange, nachdem sie sein Quartier verlassen hatte, sah Geary immer noch auf die Luke, die sich hinter ihr geschlossen hatte. Es tat gut, mit Desjani einfach mal über etwas anderes zu reden. Sie teilte ihre Erfahrungen mit ihm, die zum Teil aus ganz verschiedenen Karrieren in der Flotte herrührten, und trotz eines Jahrhunderts Zeitunterschied doch Parallelen aufwiesen, mit denen sich wohl jeder Offizier und jeder Matrose der Menschheitsgeschichte auf die eine oder andere Weise identifizieren konnte. Anderes wiederum stammte aus ihrer gemeinsamen Zeit auf diesem Schiff und drehte sich um die Last des Kommandos und die gemeinsamen Kämpfe gegen den Feind. Ihm fiel auf, dass es ihm erstaunlich leichtfiel, sich mit Desjani zu unterhalten.
Ich frage mich, was wohl geschehen wäre, wenn ich nicht Desjanis Vorgesetzter geworden wäre und ich mich trotzdem auf diesem Schiff befinden würde. Wenn nicht Ehre und Pflichtgefühl unser Verhalten bestimmen würden…
Nein, fang gar nicht erst damit an. Denk nicht über so was nach. So ist es nicht gelaufen, und so wird es auch nie laufen…
Als er wach wurde, wusste er, dass Mitternacht jenes künstlichen Tagesablaufs auf dem Schiff, der dem menschlichen Biorhythmus möglichst gerecht zu werden versuchte, noch nicht lange verstrichen war. Im Idealfall würde die Flotte Lakota zu einer humanen Uhrzeit erreichen, wenn jeder von ihnen ausgeschlafen war und gefrühstückt hatte. Vorausgesetzt, irgendjemand konnte überhaupt gut schlafen, wenn er doch wusste, dass auf ihn ein feindliches System mit einer unbekannten Anzahl gegnerischer Schiffe wartete. Nicht viel besser sah es da mit dem Frühstück aus, denn die Aussicht auf eine drohende Schlacht schlug manchem schnell auf den Magen. Aber es wäre einfach schön gewesen, diese Gelegenheit zu bekommen.