»Ist das nicht auch das, was Sie in Wahrheit beabsichtigen?«, hakte Rione nach.
»Das ja, aber wenn es uns gelingt, die Syndiks weit genug von ihrer Position wegzulocken, dann können wir es vielleicht zum Portal schaffen. Diese Möglichkeit will ich mir auf jeden Fall offenhalten.«
»Glauben Sie ernsthaft, die werden es riskieren, sich vom Portal zu entfernen?« Rione machte keinen Hehl aus ihrer Skepsis.
»Möglicherweise. Und falls nicht, nehmen wir Kurs auf Branwyn.«
Der Konferenzraum war durch die Software bereits erweitert worden und der größte Teil der Captains hatte sich eingefunden. Ein kleiner Warnhinweis schwebte vor Geary in der Luft, als er sich setzte, und machte ihn darauf aufmerksam, dass die Flotte im Moment relativ breit gefächert unterwegs war und es bei den Antworten von weiter entfernten Schiffen zu deutlichen Verzögerungen kommen konnte.
»Willkommen in Lakota«, sagte Geary in die Runde und bemerkte dabei, dass er sich bei Gelegenheit eine andere Eröffnung einfallen lassen sollte. »Wie es aussieht, waren wir den Syndiks wieder mal einen Schritt voraus.«
»Warum nehmen wir nicht Kurs auf das Hypernet-Portal?«, wollte Captain Casia prompt wissen.
Er war es wirklich leid, immer wieder von Casia unterbrochen zu werden, also sah er den Mann so lange und so eindringlich an, bis der sichtlich unruhig wurde. »Ich wäre Ihnen dankbar«, erklärte Geary in einem Tonfall, der so emotionslos wie irgend möglich war, »wenn Sie in Zukunft abwarten, bis ich meine Ausführungen beendet habe, bevor Sie meine Pläne kommentieren. Habe ich mich klar ausgedrückt, Captain Casia?«
»Ich wollte nur…«
»Habe ich mich klar ausgedrückt, Captain Casia? Haben Sie verstanden, was ich soeben gesagt habe?« O ja, Black Jack kam mit so was durch. Und es fühlte sich gut an. Er musste nur aufpassen, dass er es nicht übertrieb und es immer noch zu John Geary passte.
»Ich habe verstanden.« Als Geary ihn weiter mit versteinerter Miene musterte, fügte er schließlich noch ein »Sir« hinzu.
»Danke.« Er ließ seinen Blick über den Tisch schweifen und musste einen Moment lang überlegen, wo er unterbrochen worden war. »In diesem System hält sich nur eine kleine Syndik-Flotte auf. Aber die ist dennoch schlagkräftig genug, um das Hypernet-Portal zu zerstören, wenn wir versuchen sollten, darauf Kurs zu nehmen. Solange die Flotte ihre Position nicht verlässt, können wir nicht darauf hoffen, das Portal zu nutzen.«
Er deutete auf das Display, auf dem die Allianz-Formation dargestellt war. Eine lange Linie zog sich durch das Lakota-System bis zu einem Punkt, der sich genau in der Mitte zwischen den beiden Sprungpunkten auf der anderen Seite des Sterns befand. »Wenn wir die Syndiks nicht vom Portal weglocken können, müssen wir weiter den Sprungraum benutzen. Falls das erforderlich wird, ist Branwyn unser nächstes Ziel.« Das löste allgemeines Lächeln aus, da Branwyn sie der Allianz ein Stück näher brachte. »Aber wir können die Syndiks bis zum letzten Moment im Unklaren darüber lassen, ob wir nicht vielleicht doch nach T'negu springen wollen.«
»Die werden das Portal nicht unbewacht zurücklassen«, ließ Captain Tulev verlauten. »Die haben zweifellos den Befehl, uns daran zu hindern, das Portal zu nutzen.«
»Vermutlich ja«, stimmte Geary ihm zu. »Aber es gibt eine Chance, dass sie sich doch dazu verleiten lassen, wenn sie davon überzeugt sind, dass wir auf dem Weg zum Sprungpunkt sind und sich ihnen die Gelegenheit bietet, uns einen schweren Schlag zuzufügen.«
Ein Stück weiter den Tisch entlang verzog Captain Tyrosian den Mund. Als Geary das letzte Mal einen Köder benötigt hatte, war dafür eines der Hilfsschiffe benutzt worden. Es würde ihr noch weniger gefallen, wenn sie erfuhr, dass er diesmal alle vier Hilfsschiffe als Lockvogel einsetzen wollte.
Geary veränderte die Darstellung des Displays und zoomte die Allianz-Formation heran. »Die Syndiks können erkennen, dass Echo Five Five in erster Linie aus unseren vier Hilfsschiffen und den am schwersten beschädigten Schiffen besteht. Ich habe die Flotte bereits so angeordnet, dass Echo Five Five hinter allen anderen Schiffen hinterherfliegt. Während wir das System durchqueren, wird Echo Five Five nach und nach den Anschluss verlieren, so als sei die Formation nicht in der Lage, mit der Flotte mitzuhalten.«
»Wie weit soll die Formation den Anschluss verlieren?«, wollte Captain Midea wissen, die sich diesmal spürbar anders verhielt. In Ermangelung einer unmittelbaren Bedrohung war sie zuvor extrem unangenehm aufgetreten, aber im Angesicht einer Syndik-Streitmacht schien sie sich mehr darauf zu konzentrieren, wie mit dem Feind umzugehen war, als Geary das Leben schwer machen zu wollen.
»Echo Five Five wird in Reichweite der Flotte bleiben«, versicherte er ihr.
»Wenn das der Fall ist, werden die Syndiks den Köder nicht schlucken«, wandte Midea ein. »Wir müssen schon eine ganze Strecke weiter sein, um den Eindruck zu erwecken, der Rest der Flotte sei zu weit entfernt, um uns beizustehen.«
Duellos warf Midea einen kritischen Blick zu, während Casia die Stirn runzelte und Captain Cresida zustimmend nickte. »Sie hat völlig recht, Sir.«
Energisch schüttelte Geary den Kopf. »Ich kann nicht riskieren, dass…«
»Die Paladin kann kämpfen«, beharrte Midea. »Verlegen Sie sie zur Orion, Majestic und Warrior, nehmen Sie die Schiffe der Siebten Schlachtschiffdivision dazu, und dann haben wir in dieser Formation sieben Schlachtschiffe. Das genügt, um es mit den Syndik-Kriegsschiffen aufzunehmen.«
Commander Yin von der Orion sah Midea voller Entsetzen an, während die Befehlshaberin der Majestic bedauernd den Kopf schüttelte. »Ein Fronteinsatz übersteigt unsere Möglichkeiten. Und das gilt auch für die Warrior.«
»Die Warrior ist bereit, ins Gefecht zu ziehen«, widersprach Commander Suram entschieden.
Geary schaute Suram an und ließ ganz bewusst erkennen, wie beeindruckt er von dessen Einstellung war.
»Seit wann muss die Allianz-Flotte zahlenmäßig überlegen sein, um sich dem Feind zu stellen?«, wollte Midea wissen. »Die Warrior ist bereit zum Kampf, und selbst wenn die Majestic und die Orion nicht eingesetzt werden können, haben wir immer noch halb so viele schwere Schiffe wie die Syndiks. Ein Allianz-Schiff kann es mühelos mit zwei gegnerischen Schiffen aufnehmen.« Sie warf Geary einen vorwurfsvollen Blick zu. »Black Jack Geary hat sogar eine zehnfache Übermacht geschlagen.«
Hatte er bei Grendel tatsächlich einer zehnfachen Übermacht gegenübergestanden? Eigenartig, dass er sich an solche generellen Dinge nicht erinnern konnte, sondern nur an viele kleine Details dieser Schlacht.
Mit einem Mal wurde Geary bewusst, dass Captain Midea das Potenzial besaß, jeden Flottenkommandanten verrückt zu machen. Wenn sie nicht mit einer unmittelbaren Bedrohung durch den Feind konfrontiert wurde, verhielt sie sich schwierig und aufsässig, und wenn der Feind in Reichweite war, wollte sie am liebsten geradewegs auf ihn losstürmen. An ihrem Mut war nichts auszusetzen, aber gedankenloses Vorpreschen unter allen Umständen war nichts, was einen guten Offizier auszeichnete. Er fragte sich, wie Numos es wohl geschafft hatte, diese Frau zu bändigen.
War die Chance, das Hypernet-Portal zu erreichen, es wert, eines oder mehrere seiner Hilfsschiffe aufs Spiel zu setzen? Wenn die Flotte durch das Portal nach Hause zurückkehren konnte, wäre sie auf die Versorgung durch die Hilfsschiffe nicht länger angewiesen.
Ach verdammt! Wenn er es tatsächlich für eine so gute Idee hielt, Schiffe zu opfern, warum sollte er sich überhaupt noch die Mühe machen, drei gut erhaltene Schlachtschiffe der Siebten Division zu riskieren? Dann konnte er doch auch gleich die Hilfsschiffe und die beschädigten Kriegsschiffe sich selbst überlassen, damit die Syndiks sie zerstörten, während Geary mit dem größten Teil der Flotte heimkehrte!