Wieder widmete er sich den Statusanzeigen und ließ berechnen, wie viele Brennstoffzellen mit den vorhandenen Vorräten noch hergestellt und verteilt werden konnten. Er kam zu dem leider vertrauten Ergebnis, dass es vorne und hinten nicht reichte.
Der Bestand an Minen war geschrumpft, die Schiffe verfügten mal über geringe, mal über bescheidene Vorräte an Phantomen. Wenigstens waren Kartätschen in großem Umfang vorhanden, was aber auch kein Wunder war, ließen sich Geschosse in Form großer Metallkugeln doch schnell und leicht produzieren.
Die Lebensmittelvorräte stellten noch kein Problem dar, aber lange würde auch das nicht mehr gut gehen, wenn nicht bald Nachschub an Bord gebracht wurde. Die aus der Allianz mitgebrachten Vorräte waren längst aufgebraucht. Die Flotte ernährte sich inzwischen von den Rationen, die sie von den eingemotteten Syndik-Einrichtungen und aus den Lagern auf Sancere mitgenommen hatten. Das Essen von Sancere war für Syndik-Verhältnisse gar nicht mal so schlecht, doch danach standen ihnen nur noch die Rationen zur Verfügung, die die Syndiks gar nicht erst hatten mitnehmen wollen, als sie ihre Anlagen und Einrichtungen schlossen. Er hatte davon gegessen, und selbst jemand wie er, der mit der eher zweifelhaften Qualität von Militärverpflegung vertraut war, hatte seine liebe Mühe, dieses Zeugs zu schlucken. Es hielt einen Menschen am Leben, aber das war auch schon das einzig Gute.
»Geschätzte zwölf Stunden bis zum Gefecht. Sorgen Sie bitte dafür, dass Ihre Leute sich bis dahin so gut wie möglich ausruhen«, befahl er allen Captains seiner Flotte, dann verließ er die Brücke, um den Anschein zu erwecken, als würde er sich auch ausruhen.
Fünf Stunden bis zum Abfangpunkt.
»Sie legen einen Sprint ein, Sir«, meldete eine betrübte Desjani, »damit sie vor uns am Sprungpunkt ankommen. Vor einer Stunde haben sie beschleunigt, aber wir haben es eben erst bemerkt. Wir können ein paar Schlachtkreuzer vorausschicken, um vor den Syndiks anzukommen. Die ganze Flotte kann allerdings nicht schnell genug beschleunigen, um mit ihnen mitzuhalten.«
Schlachtkreuzer ganz ohne Unterstützung sollten sich der Syndik-Formation in den Weg stellen? Selbst wenn er noch ein paar Leichte Kreuzer und Zerstörer mitschickte, wären sie dem Gegner deutlich unterlegen. »Nein, wir können die Schlachtkreuzer nicht auf diese Weise aufs Spiel setzen.«
Desjani versteifte sich, sie fühlte sich offenbar in ihrem Stolz getroffen. »Sir, Schlachtkreuzer rühmen sich für ihre Rolle als schnelle Eingreiftruppe der Flotte. Wir können den Feind schnell und wiederholt unter Beschuss nehmen, während der Rest unserer Flotte folgt.«
Wir. Ja, natürlich. Die Dauntless war schließlich auch ein Schlachtkreuzer. »Ich weiß den Gedanken zu schätzen, Captain Desjani, aber wir müssten schon die Syndik-Flotte von ihrem gegenwärtigen Kurs abbringen können, dann hätte es einen Sinn, unsere Schlachtkreuzer vorausfliegen zu lassen. Aber so haben wir schlichtweg nicht genug Feuerkraft gegen eine so große Streitmacht aufzubieten.« Er beugte sich vor und fügte sehr leise an: »Sie wissen, ich könnte die Dauntless ohnehin nicht mit einer solchen Eingreiftruppe losschicken. Sie ist das Flaggschiff dieser Flotte, und es befindet sich etwas äußerst Wichtiges an Bord.« Damit meinte er den Hypernet-Schlüssel, der dem Krieg womöglich die entscheidende Wende bringen würde, wenn er ins Allianz-Gebiet zurückgebracht werden konnte. Jedes seiner Schiffe war wichtig, doch einige waren etwas wichtiger als andere. Und dieser Schlüssel machte die Dauntless zum wichtigsten Schiff von allen.
Desjani wusste das und konnte nichts dagegen einwenden. Also nickte sie zustimmend, auch wenn das an ihrer betrübten Miene nichts änderte.
Nun blieb Geary nichts anderes zu tun, als dazusitzen und zuzusehen, wie die Syndik-Flotte vor ihnen den Sprungpunkt erreichte. Sie hatten ihren Schachzug so berechnet, dass den Allianz-Schiffen nicht mehr genug Zeit blieb, um noch darauf zu reagieren. Allerdings würde Geary ihnen beim Zusammentreffen noch das eine oder andere zum Thema gutes Timing beibringen.
Bei 0,1 Licht legte die feindliche Flotte dreißigtausend Kilometer in der Sekunde zurück. Auf einer Planetenoberfläche wäre eine solche Geschwindigkeit undenkbar gewesen. Mit Blick auf die Größe eines durchschnittlichen Sternensystems wie Lakota, wo der äußerste Planet von seiner Sonne gut zehn Lichtstunden oder rund elf Milliarden Kilometer entfernt war, schienen die Schiffe förmlich durch die Schwärze des Alls zu kriechen. Manchmal musste Geary sich fragen, wie die Menschen es bloß bei ihren ersten Schritten ins All ertragen hatten, nicht einmal annähernd ein Zehntel Lichtgeschwindigkeit erreichen zu können, sodass es Wochen, Monate oder sogar Jahre gedauert hatte, um Planeten oder Monde zu erreichen, die nicht einmal außerhalb des eigenen Sonnensystems lagen. Andererseits musste es für die heutige Planetenbevölkerung auch schwer zu begreifen sein, dass man früher Wochen, Monate oder Jahre benötigt hatte, nur um einen Kontinent zu durchqueren.
»Egal, wie schnell wir sind, es ist nie schnell genug«, murmelte Geary.
Zu seiner Verwunderung schien Desjani seine Worte mit Verärgerung zur Kenntnis zu nehmen. »Sir, wenn die Flotte mehr leisten könnte…«
»Tut mir leid, aber ich habe die Flotte gar nicht gemeint. Die funktioniert wie üblich ganz hervorragend. Nein, nein, ich musste nur gerade über die Menschheit im Allgemeinen nachdenken.«
»Verstehe, Sir.« Nein, sie verstand offensichtlich nicht. Aber da die Ehre ihres Schiffs und die der Flotte nicht auf dem Spiel stand, und da es außerdem galt, den Feind zu beobachten, ließ sie die Sache auf sich beruhen.
Geary ließ den Feind ebenfalls nicht aus den Augen, der sich dem Sprungpunkt nach Branwyn näherte, und hoffte, die Syndiks würden dort nicht das machen, was er von ihnen erwartete.
Doch es kam genau so.
»Die nehmen Kurs auf uns«, meldete Desjani. »Sie haben stark verzögert, als sie sich vor dem Sprungpunkt befanden, und nun beschleunigen sie und kommen uns entgegen.«
Geary atmete frustriert aus und wünschte, irgendetwas würde endlich einmal richtig laufen. Einerseits verspürte er Erleichterung, weil schließlich eingetreten war, was die ganze Zeit über ihm geschwebt hatte, andererseits war er genau deswegen natürlich angespannt. »Ich benötige so schnell wie möglich eine Bestätigung: Haben sie im Vorbeiflug vor dem Sprungpunkt Minen abgesetzt?« Das war für ihn die einzige Erklärung für das Bremsmanöver, denn nur so war es möglich, die Minen möglichst dicht zu verteilen. Aber es konnte ebenso gut nur ein Bluff gewesen sein.
»Ja, Sir«, meldete ein Wachhabender. »Unsere Sensoren versuchen derzeit noch die Dichte und die Ausmaße des Minenfelds zu berechnen, jedoch registrieren wir auch so bereits eine Fülle an visuellen Anomalien. Es sieht so aus, als hätten sie die Minen unmittelbar vor dem Sprungpunkt abgesetzt.«
Desjani stutzte. »So dicht? Sehen Sie sich das an, Sir. Die Minen liegen so nah dran, dass der Sprungpunkt sie dazu bringt, relativ schnell wegzutreiben.«
»Relativ schnell heißt was genau?«, fragte Geary, der einen Hoffnungsschimmer sah.
»Ein paar Wochen«, erwiderte sie. »Die physikalischen Bedingungen spielen in der Nähe eines Sprungpunkts immer ein wenig verrückt, aber wir können eine Analyse durchführen, um den Zeitraum genauer zu schätzen.«
»Wenn die Schätzung nicht gleich ein paar Wochen unter Ihrer ersten liegt, dann hilft sie uns auch nicht weiter.« Er widmete sich weiter dem Display, während die Sensoren der Flotte gründlich nach den winzigen Anomalien suchten, die selbst noch so gut getarnte Minen ans Licht brachten. Jede entdeckte Mine wurde als Lichtpunkt dargestellt. Sie waren genau vor dem Sprungpunkt verteilt worden, wie Desjani auch gesagt hatte.