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Auch wenn er von Cresida eine Entschuldigung gefordert hatte, wusste Geary verdammt gut, dass Numos sofort die Flucht antreten würde, sobald er das Kommando über diesen Teil der Flotte und die Hilfsschiffe an sich gerissen hatte.

Niemand sprach ein Wort. Rione sah Geary ungeduldig an und nickte ihm zu, als wolle sie ihn daran erinnern, dass hier eine Flottenkonferenz im Gange war.

Geary betrachtete die Mienen der Anwesenden und stellte erleichtert fest, dass Commander Yins Vorschlag offenbar nur auf wenig Gegenliebe stieß. »Danke, Commander«, sagte er schließlich. »Ich halte es nicht für ratsam, Ihren Vorschlag in die Tat umzusetzen. Diese Flotte bleibt zusammen und kehrt auch zusammen ins Allianz-Territorium zurück.« Sofort war den anderen anzusehen, dass er das Richtige gesagt hatte. »Ich weiß, das Opfer der Renown und der Paladin hat auf Sie alle inspirierend gewirkt. Zerstören wir im Namen dieser beiden tapferen Schiffe möglichst viele gegnerische Schiffe.« Er kam sich wie ein Heuchler vor, dass er die Paladin so lobte, doch ihre Crew war tapfer in den Tod geflogen, und ihr sollte eine angemessene Wertschätzung nicht verwehrt bleiben, nur weil ihr Captain versagt hatte. »Aber wir sollten auch aus dem Beispiel der Paladin lernen. Wenn wir zusammenhalten, können wir die Syndiks vernichten. Wenn jeder von uns auf eigene Faust handelt, dann werden wir ihnen unterliegen.«

Niemand schien ihm widersprechen zu wollen, zu frisch war noch das Bild der sterbenden Paladin vor dem geistigen Auge eines jeden Anwesenden. Allerdings betrachtete Captain Armus vom Schlachtschiff Colossus nachdenklich das Display. »Captain Geary, diese neue Syndik-Streitmacht, die uns zahlenmäßig überlegen ist, kann uns abfangen, bevor wir den Sprungpunkt nach Ixion erreicht haben.«

»Das ist richtig, vorausgesetzt, wir behalten Kurs und Geschwindigkeit bei. Wir werden versuchen, jeden derartigen Versuch ins Leere laufen zu lassen.« Er zeigte auf das Display. »Sie sind momentan fünf Lichtstunden von uns entfernt, also werden sie auch erst in fünf Stunden sehen, dass wir Kurs auf den Sprungpunkt genommen haben. Auf dem Weg dorthin werden wir immer wieder kleine Korrekturen vornehmen, die ausreichen sollten, um die Syndiks zu verwirren, wenn sie erst Stunden später darauf reagieren können.«

Armus nickte unschlüssig. »Und was machen wir, wenn die große neue Flotte uns doch abfängt? Vor allem dann, wenn die Bravo-Flotte bis dahin keine weiteren Verluste erlitten hat und sich ebenfalls in einer Position befindet, um uns anzugreifen?«

Alle sahen Geary an und warteten auf seine Antwort für den Fall, dass tatsächlich die schlimmste anzunehmende Situation eintrat. Eine präzise Erwiderung konnte er nicht liefern. Er wusste weder welche Position die Syndik-Schiffe dann eingenommen haben würden, noch mit welcher Formation er zu rechnen hatte, oder welche hundert anderen großen und kleinen Faktoren zu berücksichtigen sein mochten, die seine Entscheidung beeinflussen konnten. Aber ihm wurde klar, dass es doch eines gab, was er dazu sagen konnte. »Was wir dann machen? Dann werden wir kämpfen wie der Teufel in Person, Captain, damit es ihnen leidtut, dass sie uns herausgefordert haben.«

Niemand sonst sagte etwas, also nickte Geary höflich in die Runde. »Das wäre alles. Captain Casia, Captain Duellos, Sie bleiben bitte noch hier.« Die Bilder der anderen Offiziere lösten sich zügig auf, bis nur noch Casia und Duellos übrig waren, die sich gegenseitig feindselig anschauten. Desjani war ebenfalls noch da, zog sich aber aus dem Erfassungsbereich der Konferenzsoftware zurück, damit Geary ungestört mit den beiden Offizieren reden konnte. Rione saß nur weiter da und sah zu. »Captain Casia«, begann Geary förmlich, »mein Beileid zum Verlust der Paladin aus Ihrer Division.« Casia erweckte den Eindruck, als wollte er Geary vorwerfen, den Einsatz der Paladin nicht begriffen zu haben. Dann jedoch nickte er nur. »Das wäre alles.«

Nachdem Casia verschwunden war, seufzte Duellos. »Vermutlich überlegt er noch, ob der Verlust der Paladin es wert war, dass er sich jetzt nicht mehr mit Midea herumschlagen muss.«

»Ja, vermutlich. Mein Beileid zum Verlust der Renown.«

»Danke.« Der Captain schüttelte den Kopf. »Oft ist es nur eine Frage von Glück oder Pech. Ich mochte die Renown, ich mochte den befehlshabenden Offizier und ebenso die Crew. Es wird lange dauern, bis ich mich daran gewöhnt haben werde, dass sie nicht mehr Teil meiner Formation ist.« Wieder seufzte er. »Aber der größte Teil der Crew konnte sich wenigstens retten, und das ist ja auch schon was.« Duellos salutierte. »Hoffen wir, es wird nicht noch schlimmer.«

»Dafür bete ich.« Geary erwiderte den Salut und Duellos verschwand.

Desjani kehrte an den Tisch zurück und warf Rione einen leicht reumütigen Blick zu, während die andere Frau sitzenblieb und sie beobachtete. »Sir, ich wollte sagen… Ich habe verstehen können, wie schwer es für Sie gewesen sein muss, die Renown zu beobachten… nach Grendel.«

Geary nickte. Natürlich hatte sie es verstehen können. »Ja, das hat einige unschöne Erinnerungen geweckt.« Er hielt inne und dachte zurück an diese Schlacht, die für ihn nur ein paar Monate zurücklag, während sie für Desjani, Rione und für jeden anderen in der Flotte hundert Jahre in der Vergangenheit lag. »Ich musste den gleichen Befehl geben, alles entbehrliche Personal solle sich zu den Rettungskapseln begeben. Das ist ein brutaler Befehl. Meine XO wollte nicht gehen. Sie sagte, sie sei unentbehrlich.«

Er konnte sie so klar und deutlich vor sich sehen. Lieutenant Commander Decala. Eine gute Offizierin, die ihren Posten nicht verlassen wollte. »Ich sagte ihr, sie solle gehen. Ich gab ihr den direkten Befehl, doch sie wollte nicht auf mich hören.« Er atmete tief durch und fühlte mit einem Mal wieder all das, was damals auf ihn eingestürmt war. »Ich sagte ihr, sie würde gebraucht. Ich sagte, dass die Allianz gute Offiziere braucht, um sich gegen die Syndiks zur Wehr zu setzen und Vergeltung zu üben für diesen Überraschungsangriff. Ich machte ihr klar, dass ihre Ehre von ihr verlangte, das Schiff zu verlassen. Dann endlich ging sie.«

Desjani nickte betrübt. »Wissen Sie, was aus ihr geworden ist?«

»Ja. Vor einem Monat konnte ich mich endlich dazu durchringen, die offiziellen Aufzeichnungen der Gefallenen durchzusehen.« Schon eigenartig, welche Überwindung es ihn gekostet hatte, ihren Namen einzutippen und herauszufinden, was aus Lieutenant Commander Decala und all den anderen Besatzungsmitgliedern geworden war. »Sie starb fünf Jahre nach Grendel, als ihr Schiff beim Angriff auf ein Syndik-Sternensystem zerstört wurde.« Vor fünfundneunzig Jahren, als Geary im Kälteschlaf gelegen hatte.

Desjani ließ den Kopf sinken. »Mein Beileid, Sir. Seit damals ruht sie sicher in Ehren im Kreise ihrer Vorfahren.«

»Das sage ich mir auch.« Er riss sich zusammen. »Danke, dass Sie gefragt haben, Tanya. Das gehörte mit zu den Dingen, denen ich mich früher oder später werde stellen müssen.«

Sie nickte, salutierte und verließ den Raum.

Schließlich stand Rione auf und kam zu ihm. Sie wirkte ungewohnt niedergeschlagen. »Es gibt Dinge, die werde ich nie in dem Maß verstehen, das eigentlich erforderlich ist.«

»Es gibt Erinnerungen, die sollte kein Mensch haben«, erwiderte Geary. »Aber so ist nun mal der Krieg.«

Einen Moment lang schloss sie die Augen. »Ich habe jetzt ein paar mehr von diesen Erinnerungen, darum weiß ich genau, was du meinst. Sag mir die Wahrheit, John Geary. Glaubst du, unsere Flotte schafft es noch, dieses System zu verlassen?«