Denn der Glaube, den andere in ihn setzten, bedeutete, dass nur er eine halbwegs brauchbare Chance hatte, diese Flotte zusammenzuhalten. Das würde genauso schwierig sein wie seine Bemühungen, ihre Zerstörung zu verhindern, und doch musste er es versuchen. Und das hieß, er musste sich seinen nächsten Zug überlegen.
Also setzte er sich etwas gerader hin, nickte und sprach mit festerer Stimme: »Ich trage eine Verantwortung.« Ob sie mir gefällt oder nicht, ist nicht wichtig, auch wenn ich weiß, sie gefällt mir kein bisschen. »Danke, dass Sie mir die Augen geöffnet haben.«
Sie lehnte sich zurück und lächelte erleichtert. »Dafür haben Sie mich nicht gebraucht.«
»Doch, das habe ich.« Er setzte zu einem gezwungenen Lächeln an, bis er plötzlich merkte, dass daraus ein ehrliches Lächeln wurde. »Vielen Dank, Tanya. Ich bin sehr froh, dass ich auf Ihrem Schiff bin.«
Sie lächelte weiter, dann schluckte sie, sah ihn unsicher an und stand schließlich auf. »Danke, Sir. Ich sollte jetzt besser auf die Brücke zurückkehren.«
»Natürlich. Wenn Sie Co-Präsidentin Rione begegnen, richten Sie ihr bitte aus, dass es mir gut geht.«
»Das werde ich machen, Sir.« Sie salutierte rasch, dann eilte sie nach draußen.
Geary saß eine Weile da und dachte nach. Schließlich bewegte sich seine Hand zu den Kontrollen des Displays. Das Bild des Ixion-Sternensystems nahm dort Gestalt an, die Allianz-Flotte wurde in der wirren Anordnung dargestellt, in der sie Lakota verlassen hatte und in der sie Ixion erreichen würde. Ich muss mir etwas einfallen lassen. Nur was?
Zwölf
»Sir, hier ist Lieutenant Iger aus der Geheimdienstabteilung. Wir haben hier etwas Wichtiges entdeckt, das Sie wissen sollten.«
Geary wurde langsam wieder von Depressionen heimgesucht, da ihm die guten Ideen ausgingen, wie es von Ixion aus weitergehen sollte, und einen Moment lang spielte er mit dem Gedanken, auf die Mitteilung gar nicht zu reagieren. Doch dann siegte sein Pflichtgefühl, und er meldete sich. »Was genau verstehen Sie unter etwas Wichtigem?«, fragte er.
»Ich… das lässt sich schwer sagen, Sir. Es ist etwas völlig Unerwartetes, und was es zu bedeuten hat, wissen wir nicht. Dennoch könnte es von größter Wichtigkeit sein.«
Die Leute vom Geheimdienst arbeiteten gern mit Begriffen wie diesem »könnte«, allerdings war es äußerst ungewöhnlich, dass sie offen zugaben, von einer Sache keine Ahnung zu haben.
»Wir haben alles vorbereitet, um es Ihnen hier unten zu zeigen, aber ich kann damit auch zu Ihnen kommen, Sir«, fuhr Iger fort. »Was Ihnen am liebsten ist.«
Er schaute sich um. Sich der Crew der Dauntless zu stellen, hatte nach wie vor etwas Beängstigendes an sich. Doch in seinem Quartier fühlte er sich zunehmend wie in einer Gefängniszelle, in die er sich auch noch selbst gesperrt hatte. Es war längst an der Zeit, diesen Raum zu verlassen und zu versuchen, wieder wie der Befehlshaber einer Flotte aufzutreten. »Ich komme zu Ihnen runter. Wäre es Ihnen jetzt gleich recht?«
»Ja, Sir. Ich warte hier auf Sie, Sir.«
Nach kurzem Zögern stand Geary auf, betrachtete missmutig sein Erscheinungsbild und zog eine frische Uniform an. Ganz gleich, was bei Lakota geschehen war, er durfte nicht den Eindruck erwecken, dass er sich davon hatte unterkriegen lassen.
Die Besatzungsmitglieder der Dauntless, denen er auf dem Weg begegnete, machten durchweg eine besorgte Miene, die aber sogleich Hoffnung erkennen ließ, sobald sie Geary sahen. Trotz seiner düsteren Stimmung bemühte er sich, Zuversicht auszustrahlen, was die meisten ihm auch ohne zu zögern abnahmen. Als junger Offizier hatte er im Umgang mit seinen Vorgesetzten gelernt, wenn er sich so verhielt, als wisse er ganz genau, was er tue, dann nahm automatisch jeder andere an, dass das tatsächlich der Fall war.
»Was werden wir machen, wenn wir Ixion erreichen?«, platzte ein Matrose heraus. »Sir?«
»Ich habe mich noch nicht entschieden«, erwiderte er, als stehe er vor einer großen Auswahl voll exzellenter Optionen. Der Matrose jedenfalls lächelte hoffnungsvoll und salutierte zackig.
Als er die hinter einer Reihe von Hochsicherheitsluken von ihrer Umgebung abgeschottete Geheimdienstabteilung erreichte, wurde Geary bewusst, dass es dem Geheimdienstoffizier gelungen war, ihn aus seinem Quartier zu locken. Das hatten bis dahin weder Captain Desjani noch die Politikerin Rione geschafft, was dem Ganzen etwas sehr Ironisches verlieh.
Lieutenant Iger erwartete ihn bereits und machte einen nervösen Eindruck, als Geary sich setzte. »Sir, wir haben die Nachrichten analysiert, die zwischen den Schiffen der Syndik-Flotte ausgetauscht wurden, die durch das Hypernet-Portal ins Lakota-Sternensystem kamen.«
»Wie viel davon konnten Sie abfangen und entschlüsseln?«, wollte er wissen.
»Nicht viel, aber ein paar Signale verirren sich immer, und wenn wir lange genug in einem Sternensystem bleiben, bis sie uns erreichen, dann können wir sie auch aufzeichnen und versuchen, den Verschlüsselungscode zu knacken«, erläuterte Iger. »Es ist nicht einmal annähernd eine Quelle für Geheimdienstinformationen. Sollten wir je eine feindliche Nachricht rechtzeitig entschlüsseln, um Einfluss auf einen laufenden Kampf nehmen zu können, dann werden wir Sie das natürlich wissen lassen.«
»Ich darf doch davon ausgehen, dass Sie mir die Entscheidung überlassen, was Einfluss nehmen könnte und was nicht, oder?« Geary wusste, dass die Jungs vom Geheimdienst solche Dinge wahrscheinlich sehr wohl gern selbst in die Hand nahmen.
»Ahm… ja, Sir«, versicherte Lieutenant Iger ihm und nahm sich zweifellos vor, das ab sofort so zu handhaben.
»Ich darf annehmen, dass es mit dem Signal etwas Besonderes auf sich hat, wenn Sie mich dafür herholen.«
»Jawohl, Sir. Etwas Ungewöhnliches, etwas sehr Ungewöhnliches.« Er hielt kurz inne, fuhr mit der Zunge über die Lippen und redete dann hastig weiter: »Sir, wir sind zu der Einschätzung gekommen, dass die Syndiks von ihrem Auftauchen im Lakota-System genauso überrascht waren wie wir.«
Geary überlegte, ob er das richtig verstanden hatte. »Sie reden von den Syndiks, die sich bereits im System befanden, richtig? Die waren überrascht, dass die Verstärkung eintraf?« Warum sollte das einen Geheimdienstoffizier aufhorchen lassen?
»Nein, Sir. Die einzige Auslegung, die zu den von uns entschlüsselten Meldungen passt, läuft darauf hinaus, dass die durch das Hypernet-Portal kommenden Syndik-Schiffe völlig verwundert waren, sich in Lakota zu befinden. Sie hatten eigentlich das Andvari-System anfliegen wollen.«
Geary brauchte ein paar Sekunden, ehe ihm klar wurde, dass er den Lieutenant anstarrte. »Wie oft kommt so etwas bei Hypernet-Reisen vor?« Niemand hatte ihm bislang davon berichtet, dass man sich im Hypernet verfliegen konnte.
»Es kommt nicht vor, Sir«, betonte Lieutenant Iger. »Die Bedienung eines Schlüssels ist so problemlos, dass es nicht noch einfacher sein könnte. Auf dem Kontrollschirm wählt man den Namen des Sternensystems aus, in das man reisen möchte. Sobald Sie im Hypernet unterwegs sind, zeigt der Schirm weiterhin das Zielsystem an. Man müsste schon extrem dumm oder vergesslich sein, um nicht zu wissen, zu welchem Stern man fliegt. In all unseren — äußerst detaillierten — Unterlagen wird nicht ein einziger Fall erwähnt, in dem ein Schiff im Hypernet in ein anderes als das ausgewählte System gelangt ist. Das Prinzip ist so einfach, dass nicht einmal ein völliger Idiot etwas verkehrt machen könnte.«
»Unterschätzen Sie nicht, wozu Idioten in der Lage sind, Lieutenant. Könnte der Hypernet-Schlüssel defekt gewesen sein?«
Iger zuckte frustriert mit den Schultern. »Soweit uns bekannt ist, dürfte ein Schlüssel, der einen solchen Fehler nach sich zieht, gar nicht erst funktionieren.«