Выбрать главу

Ich habe sie auf dem Markt mit ihrem Bauchladen gesehen, einem zum Zigarettenverkaufen genial hergerichteten Kasten, den sie vor der Brust trug. Er sah geschlossen wie eine Truhe, geöffnet wie eine kleine Konsole aus und hatte nach oben zu öffnende Läden, in denen die Zigarettenpäckchen lagen. Unter dem Bauchladen war Galle mit einer auf Figur geschnittenen, blauweiß gemusterten Steppjacke bekleidet. Auf dem Rücken trug sie ihren bis obenhin fest in einen Babyponcho eingepackten, wohlgenährten Säugling, von dem nur Nasenspitze und Augen hervorlugten. Ob die Leute sie kannten oder nicht, jeder warf ihr einen neugierigen Blick zu. Die Leute aus dem Ort wussten, dass sie Nases Frau war und die Mutter des wohlgenährten Säuglings auf ihrem Rücken. Fremde aber hielten sie für die große Schwester des kleinen Säuglings Ohr, die Zigaretten verkaufen musste, ein armes, aber hübsches Kind. Eigentlich kauften die Leute bei ihr nur, weil sie sie bemitleideten.

Chen Nase war in eine eng anliegende, schweinslederne Jacke gekleidet, darunter trug er einen aus dickem Garn gestrickten Rollkragenpullover. Er hatte eine rote Gesichtsfarbe und ein Kinn, das zwar rasiert war, aber vor lauter Bartstoppeln immer noch schwarz aussah; dazu eine große Nase, graue Augen in tiefen Augenhöhlen und gelocktes Haar.

Wuguan sagte: »Der Großverdiener kommt.«

»Also ehrlich, das bin ich nicht, ich bin nur ein kleiner Händler!«

Yuan Backe darauf: »това рищ! Du weißt dich auf Chinesisch auszudrücken!«

Nase wedelte mit der Papiertragetasche, die er in der Hand hielt: »Schon wenn ich dich von Weitem seh, kriege ich es mit der Angst zu tun.«

»Was ist da drin? Zigaretten?«, fragte Backe. »Die Gäste werden schon unruhig, weil sie rauchen wollen.«

Nase holte ein Päckchen aus der Tüte und warf es Backe zu. Der fing es auf, riss das Packpapier ab, und es kamen vier Stangen Zigaretten, Marke Großer Hahn, zum Vorschein.

»Na, du haust ja ordentlich auf den Putz! Bist wohl gut im Geschäft, dass du so freigebig bist. Danke!«, erwiderte Backe.

»Backe mit seiner großen Klappe ...«, sagte Galle mit gedämpfter Stimme. »Du schaffst es mit deinem Gerede, dass sogar die Toten noch beginnen, Disco zu tanzen.«

»O je, Schwägerin! Entschuldige meine Unhöflichkeit! Hast wohl den Nase heute noch nicht an dich rangelassen, damit er dich mal richtig in den Arm nehmen kann?«

»Ich stopf dir gleich dein Schandmaul!« Galle fuchtelte wutentbrannt mit ihrer kleinen Hand.

»Mama, auf den Arm ...«

Aha. Es war gar nicht Galles Hand gewesen, die da zu fuchteln begonnen hatte, sondern die ihres Kindes, der kleinen Ohr, die schon fast ihre Größe hatte und lamentierte, weil sie auf den Arm wollte.

»Chen Ohr!« Ich beugte mich zu ihr herab: »Onkel nimmt dich jetzt auf den Arm!«

Kaum hatte ich sie hochgenommen, schrie sie wie am Spieß. Chen Nase ließ sich sein Kind reichen und klopfte ihm den Po: »Ohr, weine nicht! Du warst es doch, die den Onkel Volksbefreiungsarmeesoldat sehen wollte!«

Ohr streckte ihre Hand nach Galle aus.

»Das Kind fremdelt«, sagte Nase und gab Ohr an Galle weiter, »dabei hat es gerade noch Radau gemacht, weil es den Onkel von der Volksbefreiungsarmee besuchen wollte.«

»Galle, komm mal!«, schrie Renmei und pochte gegen die geschnitzten Fensterläden. »Komm schnell!«

Galle verschwand mit Chen Ohr auf dem Arm zu Renmei. Wie ein Hund, der sich mit seinem übergroßen Spielzeug im Maul davonmacht, ein bisschen zum Lachen, ein bisschen Achtung gebietend. Sie machte so kleine, schnelle Schritte, dass sie wie ein flitzendes Tier in einem Comicstreifen aussah.

»So was Hübsches! Die Kleine sieht ja aus wie eine Babypuppe!«, sagte ich.

»Ist doch auch ein russisch-chinesischer Mischling! Keine Frage, dass sie hübsch ist!«, erklärte Backe mit vielsagendem Blick: »Nase, du bist ausdauernd! Wie ich so höre, gönnst du deiner Frau keine einzige Nacht Pause?«

Chen Nase erwiderte nur: »Halt den Rand, Backe!«

Yuan Backe parierte sofort: »Geh vorsichtig mit ihr um. Du willst doch noch einen Sohn von ihr!«

Nase trat Backe gegen das Schienbein: »Ich sage doch, halt dein Drecksmaul!«

Backe lachte: »Ich hör ja schon auf! Aber ich beneide euch beide! Da seid ihr jahrelang verheiratet und du hast immer noch jede Nacht deine Frau im Arm, knutschst und knuddelst sie. Da sieht man maclass="underline" Eine Liebesheirat ist doch was anderes als eine arrangierte.«

Nase meinte: »Jede Familie hat ihre eigenen Nöte und Sorgen! Einen Scheißdreck verstehst du!«

Ich klopfte auf Nases Bauchansatz: »Den Generalsbauch hast du auch schon! Dir geht’s gut!«

Nase meinte: »Nicht im Traum hätte ich gedacht, dass ich mal so ein Leben führen würde.«

»Das haben wir dem Vorsitzenden Hua Guofeng zu verdanken«, sagte Backe.

»Ich denke, wir haben es dem Vorsitzenden Mao zu danken. Wenn der alte Herr nicht aus eigenem Antrieb gestorben wäre, würde alles wie früher laufen«, erwiderte Nase.

Jetzt trafen wieder neue Gäste ein. Sie standen im Hof beieinander und hörten uns zu. Die zuerst angekommenen, die sich schon im Haus niedergelassen hatten, kamen wieder heraus, als sie merkten, dass draußen mehr los war.

Mein kleiner Cousin mütterlicherseits, Jinxiu, drängelte sich zu Nase durch und sagte, zu ihm aufblickend: »Großer Bruder Chen, bei uns im Dorf erzählen sie sagenhafte Geschichten über dich.«

Nase fischte ein Päckchen Zigaretten aus der Jackentasche, schnippte meinem kleinen Cousin eine zu und zündete sich selbst auch eine an. Dann schob er beide Hände in die schräg geschnittenen Taschen seiner Lederjacke und – was für ein cooler Typ! – sagte lässig: »Lass hören! Was erzählen die über mich?«

»Die sagen alle, du hättest nur zehn Yuan RMB bei dir gehabt, als du mit dem Flugzeug nach Shenzhen geflogen bist.« Mein kleiner Cousin kratzte sich am Hals. »Und du seist einfach hinter einer sowjetischen Delegation her spaziert. Sehr großspurig seist du gegangen. Das Flugplatzpersonal und die Stewardessen hätten angenommen, du gehörtest zu dieser Delegation, und hätten sich alle gleichzeitig vor dir verneigt und dir zugerufen: Хорошо! Хорошо! Gut! Gut! In Shenzhen angekommen, seist du der russischen Delegation in ein luxuriöses Hotel gefolgt, wo du drei Tage und Nächte lang bestens gegessen und getrunken hättest und man dir einen Haufen Geschenke gemacht habe. Die geschenkten Sachen hättest du auf der Straße verkauft. Zwanzig Digitaluhren hättest du dafür bekommen. Die hättest du hier wieder verkauft und so Geld gemacht. Das hättest du einige Mal hintereinander getan. So seist du zu deinem Wohlstand gekommen.«

Nase strich sich über seine große Nase: »Und was weiter?«

»Die Leute sagen, als du nach Jinan gekommen und dort durch die Straßen gebummelt seist, hättest du einen Alten getroffen, der weinend auf der großen Straße gestanden habe. Den hättest du gefragt: ›Großvater, was weinst du?‹ Der Alte habe gesagt: ›Ich bin nur ein Weilchen vor die Tür gegangen, finde aber nun den Weg nach Hause nicht mehr.‹ Du hättest den Alten nach Hause gebracht. Der Sohn des Alten sei der Vertriebsleiter der Zigarettenfabrik von Jinan gewesen und habe, als er sah, dass du ein gutes Herz besitzt, mit dir Freundschaft geschlossen. Deswegen besäßest du jetzt die Möglichkeit, zum Großhandelspreis Zigaretten einzukaufen.«

Nase lachte laut: »Kleiner, das sind doch Geschichten wie aus einem Roman! Ich erzähl dir, wie es sich tatsächlich zugetragen hat. Ich bin wirklich ein paar Mal mit dem Flugzeug geflogen. Aber immer mit Flugschein, und den habe ich mir gekauft. Und was die Zigarettenfabrik in Jinan angeht, kenne ich da wirklich ein paar Leute. Aber die Zigaretten, die sie mir verkaufen, sind so geringfügig billiger als der übliche Preis am Markt, dass ich so gut wie nichts an einem Päckchen verdiene.«