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»Emmea?«, rief Ray.

Sie drehte sich um und sah, dass er die noch immer halb vergrabenen Überreste der Holztür betrachtete.

»Was gibt es?«, fragte sie.

Er deutete auf die Tür. »Was steht dort geschrieben?«

Sie zwang sich, wieder durch die Öffnung zu treten, wandte sich der Tür zu und sah, dass in die Oberfläche große Glyphen geschnitzt waren. Ein kalter Schauer überlief sie.

»Hier steht: ›Hütet euch, Unsterbliche‹«, erklärte sie ihm. »Aber da ist noch mehr.«

Er räumte weitere Steinbrocken beiseite und legte den Rest der Nachricht frei.

»Hütet euch, Unsterbliche. Im Innern liegt keine Magie. Tretet ein, und ihr werdet euer wahres Alter erfahren.«

Ein Lächeln umspielte ihre Lippen. Keine Magie. Ein Leerer Raum. Wer immer diese Botschaft in die Tür geschnitzt hatte, hatte geglaubt, Unsterbliche könnten in Leeren Räumen nicht existieren. Wahrscheinlich hatte der Betreffende sich vorgestellt, dass Unsterbliche ohne Magie, die sie nährte, ihr wahres Alter annehmen würden.

Das wäre ein beeindruckender, wenn auch grauenerregender Anblick. Sie wandte sich ab, damit Ray ihr Lächeln nicht sehen konnte. Es ist schön zu erfahren, dass Götter und ihre Priester nicht immer alles wissen.

Trotzdem wünschte sie sich sehnlichst, diesen Ort zu verlassen und ins Sonnenlicht zurückzukehren, fort von diesen selbstsüchtigen, arroganten Männern. Heute Nacht würde sie das Gedicht, soweit sie es sich hatte einprägen können, an die Zwillinge weitergeben. Morgen… morgen würde sie den Denkern gratulieren und sich auf die lange Reise zurück in vertraute Länder machen.

31

Danjin starrte die Abdeckung des Plattans an und begriff langsam, dass er wach war. Die beiden Männer ihm gegenüber waren ebenfalls wach, hatten den Blick jedoch auf etwas anderes gerichtet. Gillen wirkte aufmerksamer als während ihrer ganzen bisherigen Reise und rieb sich erregt und erwartungsvoll die Hände, während Yem gedämpfter wirkte als sonst. Seit sie die Festung verlassen hatten, zeigte das Gesicht des Kriegers stets einen besorgten Ausdruck, und Danjin vermutete, dass er hin- und hergerissen war zwischen Mitgefühl mit den Dienern, die der Knechtschaft des Clans entkommen waren, und Empörung darüber, dass die Pentadrianer sie ihrem Glauben entfremdet hatten.

Danjin sah Ella an. Sie hatte die Augen geschlossen, und ihre Atmung ging langsam und gleichmäßig.

Ich muss auf sie und auf die Weisheit der Götter vertrauen. Wenn diese harte Haltung jenen gegenüber, die mit den Pentadrianern gemeinsame Sache machen, nicht notwendig wäre, würden wir nicht mithilfe der einheimischen Krieger ein Dorf überfallen.

Der Plattan verlangsamte die Fahrt. Ella beugte sich abrupt vor, um den Schlag zu öffnen.

»Wir sind da.«

Danjins Magen krampfte sich zusammen, aber er sagte nichts. Er hörte Türen schlagen und ferne Rufe. Wütende, ängstliche Stimmen umgaben den Plattan, als der Wagen anhielt.

Ella strich ihren Zirk glatt, dann blickte sie zu Yem, Gillen und Danjin hinüber.

»Bleibt in meiner Nähe«, sagte sie, bevor sie ausstieg.

Danjin folgte ihr, dann verließen auch Yem und Gillen den Wagen. Männer und Frauen scharten sich um den Plattan. Als sie Ella sahen, weiteten sich ihre Augen, und Stille kehrte ein. Einige Gesichter verrieten Entsetzen und Erschrecken. Andere zeigten nur Erstaunen und Neugier.

Danjin bemerkte etliche Krieger auf der Straße, die Menschen zusammentrieben. Männer, Frauen und Kinder kamen aus den Häusern, einige bekleidet mit ihren Nachtgewändern. Aus einer anderen Richtung kam eine große Gruppe Einheimischer. Dem Schweiß auf ihrer Stirn entnahm Danjin, dass sie aus Häusern und Bauernhöfen geholt worden waren, die weiter vom Zentrum des Dorfes entfernt lagen.

Während die Menge immer größer wurde, besah sich Danjin die Menschen. Im Schein der Fackeln wurden die äußeren Merkmale, die sie als Dunweger oder Südithanier auswiesen, deutlicher. Unter den Pentadrianern gab es blasse wie auch dunkelhäutige Typen, und ihr Körperbau konnte ebenfalls unterschiedlich ausfallen, daher waren sie am besten dadurch zu erkennen, dass ihnen die typischen Merkmale der Dunweger fehlten. Er vermutete, dass etwa ein Viertel der Menschen Pentadrianer waren.

Eine Gruppe dunwegischer Krieger, deren Gesichter fast schwarz waren von den vielen Tätowierungen, umringte die Dorfbewohner. Der grauhaarige Clanführer, Gret, trat vor und machte das Zeichen des Kreises.

»Wir haben die Bewohner aller Bauernhöfe und Häuser des Ortes hergebracht«, erklärte er Ella. »Einige sind uns allerdings möglicherweise entkommen.«

Ella nickte. »Wer steht dieser Gemeinschaft vor?«, fragte sie, und ihre Stimme erhob sich über den Lärm der Menge.

Eine Debatte folgte. Danjin konnte genug verstehen, um zu erfahren, dass ein Dorfältester das Dorf dem ansässigen Clan gegenüber vertrat. Der Mann trat einen Schritt vor.

»Wer steht der pentadrianischen Gemeinschaft vor?«, verlangte sie zu wissen.

Er zögerte, aber Ella hatte sich bereits von ihm abgewandt.

»Götterdiener Warwel, tritt vor.«

Stille kehrte ein, und die Menschen tauschten nervöse Blicke. Ella musterte sie einen Moment lang.

»Du kannst freiwillig vortreten, Götterdiener Warwel«, sagte Ella warnend, »oder dich herbeizerren lassen. Es ist deine Entscheidung.«

Ein Mann trat vor. Er war hochgewachsen und strahlte Würde aus. Seine Miene war grimmig und resigniert gleichermaßen. Einige Schritte von Ella entfernt blieb er stehen und erwiderte schweigend ihren Blick.

»Männer und Frauen von Dram, ihr seid betrogen worden. Dieser Mann und seine Leute wurden von Nekaun, dem Anführer der Pentadrianer, hierhergeschickt«, sagte Ella und sah dabei dem Dorfältesten fest in die Augen. »Ihr Schiff ist nicht versehentlich hier auf Grund gelaufen. Es war eine vorsätzliche Tat, mit der die Pentadrianer das Mitgefühl der Dunweger erringen wollten. Anschließend sollten sie sich hier niederlassen und sich mit so vielen Dunwegern wie möglich anfreunden, um sie zu ihrer eigenen Religion zu bekehren.«

Sie ließ den Blick über die Menge gleiten. »Sie konnten ihren Plan nur allzu leicht in die Tat umsetzen. Ich sehe viele hier, die sich von ihrem Einfluss haben verderben lassen. Außerdem sehe ich viele, die mit dem Versprechen auf Freiheit dazu verleitet wurden, ihren Clans den Dienst aufzukündigen. Clans, deren Krieger erst vor wenigen Jahren für sie gekämpft haben. Diese Männer haben gegen jene gekämpft, die unsere Länder überfallen haben, um uns zu Sklaven zu machen.« Ein Raunen des Protests wurde laut, aber Ella hob die Stimme. »Sie mögen diesmal sanftere Methoden angewandt haben, aber ihre Absicht ist zweifellos dieselbe. Dies ist - war - lediglich eine weitere Invasion. Sie sind hierhergekommen, um euch dem Zirkel der Götter zu entfremden, um eure Großzügigkeit zu missbrauchen und eure Schwächen auszunutzen.«

Abermals hielt sie für einen Moment inne, um die Menschen vor ihr zu mustern. »Es ist ein Jammer, dass ihr alle es so weit habt kommen lassen. Ich sehe einige hier, die sich nicht haben verderben lassen, die jedoch aus Furcht oder aus Habgier Stillschweigen bewahrten. Ich sehe nur sehr wenige hier, die nicht die Macht hatten, zu protestieren oder zu handeln, und ich werde zu ihrer Verteidigung sprechen. Was euch Übrige betrifft: Es liegt an I-Portak zu entscheiden, was mit euch geschehen soll, ob ihr nun Pentadrianer oder Dunweger seid.«

Ella wandte sich zu Gret um und nickte. »Verfahre mit ihnen, wie du es für richtig hältst.«

Der Clanführer blaffte einige Befehle, und die Krieger machten sich daran, die Menschen die Straße hinunter aus dem Dorf zu treiben. Danjin bemerkte, dass der alte Krieger Ellas Anweisungen mit deutlichem Ekel befolgte. Wann immer ein weinendes Kind vorbeigeführt wurde, sah Gret Ella vielsagend an. Sie beachtete ihn nicht, und ihre Miene war unnahbar und missbilligend.