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»Wohin bringt ihr uns?«, rief jemand.

»Nach Chon«, antwortete einer der Krieger.

»Lasst uns in unsere Häuser zurückkehren, damit wir Kleider holen können«, bettelte eine Frau. »Wenn wir so weitergehen, wie wir sind, werden wir erfrieren.«

»Meine Heilmittel«, krächzte ein alter Mann. »Ohne meine Heilmittel werde ich es nicht schaffen.«

»Was werden wir essen?«

»Meine Mutter ist krank. Sie wird es niemals bis nach Chon schaffen.«

Gret wandte sich zu einem seiner Krieger um. »Irgendjemand soll die Frau und den alten Mann in ihre Häuser zurückbringen.«

Sofort erklangen mehrere weitere Stimmen, die um die gleiche Chance flehten.

»Nein«, sagte Ella. »Wenn ihr einige gehen lasst, werden die Übrigen dasselbe verlangen. Behaltet die Gefangenen hier und schickt Krieger in die Häuser, um Decken, Essen und Kleider für alle zu holen.«

Gret zog die Augenbrauen hoch, dann nickte er seinem Begleiter zu. »Tu es.«

Ein Schauder überlief Danjin. Gewiss wäre eine Verzögerung besser als etliche Todesfälle auf dem Weg nach Chon …

Ella drehte sich zu Danjin um. »Finde heraus, was der alte Mann braucht, und hole es«, murmelte sie.

»Ja, Ellareen von den Weißen«, antwortete er.

Er eilte davon und hielt Ausschau nach dem alten Mann. Während er um die Menge herumlief, wandte er sich noch einmal zu Ella um. Sie hielt den Kopf hoch erhoben und blickte herablassend auf ihre Gefangenen hinab. Ihm wurde ein wenig flau im Magen.

Sie tut das nur, um sie einzuschüchtern und zum Gehorsam zu zwingen, sagte er sich.

Aber sie werden es nicht vergessen. Sie werden anderen davon berichten, wie kalt und gleichgültig Ellareen die Weiße ist. Wie grausam und unbarmherzig ihre Rechtsprechung war.

Er schüttelte den Kopf. Sie muss das tun. Sie kann sich nicht über dunwegisches Gesetz hinwegsetzen. Und wenn sie ohne Erbarmen wäre, hätte sie mir nicht den Auftrag gegeben, die Heilmittel des alten Mannes zu holen.

Warum hatte er dann den Verdacht, dass Ellareen nicht versucht hatte, die Dunweger dazu zu bringen, die Dorfbewohner mit ein wenig Mitgefühl zu behandeln, weil sie genau das nicht wollte?

Warum fand er ihr Verhalten bisweilen so beängstigend?

Seufzend wandte er sich ab, suchte nach dem alten Mann und nahm ihn beiseite, um ihn zu befragen.

Das Sanktuarium war nicht so beeindruckend wie der Tempel in Jarime. Es gab keinen Weißen Turm und keine Kuppel, die alles überragten, nur eine breite Treppe und eine einstöckige, von Säulen getragene Fassade und eine Ansammlung von Gebäuden auf dem Hügel dahinter.

Vielleicht ist das der Sinn der Sache, überlegte Mirar. Sie wollen Besucher nicht einschüchtern; sie wollen ihnen das Gefühl geben, willkommen zu sein.

Die Winde hatten sie nicht so weit getragen, wie Genza es gehofft hatte, daher hatten sie den Rest des Weges in einem Plattan zurücklegen müssen. Die Sänfte, die ihn und Genza vom Fährhafen hergebracht hatte, blieb stehen, und die Träger ließen sie zu Boden. Als Genza sich erhob, folgte Mirar ihrem Beispiel. Sie lächelte.

»Willkommen im Sanktuarium, Mirar von den Traumwebern.«

»Danke.«

Sie deutete auf die Treppe. Sie gelangten durch einen der Bogengänge in eine große, luftige Halle voller schwarz gewandeter Götterdiener und gewöhnlicher Menschen.

»Dies ist der Ort, an dem wir alle Besucher des Sanktuariums begrüßen«, erklärte Genza ihm. »Die Götterdiener schenken allen Bittstellern Gehör, vom niedersten Bettler bis hin zu den Reichen und Mächtigen, und führen sie zu demjenigen, der ihnen am besten helfen kann.«

Mirar bemerkte, dass einige der Besucher in ihren Gesprächen mit den Götterdienern Kühnheit und Zuversicht an den Tag legten. Andere waren zaghaft und warteten ängstlich darauf, dass jemand an sie herantrat, oder sie hielten den Blick gesenkt, während sie sprachen. Mirar fing eine Welle des Kummers auf und entdeckte kurz darauf einen Götterdiener, der einer weinenden Frau auf die Schulter klopfte.

»Glaubst du, dass du meine Tochter finden kannst?«, hörte er die Frau fragen.

»Wir können es nur versuchen«, antwortete der Götterdiener. »Bist du dir sicher, dass ihr Vater sie mitgenommen hat?«

»Ja. Nein… ich…«

Ein Lachen lenkte seine Aufmerksamkeit auf einen kostbar gewandeten Mann, der in Gesellschaft eines Götterdieners die Halle durchquerte.

»… wir würden den Elai gern auch Geschenke machen. Schließlich haben sie die Schiffe versenkt, die…«

Elai, die Schiffe versenkten? Er widerstand dem Drang, dem Mann nachzublicken.

»Dies ist der Haupthof«, sagte Genza. »Von hier aus führen Flure in alle Bereiche des Sanktuariums.«

Der Innenhof wurde von einer Veranda umrahmt. Mirar murmelte einige Worte der Bewunderung, als Genza ihn auf den Springbrunnen aufmerksam machte und ihm erklärte, dass der Brunnen einerseits helfe, die Luft zu kühlen, und andererseits ein Hintergrundgeräusch liefere, das den Besuchern die Möglichkeit gab, ihre Anliegen vortragen zu können, ohne dabei belauscht zu werden. Als sie tiefer in das Sanktuarium hineingelangten, fiel ihm auf, dass die Götterdiener stehen blieben, um Genza zu beobachten und ein Zeichen über ihrer Brust zu machen, wenn sie zufällig in ihre Richtung blickte. Er spürte Bewunderung und Respekt - sogar Verehrung - von ihnen.

Außerdem nahm er Neugier wahr, die auf ihn selbst zielte, und er fragte sich, wie viel sie über ihn wissen mochten. Waren sie deshalb neugierig, weil man im Sanktuarium nicht oft Traumweber zu sehen bekam? Fragten sie sich, ob er der legendäre, unsterbliche Begründer der Traumweber sei, oder wussten sie bereits, wer er war, weil man ihnen gesagt hatte, dass Genza ihn hierherbringen würde?

Genza führte ihn durch Flure und Innenhöfe, wobei sie sich stetig aufwärtsbewegten. Gelegentlich erhaschte er durch ein Fenster oder von einem Balkon einen Blick auf die Stadt, und die Bilder, die sich ihm boten, wurden von Mal zu Mal beeindruckender. Als sie weiter in das Sanktuarium vordrangen, stieg eine nagende Beklommenheit in Mirar auf.

Ich bin hier absolut im Nachteil, ging es ihm durch den Kopf. Die Stimmen könnten mächtiger sein als ich. Selbst wenn sie sich einzeln nicht mit mir messen könnten, wären sie zusammen stärker als ich. Sie sind von hunderten, vielleicht tausenden sterblicher Zauberer umgeben, die jeden ihrer Befehle befolgen.

Nichts anderes hatte ich erwartet. Womit ich nicht gerechnet habe, ist der Umstand, dass dieses Sanktuarium ein solches Labyrinth ist. Ohne Genza wäre ich hier verloren.

Dennoch hatte er nicht das Gefühl, in Gefahr zu sein. Die Geräusche der Stadt klangen gedämpft, und er nahm keine Bedrohung von den Götterdienern wahr, an denen er vorbeikam. Außerdem verströmte das Sanktuarium mit seinen vielen Innenhöfen und den offenen Wandelgängen Ruhe und Frieden. Trotzdem war es auch ein Ort großer politischer und magischer Stärke, und er ließ die magische Barriere, mit der er sich umgeben hatte, keinen Moment lang sinken.

Schließlich trat Genza aus einem Flur auf einen lang gezogenen, breiten Balkon, auf dem mehrere Männer und Frauen auf Riedsesseln saßen. Bei seinem Erscheinen blickten sie alle voller Interesse zu ihm auf.

»Dies ist Mirar, der Anführer der Traumweber«, erklärte Genza. Dann sah sie ihn an. »Traumweber Mirar, dies ist die Zweite Stimme, Imenja.«

Die Frau, auf die sie deutete, war schlank und hochgewachsen. Es war schwer, ihr wahres Alter zu schätzen.

Das ist die Frau, die während des letzten Krieges für einen Moment ins Wanken geraten ist, so dass es Auraya möglich war, Kuar zu töten, dachte er.

Sie lächelte höflich. »Ich freue mich, dich endlich einmal kennenzulernen. Genza war voll des Lobes, was dich betrifft.«