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Mirar neigte den Kopf. »Auch ich freue mich, dich kennenzulernen, Zweite Stimme.«

»Das ist die Dritte Stimme, Vervel«, fuhr Genza fort und deutete auf einen Mann von stämmigem Körperbau.

Ich erinnere mich, dass ich ihn in der Schlacht gesehen habe, aber ich weiß nichts über ihn. Das werde ich ändern müssen.

»Dies ist die Fünfte Stimme, Shar.«

Der schlanke, gutaussehende Mann mit dem blonden Haar lächelte, und Mirar nickte ihm grüßend zu.

Er ist derjenige, der die Worns züchtet. Derjenige, von dem die südlichen Traumweber sagen, dass er sehr grausam sein könne.

Anschließend machte Genza ihn mit den anderen bekannt. Sie waren »Gefährten« und dienten den Stimmen als Gehilfen und Ratgeber. Die Zwillinge und Auraya hatten ihm bereits von ihnen erzählt.

»Setz dich zu uns, Traumweber Mirar«, lud ihn die Zweite Stimme Imenja ein und zeigte auf einen leeren Sessel.

Mirar setzte sich und nahm ein Glas Wasser von einem der Gefährten entgegen.

»Wir haben soeben über den Krieg gesprochen«, eröffnete Imenja ihm.

»Über einen bestimmten Krieg?«, fragte er.

Sie schüttelte den Kopf. »Über den Krieg und die Kriegsführung im Allgemeinen. Traumweber führen keine Kriege, nicht wahr?«

»Nein. Wir erkennen das Bedürfnis eines Menschen an, sich selbst oder sein Land zu verteidigen, aber unser Gelübde, niemals einem anderen Schaden zuzufügen, verbietet es uns, selbst zu kämpfen.«

»Dann heißt du unseren Angriff auf Nordithania also nicht gut, würdest es aber billigen, wenn wir uns im Falle einer Invasion verteidigen würden?«, fragte Imenja.

Er nickte.

»Und doch würden deine Leute nicht bei der Verteidigung ihres Landes helfen.«

»Das tun wir nur, indem wir die Verletzten heilen.«

»Ihr heilt die Verletzten beider Seiten.«

»Ja. Die Traumweber stehen zu ihrem Gelübde, allen Bedürftigen zu helfen, auch wenn sie ihrem Heimatland treu ergeben sind.«

»Ich verstehe.«

»Diese Einstellung führt doch sicher zu Konflikten zwischen den Traumwebern und ihren Landsleuten?«, hakte die Gefährtin der Frau nach. »Nehmen die Menschen es den Traumwebern nicht übel, dass sie dem Feind helfen?«

»Natürlich tun sie das.« Mirar lächelte. »Aber ebenso oft sind sie vielleicht einem Traumweber aus dem Land ihres Feindes dankbar, weil er einen der ihren gerettet hat.«

»Die Weißen und die Zirkler haben deinen Leuten großen Schaden zugefügt«, sagte Vervel. »Würden deine Anhänger gegen sie kämpfen?«

Mirar schüttelte den Kopf. »Nein.«

»Nicht einmal, um der Unterdrückung zu entfliehen? Nicht einmal, um die Freiheit zu erstreiten, den eigenen Sitten folgen zu dürfen?«

»Nicht einmal dann, wenn wir das eine oder das andere für möglich hielten. Wir könnten zwar alle Weißen töten, aber die Götter würden schnell einen Ersatz für sie finden.«

»Dann glaubst du also, dass die zirklischen Götter real sind?«, fragte Imenja.

Mirar lächelte kläglich. »Ich weiß, dass es so ist. Und ich weiß aus einer verlässlichen Quelle, dass auch eure Götter real sind.«

Die Stimmen sahen einander bedeutungsvoll an.

»Wenn wir die Weißen besiegten«, begann Vervel, »und wenn alle Zirkler Pentadrianer würden, würden die zirklischen Götter niemanden finden, der bereit wäre, den Platz der Weißen einzunehmen.«

»Ah, wenn das doch nur der Wahrheit entspräche!« Mirar seufzte. »Unglücklicherweise müsste zu diesem Zweck jeder einzelne Zirkler bereitwillig seinen Göttern abschwören und sich den euren anschließen.«

»Irgendwann werden sie das vielleicht tun«, meinte Shar. »Natürlich würde es Anhänger des Zirkels geben, die sich insgeheim treffen, und Rebellen und dergleichen. Wir müssten sie aufspüren und…«

»Worauf wir hinauswollen, ist Folgendes: Wenn wir die Macht hätten, wären die Traumweber frei, so zu leben, wie es ihnen gefällt«, unterbrach ihn Vervel. »Dafür würde es sich doch gewiss lohnen, einige Regeln zu brechen?«

Mirar schüttelte den Kopf. »Das Problem ist, dass es sich dabei nicht um eine minder wichtige Regel handelt, sondern um unser oberstes Gesetz und Prinzip.«

»Aber die Zirkler haben versucht, dich zu töten«, rief Genza ihm ins Gedächtnis.

Mirar hielt dem Blick der Frau stand. »Und deine Leute haben in Jarime Traumweber ermorden lassen und es so eingefädelt, dass zirklische Priester als die Schuldigen dastanden.«

Genzas Augen wurden ein wenig schmaler, dann wandte sie sich zu Imenja um.

»Wir können uns wohl glücklich schätzen, dass ihr Traumweber niemandes Partei ergreift«, sagte Imenja leise. »Sei versichert, dass wir nicht alle mit diesem schmutzigen kleinen Plan einverstanden waren.« Er bemerkte, dass Imenjas Gefährtin sie voller Argwohn und Entsetzen anstarrte. »Wir haben nicht die Absicht, diesen Fehler zu wiederholen. Andererseits bin ich mir sicher, dass die Weißen abermals versuchen würden, dich zu töten, wenn sich ihnen eine Gelegenheit dazu böte.«

Mirar lachte düster. »Ich weiß. Sie haben es bereits versucht.«

In Imenjas Augen leuchtete Interesse auf. »Kürzlich? Ist das der Grund, warum du nach Südithania gekommen bist?«

»Ja. Und jetzt stelle ich fest, dass ebendie Frau, die sie mir als Henker geschickt haben, hier wie ein Ehrengast behandelt wird.«

Er beobachtete, welche Gesichter Überraschung verrieten und welche nicht. Imenja lächelte.

»Du weißt, dass Auraya hier ist?«, fragte Genza. »Und du bist trotzdem hergekommen?«

Mirar zuckte die Achseln. »Natürlich weiß ich es. Die Stadt ist voller Gerüchte - und Traumweber.«

Imenja lachte leise. »Und Nekaun hat ihre Anwesenheit kaum geheim gehalten.« Dann sah sie Mirar an, und ihre Miene wurde wieder ernst. »Dir droht keine Gefahr. Wir werden nicht zulassen, dass sie dir etwas antut. Und anscheinend brauchen wir uns auch keine Sorgen zu machen, dass du ihr etwas antun wirst.« Sie musterte ihn forschend; wahrscheinlich hielt sie Ausschau nach Anzeichen dafür, dass er in Aurayas Fall vielleicht eine Ausnahme von seiner Regel machen würde, die ihm Gewalt untersagte. »In einer Woche wird sie fort sein.«

Mirar nickte.

»Es besteht kein Grund, warum du ihr begegnen solltest. Vielleicht würdest du es vorziehen, ihr aus dem Weg zu gehen«, fuhr sie fort. Er spürte Enttäuschung von den Gefährten und verkniff sich ein Lächeln. Sie waren offenkundig neugierig zu sehen, was geschehen würde, wenn er und Auraya aufeinandertrafen.

Neugierig bin ich auch, dachte er. Zu wissen, dass sie in der Nähe ist, und sie nicht ein einziges Mal zu sehen… Gewiss konnte eine Begegnung nicht schaden.

»Mir ist es gleichgültig«, sagte er. »Tatsächlich fände ich es befriedigend, sie sehen zu lassen, dass ich am Leben bin und von ihren Feinden gut behandelt werde.«

Imenja lachte abermals. »Auch das lässt sich arrangieren.«

32

Traumweber Mirar ist ein gutaussehender Mann, ging es Reivan durch den Kopf, während sie beobachtete, wie er und Imenja auf die Flamme des Sanktuariums zuschlenderten. Allerdings nicht mein Typ. Er sieht aus wie ein Nordländer, und dann ist da noch etwas anderes

Er erinnerte sie an einen Denker, in den sie als junge Frau einmal vernarrt gewesen war. Dieser Denker war eines Tages bei einer Zusammenkunft erschienen und hatte alle in seinen Bann geschlagen. Einige Monate später war er dann verschwunden. In den folgenden Jahren war er viele Male unangekündigt aufgetaucht und wieder gegangen. Wann immer er nach Glymma kam, suchte er sich ein anderes hübsches Mädchen, um es dann wieder fallen zu lassen. Reivan war zunächst eifersüchtig gewesen, bis ihr die Mädchen leidtaten, denen so viel versprochen wurde und die dann mit gebrochenem Herzen zurückblieben und manchmal auch mit einer sprießenden Last in ihrem Schoß.

Mirar verströmte eine Sicherheit, die die Menschen anzog, und das war es, was sie an den Denker erinnerte. Er hatte die gleiche Rastlosigkeit in den Augen, als plane er bereits die Reise zu seinem nächsten Ziel. Doch während der Denker fortgegangen war, wann immer er einen Grund hatte, die Flucht zu ergreifen, vermutete sie, dass Mirar einfach umherzog, beobachtete, was immer ihm begegnete, und dann weiterzog.