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Er hat es nicht eilig, dachte sie plötzlich. Das ist der Unterschied. Und warum sollte es auch anders sein, wenn er doch unsterblich ist?

Das war es, was sie am meisten faszinierte. Die Stimmen waren unsterblich, weil die Götter es so wollten. Mirar hatte diesen Zustand irgendwie ohne Hilfe erreicht. Sie hätte ihn liebend gern gefragt, wie er das zuwege gebracht hatte, obwohl sie bezweifelte, dass sie die Antwort begreifen würde.

Er und Imenja hatten vor der Flamme des Sanktuariums gestanden. Jetzt machten sie kehrt und kamen wieder auf Reivan zu.

»… jemals ausgeblasen?«

»Einige wenige Male. Wir haben diese Tatsache nicht verschleiert. Die Menschen können in solchen Dingen recht abergläubisch sein. Wenn wir ihnen nicht erzählen würden, dass es gelegentlich geschieht, würden sie, wenn die Flamme tatsächlich erlischt, womöglich denken, das Ende der Welt sei gekommen oder etwas ähnlich Lächerliches. Auch so versuchen sie, in die seltene Gelegenheit, da die Flamme erloschen ist, irgendeine Bedeutung hineinzugeheimnissen.«

Mirar lachte leise. »Das kann ich mir vorstellen.« Er sah auf. »Ist das ein Siyee?«

Reivan folgte seinem Blick und bemerkte eine geflügelte Gestalt, die langsam emporstieg.

»Ja«, antwortete Imenja. »Einer aus der Gruppe, die wir gefangen halten. Sie haben eins unserer Dörfer angegriffen. Nekaun lässt einen nach dem anderen frei, als Gegenleistung dafür, dass Auraya hierbleibt.«

Mirar nickte. »Davon habe ich gehört. Es ist klug, sie nur nacheinander ziehen zu lassen. Auf diese Weise können sie sich nicht so leicht wieder zusammenrotten und abermals angreifen.«

»Ja.«

»Ihr scheint sie gut zu behandeln«, fügte er hinzu. »Sonst wären sie mittlerweile nicht mehr in der Lage zu fliegen. Gebt ihr ihnen Vorräte mit, damit sie es bis nach Hause schaffen?«

»Unglücklicherweise können sie nicht genug tragen, um den ganzen Weg bis nach Si damit auszukommen, aber was wir ihnen mitgeben, müsste genügen, bis sie Sennon erreichen.«

Imenja geleitete ihn zu der Treppe, die von der Flamme des Sanktuariums in das Gebäude darunter hinabführte. Reivan, die ihnen folgte, hörte irgendwo im Flur vor ihr Stimmen. Imenja und Mirar bogen um eine Ecke und blieben stehen. Als Reivan sie erreichte, erkannte sie die Stimme, und ein Schauer überlief sie. Sie sah Mirar an. Um seine Lippen spielte ein starres Lächeln. Seine Augen leuchteten - vielleicht vor Angst, vielleicht vor Erheiterung.

Reivan betrachtete den Gegenstand seiner Aufmerksamkeit. Auraya starrte Mirar mit schmalen Augen an. Sie stand reglos da, wie angewurzelt. Nekaun warf Imenja einen sehr direkten Blick zu, dann drehte er sich zu Auraya um und öffnete den Mund, um etwas zu sagen - aber er bekam keine Gelegenheit dazu.

»Mirar«, bemerkte Auraya mit vor Verachtung triefender Stimme. »Wie ich sehe, bist du in der Stadt eingetroffen.«

»So ist es«, erwiderte er und schaute kurz zu Imenja hinüber. »Und ich bin herzlich empfangen worden.«

»Nichts Geringeres hätte ich von unseren Gastgebern erwartet.«

Aurayas Blick war durchdringend, aber Mirar zuckte nicht mit der Wimper.

»Nach dem rüden Empfang, den man mir im Norden bereitet hat, hätte ich durchaus etwas anderes erwartet«, erwiderte Mirar hochtrabend. »Aber dann dachte ich: Es muss im Süden besser sein, denn schlechter könnte es kaum sein.«

Auraya lächelte. »Hier haben sie dich einfach noch nicht kennengelernt.«

Mirars Lächeln verblasste ein wenig, und zwischen seinen Brauen erschien eine kleine Falte.

»Wie geht es den Siyee?«

»Gut«, antwortete Auraya knapp.

»Die Weißen haben in ihnen nützliche Verbündete gefunden?«

»Natürlich.«

»Wie ich höre, ist ihre jüngste Mission gescheitert.«

»Ich fürchte, das ist hier nichts Neues mehr.«

»Ja«, pflichtete Mirar ihr bei. »Wahrscheinlich habe ich den Weißen diese Gelegenheit zu verdanken, dir wieder zu begegnen - und dass unter erheblich erfreulicheren Umständen.« Er sah Imenja an. »Ich hoffe, dass wir vor deiner Abreise noch Zeit für ein weiteres Gespräch finden werden. Vielleicht beim Essen?«

»Das lässt sich machen«, erwiderte Imenja milde.

»Vielleicht bei einem ruhigen Essen nur unter uns«, sagte Auraya mit leuchtenden Augen. »Wir könnten unser früheres Gespräch fortsetzen. Da weitermachen, wo wir aufgehört haben.«

»Ich bin davon überzeugt, dass meine neuen Freunde die Gelegenheit willkommen heißen würden, sich uns anzuschließen«, entgegnete Mirar. »Vor allem, da du so bald abreisen wirst. Sie haben vorrangige Ansprüche auf dich, da deine Zeit hier begrenzt ist und meine nicht.«

Nekaun kicherte. »Traumweber Mirar hat recht. Wir haben dir noch immer viel zu zeigen, und deine Zeit hier nähert sich schnell ihrem Ende.« Er wandte sich zu Imenja um. »Vielleicht können wir uns alle heute Abend zum Essen zusammensetzen.«

»Ich werde es veranlassen«, erwiderte sie.

»Und nun möchte ich dich auf einen weiteren Ausflug entführen, der uns aus der Stadt hinausbringt.« Nekaun berührte Auraya sacht an der Schulter, und sie riss den Blick von Mirars selbstgefälliger Miene los, um die Erste Stimme anzusehen. »Wir werden den halben Tag brauchen, um dorthin zu gelangen, daher sollten wir ohne weitere Verzögerungen aufbrechen.«

Mirar beobachtete mit schmalen Augen, wie Auraya davonging, aber als Imenja sich zu ihm umdrehte, sah er sie an und lächelte breit. Sie deutete auf einen Flur, der in die andere Richtung führte. »Möchtest du den Sternensaal sehen, in dem wir unsere Zeremonien abhalten?«

Er nickte. »Klingt faszinierend.«

Als sie in gemächlichem Tempo davonschlenderten, analysierte Reivan das Gespräch zwischen Mirar und Auraya.

»Nach dem rüden Empfang, den man mir im Norden bereitet hat, hätte ich durchaus etwas anderes erwartet.«

»Hier haben sie dich einfach noch nicht kennengelernt.«

Aus diesem Wortwechsel ist Auraya als Siegerin hervorgegangen, überlegte Reivan. Die ehemalige Weiße hatte angedeutet, dass Mirar sich keine Freunde machte, wo immer er hinkam. Damit könnte sie recht haben.

Mirar hatte mit einem verschleierten Seitenhieb reagiert und etwas darüber bemerkt, dass die Weißen die Siyee auf eine aussichtslose Mission geschickt hätten, aber Auraya hatte den Köder nicht geschluckt. Dann hatte Mirar sie verhöhnt und darauf hingewiesen, dass sie ihm hier nichts anhaben könne.

»… nur unter uns. Wir könnten unser früheres Gespräch fortsetzen. Da weitermachen, wo wir aufgehört haben.«

Reivan unterdrückte das Kichern, das in ihr aufstieg. Diesen Wortwechsel hat Auraya ebenfalls gewonnen, dachte sie. Sie hat praktisch angedeutet, dass seine Sicherheit von uns abhänge und dass sie bereit sei, ihn zu töten, wenn ihr die Stimmen die Gelegenheit dazu gaben. Aber Mirar hatte das letzte Wort, glaube ich. Was hat er noch gesagt?

»Ich bin davon überzeugt, dass meine neuen Freunde die Gelegenheit willkommen heißen würden, sich uns anzuschließen… da deine Zeit hier begrenzt ist und meine nicht.«

Sie runzelte die Stirn. Hatte Mirar erraten, dass die Stimmen nicht beabsichtigten, Auraya gehen zu lassen? Oder hatte er lediglich darauf hingewiesen, dass die Stimmen mehr Grund hatten, ihn zu schützen als sie, da er unsterblich war und langfristig einen nützlicheren Verbündeten abgeben würde?

Er ist klug genug, um die Pläne der Stimmen zu erraten, befand Reivan. Jeder, der die Situation gründlich durchdenkt, könnte zu diesem Schluss kommen.