Auraya wurde flau. Das bestätigte, was Mirar ihr erzählt hatte. Ihre Fähigkeit, Gedanken zu lesen, war entdeckt worden.
Aber andererseits, warum sollte er auf mich hören, wenn er nicht auf Imenja hört. Nein, ich kann nur hoffen, dass er Auraya nicht unterschätzt. Sobald er sie getötet hat, wird er zu mir zurückkommen, sagte Reivan sich.
Auraya erschrak. Irgendwie war es beängstigender, Nekauns Absichten so deutlich in den Gedanken der Frau formuliert zu hören. Aber sie spürte auch Zweifel. Die Gefährtin Reivan wusste, dass die anderen Stimmen glaubten, Nekaun werde sie töten, aber sie waren sich nicht sicher. Er hielt seine Pläne vor ihnen verborgen. Dann sah Auraya die größte Angst der Frau, die ständig am Rand ihres Bewusstseins lauerte. Die anderen Stimmen glaubten, Auraya sei mächtiger als Nekaun. Reivan machte sich Sorgen, dass er, wenn er Auraya zu töten versuchte, es allein tun würde. Sie befürchtete, dass er scheitern würde.
Interessant, ging es Auraya durch den Kopf. Ich frage mich, ob sie recht haben. Und es ist eigenartig, dass Nekaun sich nicht den anderen Stimmen anvertraut. Das ist eine Schwäche, die sich ausnutzen ließe.
Die Gefährtin schlief jetzt langsam ein. Wenn sie etwas über die Elai wusste, würde sie in absehbarer Zeit nicht darüber nachdenken. Ihre Gedanken kreisten ausschließlich um Nekaun. Auraya machte sich auf die Suche nach dem Geist anderer Menschen.
Sie würde die verbliebenen Siyee, die noch hier eingekerkert waren, nicht im Stich lassen, aber sobald der letzte von ihnen wegflog, würde sie gewappnet sein, sich gegen Nekaun zu verteidigen.
33
Hast du eine Kopie dieser Schriftrolle angefertigt?, fragte Tamun Emerahl, sobald die Zwillinge sich im Traum mit ihr vernetzt hatten.
Ich versuche es, erwiderte Emerahl. Barmonia hat sie mich nur aus dem einen Grund sehen lassen, weil ich sie für ihn übersetzen kann. Er wird mir nicht erlauben, die Übersetzung für ihn niederzuschreiben. Er erlaubt mir nicht einmal, mir Notizen zu machen. Ich muss mir einprägen, so viel ich kann, und es heimlich aufschreiben.
In welcher Form schreibst du es auf?, fragte Tamun.
Ich habe es in die Innenseite meines Wasserschlauchs eingebrannt. Dort werden sie es niemals finden.
In welcher Sprache?
Auf Hanianisch, so dass sie nicht wissen würden, was ich dort festgehalten habe, selbst wenn sie den Text finden sollten.
Du musst die ursprünglichen Glyphen benutzen! Der kleinste Fehler in der Übersetzung kann die Bedeutung eines Satzes verändern!
Sie wird keinen Fehler machen, warf Surim ein.
Danke, sagte Emerahl, erfreut darüber, dass er sie verteidigte.
Sie würde es vielleicht gar nicht bemerken, widersprach Tamun. Wir dürfen keine Risiken eingehen. In der alten Priestersprache hatten Wörter häufig zwei Bedeutungen.
Wenn Emerahl wach gewesen wäre, hätte sie geseufzt. Tamun hatte die Neuigkeit, dass die Schriftrolle nutzlos war, nicht gut aufgenommen. Sie weigerte sich, es zu glauben, und behauptete, das Gedicht müsse eine verschlüsselte Botschaft enthalten.
Also schön. Ich werde die Glyphen irgendwie kopieren. Aber was dann? Es ist lediglich eine Geschichte. Sie liefert keine Hinweise auf diese Geheimnisse der Götter.
Nein? Tamuns Erheiterung umspülte Emerahls Geist. Das, was du uns wiedergegeben hast, birgt einige offenkundige Fingerzeige.
Offenkundig?
Die Geheimnisse wurden in einer unzerstörbaren Form bewahrt. Was ist unzerstörbar?
Nichts.
Gold, sagte Surim. Oder zumindest hat mir das ein Schmied einmal erzählt. Man kann es einschmelzen und mit anderen Metallen mischen, aber es wird niemals verrosten oder zerfallen.
Wenn die Geheimnisse in Gold festgehalten wurden und man Gold einschmelzen kann, dann kann man die Geheimnisse zerstören, stellte Tamun fest.
Dann muss es etwas sein, das so hart und massiv ist, dass man es nicht zerbrechen kann.
Ein Diamant?, meinte Emerahl. In Gedanken ging sie noch einmal die Schätze durch, die sie in dem Sarg gefunden hatten. Unter dem Schmuck und den anderen Kostbarkeiten waren reichlich Edelsteine gewesen.
Einen Diamanten kann man mit einem anderen Diamanten schneiden, bemerkte Tamun. Damit ist er ebenso zerbrechlich wie Gold.
Was gibt es sonst noch?, fragte Surim.
Die Zwillinge verfielen in Schweigen, während sie nachdachten. Emerahls Gedanken kreisten immer wieder um den Schmuck und die Kleinodien. Wenn die Geheimnisse auf einem Diamanten bewahrt wurden, wäre es eine kluge Idee gewesen, diesen zwischen den anderen Schätzen zu verbergen.
Obwohl es nicht viele Geheimnisse geben konnte, wenn man sie in einen Diamanten eingeritzt hatte. Einige Edelsteine in der Sammlung waren beeindruckend groß, aber auch sie boten zu wenig Platz, um mehr als einige Wörter darauf festzuhalten.
Es wäre einfacher, wenn du die Schriftrolle einfach stehlen und zu uns bringen würdest.
Ich werde diesen gewaltigen Brocken Gold ganz sicher nicht stehlen! Selbst wenn er kein großes, hässliches Stück Dung wäre, das zu schwer ist, um es zu transportieren, wissen wir, dass die pentadrianischen Götterdiener diese Schriftrolle haben wollen. Ich hätte wahrscheinlich während der ganzen Reise zur Küste die Hälfte der Götterdiener Südithanias auf meinen Fersen, und ich würde vielleicht kein Schiff finden können, um…
Wach auf. Es ist etwas geschehen. Der Verräter hat…
Plötzlich nahm Emerahl eine Stimme wahr. Barmonias Stimme. Er schrie. Sofort schüttelte sie den Traum ab und kehrte ins Bewusstsein zurück.
»… diese stinkende Hure von einem Dieb! Ich werde dir mit bloßen Händen die Gedärme aus dem Leib reißen und sie verfüttern…!«
Emerahl stand auf, schlang sich eine Decke um die Schultern und eilte aus ihrem Zelt. Die Schreie kamen aus der Richtung, in der sich die Arems und die Domestiken befanden. Barmonias Worte hallten durch die stille Nacht. Kereon und Yathyir standen neben dem Feuer; Kereon trug eine finstere Miene zur Schau, und Yathyir hatte die Augen vor Angst weit aufgerissen. Der ältere Mann sah zu Emerahl hinüber, dann deutete er mit dem Kopf auf Barmonias Zelt.
Die Türlasche war geöffnet, und sie konnten das Durcheinander dahinter sehen. Auf dem Boden lag ein zerschlagener, verformter Gegenstand: die Schriftrolle.
»Zerschmettert«, sagte er.
Nun begann auch Emerahl lautlos zu fluchen. Barmonia hatte die Schriftrolle mit solcher Inbrunst gehütet und darauf bestanden, zugegen zu sein, wann immer irgendjemand sie studierte, daher hatte sie geglaubt, dass das Artefakt in seiner Obhut sicher sei.
Ich bin eine Närrin!, dachte sie. Die Zwillinge werden außer sich sein.
Das Geschrei verebbte, und zwei Gestalten traten aus der Dunkelheit hervor. Mikmer und Barmonia stritten miteinander.
»… ihn in der Dunkelheit verfehlt. Wenn die Sonne aufgeht, können wir uns auf seine Fährte setzen«, sagte Mikmer.
»Sobald er weiß, dass wir ihm auf den Fersen sind, wird er seine Spuren verwischen. Ich werde mich auf die Jagd machen nach diesem von einer Schlampe großgezogenen, verräterischen…«
Barmonia erstarrte, als er Emerahl bemerkte, und schloss den Mund. Sie versuchte, sich ihre Erheiterung über sein Verhalten nicht anmerken zu lassen.
»Was ist passiert?«, fragte Yathyir mit leiser, verängstigter Stimme.
Barmonia runzelte die Stirn. »Ray hat die Schriftrolle zerschlagen. Die Domestiken sagen, er habe ein Arem genommen und sei davongeritten.«