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»Wann?«

»Vor nicht allzu langer Zeit.«

Erst vor einigen Minuten, ging es Emerahl durch den Kopf. Ray muss sich zu diesem Schritt entschieden haben, während die Zwillinge und ich über die Schriftrolle gesprochen haben. Wenn er diesen Plan früher geschmiedet hätte, hätten sie es gewusst.

»Hatte er etwas bei sich?«, fragte Kereon.

»Ein Bündel und eine große Tasche«, antwortete Mikmer. Dann zog er die Brauen zusammen, als Barmonia in sein Zelt eilte. »Warum?«

Aus dem Zelt des Anführers kam ein Brüllen. Barmonia kehrte zurück, das Gesicht dunkel vor Zorn. »Er hat den Schatz mitgenommen.«

Ein kalter Schauer kroch über Emerahls Haut. Wenn ich recht habe und die Geheimnisse sich auf einem Diamanten irgendwo in dem Schatz befinden

Es überraschte sie nicht, dass Raynora den Schatz gestohlen hatte. Er würde Geld brauchen, da seine Zugehörigkeit zu den Denkern enden würde, sobald sich herumsprach, dass er sie verraten hatte. Was keinen Sinn ergab, war der Umstand, dass er die Schriftrolle zerschmettert hatte. Er hätte sie eigentlich stehlen müssen.

Ist er dahintergekommen, dass das Geheimnis sich in dem Schatz befindet?

Die Schriftrolle würde nirgendwohin gebracht werden. Wenn die Denker sie wiederherstellen konnten, würden sie das tun. Sie brauchte nicht dazubleiben, bis es so weit war.

Ich muss den Schatz wiederfinden. Das ist das Einzige, was zählt.

»Wir können nicht bis morgen früh warten«, knurrte Barmonia.

»Wir sollten uns aufteilen, jeder einige Domestiken mitnehmen und in verschiedene Richtungen gehen«, schlug Kereon vor.

Mikmer seufzte, dann nickte er. »Ich werde nach Norden gehen. Irgendjemand sollte hierbleiben und das bewachen, was von der Schriftrolle übrig ist.«

Barmonia machte ein nachdenkliches Gesicht. »Es hat keinen Sinn, Yathyir auszuschicken. Ich sollte besser im Lager bleiben.« Er sah Kereon und Mikmer an. »Bringt ihn hierher zurück. Ich werde mich um ihn kümmern.«

Die beiden Männer nickten, dann eilten sie davon. Emerahl hörte, wie sie den Domestiken Befehle zuriefen.

»Ich könnte ebenfalls gehen«, erbot sie sich.

Barmonia bedachte sie mit einem harten, argwöhnischen Blick. »Nein. Er könnte gefährlich sein.«

Sie lächelte schwach. »Das bezweifle ich.«

»Nein. Ich brauche dich hier.«

»Ich habe die Schriftrolle übersetzt«, wandte sie ein. »Was könnte ich sonst noch tun?«

»Hierbleiben, wo ich dich sehen kann«, blaffte er. »Um ehrlich zu sein, ich traue dir nicht.«

Sie zuckte die Achseln. »In Ordnung. Dann werde ich wieder ins Bett gehen.«

»Bleib beim Feuer«, befahl er.

Sie zögerte und fühlte sich versucht, einfach aufzubrechen. Er konnte sie nicht aufhalten. Aber vielleicht barg die Schriftrolle noch andere wichtige Hinweise. Möglicherweise war es klug, wenn sie sich gut mit ihm stellte.

Aus der Dunkelheit kam ein Domestik. Er berichtete, dass auf der Straße ins Tiefland ein Licht gesehen worden sei.

Ein Licht, wie? Ich glaube nicht, dass Raynora so töricht wäre, eine Lampe zu benutzen, wo es doch hell genug sein wird, wenn der Mond aufgeht. Wahrscheinlich hat er eine Lampe an ein Arem gebunden, es in die Richtung gedreht, in der das Tiefland liegt, und ihm einen ordentlichen Klaps gegeben. Er selbst wird in die andere Richtung geritten sein, nach Glymma, wo ihn sein Lohn erwartet.

Sie brauchte nur ein wenig Gedanken abzuschöpfen, um eine Bestätigung für ihren Verdacht zu finden.

Also stieß sie einen falschen Seufzer des Ärgers aus und ging zu dem fast erloschenen Feuer hinüber, wo sie sich auf eine der Matten legte und in eine Decke hüllte.

Yathyir und Barmonia kehrten in ihre Zelte zurück. Sie hörte Barmonia über die Schriftrolle reden und darüber, ob er sie retten könne. Schon bald würde er zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt sein, um zu bemerken, dass sie sich davonstahl.

Dann würde sie ihr Bündel und ein Arem holen und sich an die Verfolgung des Verräters machen.

Auraya trieb allein durch ihre Traumtrance. Unter dem Sanktuarium warteten zwei Siyee auf ihre Freilassung. In weniger als zwei Tagen würde sie Glymma und Nekaun entfliehen.

In einem Raum irgendwo in der Nähe lag Mirars Körper auf einem Bett, während sein Geist die Gedanken anderer Menschen abschöpfte. Eine Woge der Zuneigung zu ihm stieg in ihr auf, gefolgt von einem Gefühl sehnsüchtiger Erheiterung. Als Leiard war er zuerst ein Lehrer, dann ein Geliebter für sie gewesen. In Si war er abermals zu einem Lehrer und schließlich zu einem Feind geworden. Jetzt war er ein willkommener Verbündeter. Ein Helfer. Ein Freund.

Ich mag ihn, dachte sie, und das liegt nicht daran, dass er mich an Leiard erinnert. Ich kann ihn nicht sehen, also können meine Augen mir nicht vorgaukeln, dass ich mit Leiard rede. Manchmal liegt in dem, was er während der Traumvernetzungen sagt, eine Spur von Leiard, aber meistens spreche ich mit jemand anderem.

Mit Mirar. Dem Feind der Götter. Auraya zuckte im Geiste die Achseln. Auch Jade ist eine Feindin der Götter, aber das hat mich nicht daran gehindert, sie zu mögen, nachdem ich sie einmal kennengelernt hatte. Muss ich zum Beweis meiner Treue jeden hassen, den die Götter hassen?

Sie können mich nicht dazu zwingen, jemanden zu lieben. Gilt dasselbe für den Hass?

Es war eine interessante Frage, aber sie hatte noch viel zu tun. Seit Mirar es zum ersten Mal vorgeschlagen hatte, hatte sie jede Nacht Gedanken abgeschöpft. Stück um Stück hatten sie genug Informationen zusammengetragen, um zu bestätigen, dass pentadrianische Götterdiener in alle Länder Nordithanias geschickt worden waren, wo sie sich niederlassen und Einheimische bekehren sollten. Die Weißen hatten die meisten dieser Versuche entdeckt und ihnen ein Ende gemacht, einschließlich der erfolgreichsten dieser Unternehmungen in Dunwegen.

Sie streckte ihre Gedanken nach dem Geist aus, der ihr am nächsten war, hielt dann jedoch überrascht inne.

Nicht weit entfernt summten innerhalb der Magie der Welt laute Stimmen.

… geschieht, wenn du dich nicht mit anderen berätst.

Ich habe mich beraten.

Wir haben über Übungen und Prüfungen gesprochen, nicht über die Aufstellung von Armeen.

Um schnell eine ganze Armee aufzustellen, bedarf es der Übung.

Die Stimme, die die Vorwürfe abwehrte, gehörte Huan, während der Ankläger Saru war.

Ein solches Unterfangen weckt außerdem Erwartungen, und

Ich bin wieder einmal in ein Gespräch der Götter hineingestolpert, dachte Auraya. Chaia hat mich gewarnt, dass man mich dabei entdecken könnte. Ich sollte aufhören zu lauschen und

Denkst du wirklich, dass er eine so jämmerliche Ausrede glauben wird? Dies kam von einer älteren, männlichen Stimme. Lore. Auraya zögerte, erstaunt darüber, dass außer Chaia auch andere Götter Huan kritisierten. Die Zirkler fragen sich jetzt, ob wir überhaupt wissen, was wir tun.

Was wohl kaum mein Werk sein dürfte, sagte Huan. Nicht ich habe den Befehl gegeben, dass die Armeen wieder heimgeschickt werden sollen.

Was sollten sie denn tun, wenn sie ihre »Übung« nicht beenden und nach Hause ziehen sollten?

Die Frage kam von Chaia. Beim Klang seiner Stimme wurde Auraya warm ums Herz.

Weitere Übungen?, schlug Huan vor. Wirklich Pech, dass du ihnen den Befehl gegeben hast, sich zurückzuziehen. Sie hätten ein wenig Exerzieren gut gebrauchen können.

Und du wusstest, dass die Pentadrianer davon hören würden, sagte Lore. Du kannst nicht so tun, als hättest du keine Ahnung von den Konsequenzen gehabt.